Zu sehen ist das Buchcover von "Und jetzt du. Rassismuskritisch leben" von Tupoka Ogette, erschienen in der Penguin Random House Verlagsgruppe. © Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
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AUDIO: Wider den Rassismus: Tupoka Ogettes Sachbuch "Und jetzt du" (5 Min)

Tupoka Ogettes Plädoyer gegen Rassismus: "Und jetzt du"

Stand: 28.09.2022 16:47 Uhr

Tupoka Ogette thematisiert in ihrem Buch den Alltagsrassimus. Der Titel "Und jetzt du" ist eine Aufforderung an weiße Menschen, sich selbst zu hinterfragen. Das Buch ist nominiert für den NDR Sachbuchpreis.

von Juliane Bergmann

Tupoka Ogette ist Autorin und Antidiskriminierungs-Aktivistin. Sie kämpft gegen die Unterdrückung von Schwarzen und indigenen Menschen sowie People of Color. Seit vielen Jahren erklärt sie in Workshops und Vorträgen, wie und wo sich Rassismus in unserer Gesellschaft versteckt. Sie berät Unternehmen, Organisationen und Verbände.

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Tupoka Ogette über das Schweigen über Rassismus in der Gesellschaft

Schweigen ist der Standard, wenn es um Rassismus in unserer Gesellschaft geht. Davon ist Tupoka Ogette überzeugt. Weil uns die Sprache fehle und wir nie gelernt haben, über Rassismus nachzudenken und zu reden.

Du musst Rassismus als System verstehen lernen und auch deine Position innerhalb dieses Systems. Zitat aus dem Buch

Ihr Buch richtet sich vor allem an weiße Menschen. Der Titel "Und jetzt du" ist eine Aufforderung in Großbuchstaben.

Rassismus ist kein Randgruppenphänomen

Kraftvoll und entschlossen trägt sie ihre Positionen vor. Mit Abwehr würden wir reagieren, wenn jemand uns rassistisches Handeln unterstellt - Schuld an dieser Defensive sei ein Missverständnis. Rassismus komme nicht nur bei Nazis und Rechtsradikalen vor. Von dieser Vorstellung sollten wir uns verabschieden, fordert Tupoka Ogette. Ihr geht es um unbeabsichtigten Alltagsrassismus. "Wenn Schwarze Menschen, People of colour, täglich Rassismus-Erfahrungen machen, in allen gesellschaftlichen Bereichen, dann gehen diese Rassismus-Erfahrungen aus von Menschen, die Rassismus eigentlich ablehnen. Warum ist das so?" Die Antwort, so Ogette sei: "Weil wir alle rassistisch sozialisiert sind. Es wäre viel wichtiger, sich auf die Suche nach diesem verinnerlichten Rassismus zu begeben, anstatt Schwarze Menschen und People of colour immer wieder in die Bringschuld zu bringen, ihre teilweise auch sehr schmerzhaften Erfahrungen preiszugeben."

Rassismus identifizieren als Beginn zum Dialog in der Gesellschaft

Erst wenn wir Rassismus identifizieren und ansprechen, könne eine gesellschaftlicher Dialog beginnen, sagt Ogette. Sie erzählt im Buch von ganz persönlichen Diskriminierungserfahrungen - als Tochter eines tansanischen Vaters und einer deutschen Mutter, aufgewachsen mit hellbrauner Haut in Leipzig.

Sie schildert auch, wie langwierig und holprig der Weg der Auseinandersetzung für alle Beteiligten ist, die sich dem versteckten Rassismus stellen. Die Autorin macht deutlich, wie verletzend ein unkritischer Umgang in Kindergärten, Schulen, Unternehmen und Kultureinrichtungen sein kann. Der "hautfarbene" Stift am Basteltisch, der nur weiße Menschen meint.

Die Standard-Fragen an schwarze Menschen: "Woher kommst du?", "Warum sprichst du so gut deutsch?". Oder wenn Menschen scheinbar tolerant behaupten, Hautfarben gar nicht wahrzunehmen. "Bei dem Thema Sexismus oder Patriarchat finden wir ja schon Wege, gut darüber zu sprechen. Bei Rassismus höre ich immer wieder, dass Leute sagen: Ich sehe keine Hautfarben. Das ist fatal, weil die Realität ist: Es werden Unterschiede gemacht. Und wenn wir die nicht wahrnehmen, können wir sie nicht proaktiv bekämpfen."

"Und jetzt du": Keine leichte Lektüre - aber lockerer Ton

Keine leichte Lektüre ist es, weil die Autorin uns zeigt, wie unsensibel wir unbewusst immer wieder sind. Diese Verunsicherung sei gut, sagt Ogette:

Zu große Sicherheit beim Thema Rassismus bedeutet Stagnation. Es bedeutet auch alteingesessene Macht und ein Festhalten an Strukturen und Machtschieflagen. Unsicherheit bedeutet Bewegung, Veränderung. Die Veränderung ist ein Prozess. Und in diesem Prozess wird gestritten, diskutiert, evaluiert. Es geht drei Schritte vor und zwei zurück. Es geschehen permanent Fehler und es gibt ständig neue Erkenntnisse. Zitat aus dem Buch

In lockerem Coaching-Ton spricht sie ihre Leserinnen und Leser an. Sie ordnet alle wichtigen Begriffe aktueller Rassismus-Debatten ein: kulturelle Aneignung, farb-igrnoranter Rassismus, weiße Zerbrechlichkeit, Whitesplaining. In kleinen Info-Kästen fasst Ogette Inhalte zusammen und gibt konkrete Tipps auf dem Weg zum rassismuskritischen Leben.

Ich sehe meine Geschwister, rufend, bettelnd, wütend, seit Jahrhunderten kämpfend, immer kämpfend. Ihre verzweifelten Gesichter. Lasst uns atmen. Let us breathe. Zitat aus dem Buch

Definitiv spürt man Tupoka Ogettes schäumende Wut auf ein System, das Schwarze, indigene Menschen sowie People of Color unterdrückt. Dabei will sie den Menschen weder Schuld zuweisen noch etwas verbieten. Sie rät: "Triff deine Entscheidungen informiert, übernimm Verantwortung, gehe ins Gespräch, auch wenn es wehtut."

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Und jetzt du

von Tupoka  Ogette
Seitenzahl:
336 Seiten
Zusatzinfo:
Rassismuskritisch leben
Veröffentlichungsdatum:
8. März 2022
Bestellnummer:
978-3-328-60218-7
Preis:
22 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.09.2022 | 09:20 Uhr

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