Stand: 01.03.2019 15:00 Uhr  | Archiv

Das geheime Leben der Wildkatze

von Chantal Nastasi

Katzenbilder sind wie eine Währung im Internet; manche Menschen glauben sogar, das Internet ist eigentlich nur deshalb erfunden worden, um es mit Katzenbildern fluten zu können! Wenngleich sich NDR Kultur damit in der Regel zurückhält, machen wir doch diesmal eine Ausnahme. Denn die Freiheitsliebe, die Tarnung und das Versteckspiel von Wildkatzen sind einfach zu reizvoll, um nicht in Bildern gezeigt zu werden.

Fast ausgestorben, werden Wildkatzen wieder bei uns heimisch

"Ein Leben ohne Katze ist möglich, aber sinnlos", steht auf einer bunten Blechtafel, die Sabrina Streif geschenkt bekommen hat. Ihre Freunde wissen schon warum: Streif ist Biologin und Mitautorin eines Bildbandes über das Leben der Wildkatzen. Diese scheuen, fast ausgestorbenen Tiere werden zunehmend wieder in unseren Regionen heimisch.

Im Halbdunkel sitzt eine Wildkatze mit lauerndem Blick, den Kopf leicht nach oben gerichtet. Ihr Körper ist nicht zu sehen, verschluckt von der Dunkelheit. Die wachen Augen und die hellen Schnurrbarthaare sind umso präsenter in diesem in dunklen Blautönen getauchten Bild.

Weiter vorn im Buch: mehrere Schnappschüsse einer grau-gestreiften Wildkatze, wie sie durchs Dickicht schleicht, unter Blättern lauert und auf dünnen Ästen jagt, die Vorderpfote zum Sprung bereit, der Kopf leicht geduckt. Auffällig ist der dicke, buschige Schwanz, der geringelt und am schwarzen Ende stumpf ist, an Wangen, Stirn und Schultern ziehen sich markante schwarze Linien. Auch ist das Fell der Wildkatze oft dichter als das der Hauskatzen.

Seit zwölf Jahren fotografiert Klaus Echle die scheuen Tiere

Als die Menschen anfingen, Landwirtschaft zu betrieben, fanden die Wildkatzen viele Mäuse und gewöhnten sich zunehmend an die Menschen. Sie wurden auch auf Schiffen gehalten, um den Vorratsspeicher unter Deck rattenfrei zu halten. Doch nicht alle sahen den Nutzen der Wildtiere. In alter Jagdliteratur liest man über sie: "Wahrhaft furchtbar scharf äugend und vernehmend... unhörbar schleichend und gewandt schleichend", und so wurde die Wildkatze als schädliches Wildtier verfolgt.

In Baden-Württemberg galt die Wildkatze seit Beginn des 20. Jahrhunderts als ausgestorben. Doch 2006 fand man am Oberrhein erstmals wieder ein Exemplar, nachdem diese seltene Tierart schon in anderen Regionen, vor allem im Westen Deutschlands, wieder aufgetaucht war.

Seit zwölf Jahren begleitet der Fotograf Klaus Echle das Forschungsteam in der Region Freiburg auf Spurensuche. Ungewöhnlich nah ist er den Katzen gekommen: Wie sie ihn kritisch, aber auch neugierig beäugen, im Unterholz, mit frisch gejagter Beute zwischen den Zähnen, wie sie sich an Baumstämmen festkrallen. Dabei sind Klaus Echle auch andere wilde Tiere vor die Linse gekommen: Ein junges Fuchsrudel im Nebel, ein stolz dreinblickender Uhu im Schnee, ein Eisvogel an einem schmalen Flusslauf, außerdem ein paar Dachse, ein Waschbär und ein Marderhund, der dem Waschbären zum Verwechseln ähnlich sieht.

Wissenswerte Details über Wildkatzen

Neben den vielen aktionsreichen Fotografien erfährt der Betrachter amüsant und verständlich geschilderte Details über die wissenschaftliche Arbeit der Wildkatzenforscher. Welche Umgebung die Tiere bevorzugen, dass man sie mit dem Duft von Baldrian anlocken kann, um sie mit Peil-Sendern auszustatten und dass nur etwa ein Viertel der kleinen Wildkatzen älter als fünf Monate wird, aufgrund ihrer Fressfeinde in freier Wildbahn und weil sie sehr witterungsempfindlich sind. Auch wissen wenige, dass sie gern Höhlen von Füchsen und Dachsen übernehmen, da sie mit ihren Krallen keine eigenen bauen können.

Für Katzenliebhaber gibt es auch ein paar Seiten zum Schmachten: das traute Miteinander kleiner Wildkätzchen, ihre wachen Augen, eine Katzenmutter, die eines ihrer Jungen liebkost und mit scharfem Blick vor Eindringlingen schützt.

Sehr oft haben Katzenfotos etwas Anrührendes. Man schaut sie gern an, sie bringen einen zum Schmunzeln. Doch dieser Bildband besticht durch seinen Blick auf die Wildheit, auf das Ursprüngliche, zeigt das Wesen der Katze in ihrer natürlichen, einstigen Umgebung. Authentische Bilder, viele Nahaufnahmen und dazu wohldosiertes wissenschaftliches Hintergrundwissen.

Wildkatzen - Rückkehr in unsere Wälder

von Klaus Echle (Fotografie), Texte von Sabrina Streif, Rudi Suchant und Sarah Veith
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
28.0 x 24.5 cm, gebunden mit SU, mit 200 farbigen Abbildungen
Verlag:
Knesebeck
Bestellnummer:
978-3-95728-238-5
Preis:
30,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.03.2019 | 17:40 Uhr

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