Stand: 15.11.2019 18:00 Uhr

Vorlesen: So macht es Eltern und Kindern Spaß

Ein Drittel aller Eltern liest seinen Kindern zu selten oder sogar nie vor. Das hat die aktuelle Vorlesestudie ergeben - mal wieder, muss man sagen, denn diese Zahl hat sich seit 2013 kaum verändert, trotz massiver Kampagnen zur Leseförderung. Am Freitag war bundesweiter Vorlesetag, auf mehr als 600.000 Veranstaltungen wurde vorgelesen, aber das allein kann das Defizit in Sachen Vorlesen nicht ausgleichen.

Katharina Mahrenholtz aus der NDR Info Kulturredaktion, Sie haben sich viel mit Leseförderung beschäftigt - warum tun sich so viele Eltern offenbar schwer mit dem Vorlesen?

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NDR Info Redakteurin Katharina Mahrenholtz beschäftigt sich unter anderem mit Leseförderung und gibt regelmäßig Buchtipps für Kinder und Jugendliche.

Katharina Mahrenholtz: Ich denke, es kann viele Hürden geben. Schwierig ist schon das Wort Vorlesen. Viele Eltern fühlen sich erst aufgefordert, wenn das Kind alt genug ist, um gedruckten Text zu verstehen - also drei oder vier Jahre. Vorlesen im Sinne der Leseförderung, die ja am Anfang vor allem ein Sprachförderung ist, fängt viel früher an. Sobald Kinder ganz einfache Bilder erkennen, drauf zeigen können. Wir alle kennen Pappbücher, Wimmelbücher, in denen es keinen Text gibt. Die sind nicht dafür gedacht, dass sich die Kinder allein damit befassen, sondern dass man darüber mit ihnen in einen - auch noch so einfachen - Dialog kommt: Wo ist die Kuh? Wie macht der Löwe? Kannst du die kleine Maus entdecken? Das ist erstes Vorlesen - auch wenn es eigentlich heißen müsste: "mit Büchern beschäftigen".

Wenn die Kinder dann älter sind und bereit für längere Texte, sind Eltern aber noch mehr gefordert. Es kann ja nicht jeder gut vorlesen …

Mahrenholtz: Das ist genau das, was viele Eltern befürchten. Aber: Es gibt kein Gut oder Schlecht hier. Natürlich kann nicht jeder Vater oder jede Mutter wie ein Hörbuchsprecher lesen - das muss auch gar nicht sein! Kinder lieben es, wenn man ihnen vorliest, egal wie perfekt man betont oder in verschiedene Rollen schlüpft. Da sind Kinder unkritisch - und im Resultat ist es egal. Hauptsache, man liest vor. Und: Je mehr man vorliest, desto geübter ist man ja und desto leichter fällt es.

Nun ist es ja gerade abends oft schwer, sich als Mutter oder Vater zu motivieren, nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag noch vorzulesen, oder?

Mahrenholtz: Absolut. Es kann durchaus passieren, dass man dabei müder wird als das Kind. Und was ich jetzt sage, könnte fast noch mehr abschrecken: Es ist nicht Sinn der Sache, 20 Minuten "Pippi Langstrumpf" abzuspulen, die Uhr im Blick, das Feierabendbier im Kopf und dann einen Haken dran zu machen. Nein, man sollte mit dem Kind über das Vorgelesene reden. Man sollte fragen: Was meinst du, wie es weitergeht? Oder: Weißt du noch, was gestern passiert ist (wenn es ein dickeres Buch ist)? Bei schwierigen Wörtern sollte man innehalten, fragen, ob das Kind dieses Wort kennt - wenn nicht, es erklären - und fragen, ob es ähnliche Situationen wie in dem Buch erlebt hat. Man sollte natürlich nicht die Lektüre dauernd unterbrechen, aber man sollte schon drüber reden.

Das klingt anstrengend ...

Mahrenholtz: Ja, aber: Ich garantiere, dass es erstens unglaublich viel bringt im Hinblick auf Sprachförderung, Textverständnis, Empathie, dass es zweitens eine richtig schöne halbe Stunde mit dem Kind am Ende des Tages werden kann und dass es auch den Eltern viel mehr Spaß macht als einfach einen Tagesordnungspunkt namens Vorlesen abzuarbeiten.

Das waren schon gute Tipps - gibt es noch mehr?

Mahrenholtz: Das Wichtigste ist natürlich, dass man ein Buch wählt, das den Eltern und dem Kind gut gefällt. Das wird natürlich einfacher, je älter das Kind ist. Am Anfang wird man in einer Schleife mit immer denselben Bilderbüchern gefangen sein, die man dann sehr bald auswendig kann, aber so ab fünf, sechs Jahren gibt es sehr gute Kinderbücher, die durchaus auch Eltern begeistern. Es gibt unter ndr.de/kinderbücher auch regelmäßig neue Empfehlungen von uns!

Das Interview führte Stefan Schlag, NDR Info

Zwei Bücher über das und zum Vorlesen

  • "Die verzauberte Stunde" von Meghan Cox Gurdon

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    "Die verzauberte Stunde" von Meghan Cox Gurdon kostet 24 Euro und ist im Insel Verlag erschienen.

    Nach diesem Buch könnte man den Eindruck haben, dass Vorlesen ein Allheilmittel ist. Gegen den hektischen Alltag und schlechte Noten, für eine großartige Eltern-Kind-Beziehung und eine bestmögliche Entwicklung. Ganz so einfach ist es sicher nicht, aber Meghan Fox Gurdon hat auf jeden Fall ein wunderbares Plädoyer für das Vorlesen geschrieben. Sie geht auf wissenschaftliche Studien ein, stellt Fallbeispiele vor, lässt immer wieder praktische Tipps einfließen, zitiert viele andere Autoren, die ihre Vorleseerlebnisse beschreiben und fordert sehr deutlich dazu auf, Smartphones und Tablets auch mal beiseite zu legen beziehungsweise gar nicht erst in die Hände kleiner Kinder gelangen zu lassen: "Das Vorlesen kann uns zurückgeben, was die Technik uns genommen hat."

    Viele Passagen bleiben in einem sehr bildungsbürgerlichen Kontext - etwa wenn sie beschreibt, wie sie ihrer ganzen Familie "Die Schatzinsel" vorliest und auch die Kleinkinder ruhig auf ihrem Schoß sitzen. Das könnte den Durchschnittsvorleser abschrecken, genau wie die sehr ambitionierten Buchtipps im Anhang, die der deutsche Verlag zum Glück um einige alltagstaugliche Titel ergänzt hat.

  • "Lies mal vor!" von Irene Margil und Gabie Hilgert

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    "Lies mal vor!" von Irene Margil und Gabie Hilgert ist im Carlsen Verlag erschienen und kostet 7,99 Euro.

    Dieses Buch richtet sich in der Ansprache und der Aufmachung eher an Kinder, viele Tipps können aber durchaus auch von Erwachsenen genutzt werden. Schließlich heißt es auch im Untertitel: "Vorlesetipps vom Profi vom 9 bis 99". Der Profi ist die Autorin Irene Margil, die sich in Workshops und Fortbildungen viel mit dem Thema Leseförderung, vor allem mit dem Vorlesen, beschäftigt hat.

    In diesem neuen Buch hat sie verschiedenste Tipps zusammengestellt, die das Vorlesen erleichtern – von der Auswahl des Textes über Glücksbringer bis zur Gestaltung einer optimalen Bühne. Es gibt praktische Übungen, um die Sprechmuskeln zu lockern, ein Artikulationstraining und Zeichnungen für die richtige Sitzposition. Außerdem wird geklärt, wie man Pausen, Geräusche und Betonungen einsetzt. All das ist gut verständlich geschrieben, übersichtlich gestaltet und mit vielen farbigen Bildern illustriert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 15.11.2019 | 06:55 Uhr

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