Stand: 06.09.2019 11:26 Uhr  - NDR Kultur

So ein Mist! Harrys Pu gibt's nicht mehr

von Alexander Solloch

Alexander Solloch beklagt den plötzlichen Verlust eines unermesslichen Hörbuch-Schatzes. "Gebt uns Harry Rowohlts Pu zurück", fordert er in der Rubrik "BUH des Monats".

"Bother", sagt der Bär von sehr geringem Verstand im schönsten Buch der Welt, geschrieben vor fast hundert Jahren von Alan Alexander Milne, "bother", sagt er immer und immer wieder, und der geniale Harry Rowohlt hat dafür die überhaupt nicht naheliegende, aber einzig mögliche Übersetzung gefunden: "So ein Mist!"

"Pu der Bär": ein Hörbuch, mit dem Rowohlt verzaubert hat

Bild vergrößern
Literaturredakteur Alexander Solloch über das Brausen, Sausen und Verschwinden von Harry Rowohlts "Pu"-Lesung.

"So ein Mist", brummt Pu der Bär in den Hundertsechzig-Morgen-Wald hinein, und "So ein Mist" brummen wir zurück, weil wir so allmählich und viel zu spät begreifen, wie mistig die Lage tatsächlich ist. Harry Rowohlt (der 2015 gestorben ist und, wie es aussieht, noch sehr lange tot sein wird, viel länger, als es uns allen gut tun kann) hat ja nicht nur Milnes Meisterwerk neu übersetzt, das in vorherigen deutschen Fassungen behäbig und witzlos dahinschlurfte, halt so, wie sich Erwachsene etwas "Kindgerechtes" vorstellen, seitdem aber auch in unserer Sprache zischt und braust und hüpft, voller Quatsch und Liebe und Gesang und Gesumm. Nein, er hat es nicht nur übersetzt, er hat auch vor über zwanzig Jahren sechs CDs mit den Geschichten vollgesprochen. Hörbücher, die das Bewusstsein erweiterten, die bewiesen, dass ein Mensch mit Stimme und Musikalität nichts anderes als ein Zauberer ist, ein Verzauberer.

Harry Rowohlt, aufgenommen am 20.03.2011 im Rahmen der Lit. Cologne in Köln. © dpa Foto: Rolf Vennenbernd

Das "Pu-BUH" des Monats zum Nachhören

NDR Kultur - BücherLeben -

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

So ein Mist, die fetten Jahre sind vorbei. Das Hörbuch ist vergriffen und nicht mehr erhältlich, aus, verweht und fertig. Was ist passiert? Die Sache ist kompliziert und verwinkelt, im Ergebnis jedenfalls skandalös. Erschienen war das Hörbuch bei Kein & Aber in Zürich, Harry Rowohlts Leib- und Magenverlag, den er gern liebevoll in "Kein und Aber, oder!?" umbenannt hätte. Die Textrechte lagen unterdessen beim Atrium-Verlag, für den Rowohlt "Pu" einst übersetzt hatte. 20 Jahre lang hat Atrium den Leuten von Kein & Aber die Textrechte umstandslos immer wieder verlängert; zuletzt - nicht mehr.

Unauffällige Begeisterung für Katharina Thalbachs "Pu"

Von der Hamburger Verlagsgruppe W1, zu der Atrium inzwischen gehört, heißt es auf Nachfrage: "Wir haben Kein & Aber ein Angebot zur Verlängerung der Textrechte vorgelegt, das jedoch abgelehnt wurde." Kein & Aber-Verleger Peter Haag entgegnet: "Das ist aber lustig, davon müsste ich doch wissen". Er sagt, W1 habe ihm eine Verlängerung der Textrechte und auch jedes persönliche Gespräch verweigert. Das schmerze ihn sehr, sagt Haag, habe er doch "Pu" seinerzeit persönlich mit Harry Rowohlt aufgenommen und ihm noch wenige Tage vor seinem Tod versprochen, diese Aufnahmen nie aus der Hand zu geben. Jetzt sind sie verschlossen und unzugänglich, von wenigen Exemplaren abgesehen, die noch antiquarisch und natürlich überteuert angeboten werden.  

Bild vergrößern
Harry Rowohlt hat "Pu der Bär" nicht nur kongenial übersetzt - sondern auch selbst gelesen. Dieses Meisterwerk ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Die Verlagsgruppe W1 beharrt auf ihrer Darstellung der Dinge, gibt sich dabei aber nicht übermäßig schmerzensgram. Man habe "Pu" ja mit Katharina Thalbach neu aufgenommen, das Hörbuch werde vom Publikum "mit auffälliger Begeisterung" aufgenommen. Zahlen will W1 sicherheitshalber nicht nennen; laut MediaControl sind seit Erscheinen vor anderthalb Jahren rund 2.000 Exemplare verkauft worden. Das sieht eher nach unauffälliger Begeisterung aus, "ohne jeden störenden Überschwang", wie I-Ah feststellt. Das Publikum will, wie es scheint, Harry Rowohlt; warum darf es nicht Harry Rowohlt bekommen?

Liebe Verlage, unternehmt gemeinsam eine Expotion zum Nordpol, jagt dort das Heffalump, spielt zusammen Pu-Stöcke - und einigt euch. Kein Mensch, der Kulturschätze liebt und so einen Mist blöd findet, wird es euch verargen.

Weitere Informationen
NDR Kultur

BücherLeben

NDR Kultur

Im Literaturmagazin treffen wir Schriftsteller an ungewöhnlichen Orten, entdecken Trends auf dem Buchmarkt und laden HörerInnen zu Literturgesprächen ein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | BücherLeben | 07.09.2019 | 18:00 Uhr

Mehr Kultur

52:22
NDR Kultur
05:03
Nordseereport