Stand: 25.10.2019 15:00 Uhr  | Archiv

Die Welt aus der Vogelperspektive

von Irene zu Dohna

Nicht nur die Welt von oben betrachten, sondern diesen Blick auch auf Bildern festhalten - das war ein lang gehegter Wunsch der Menschen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dieser Traum Wirklichkeit. Die ersten Fotokünstler stiegen auf in luftige Höhen und fotografierten die Welt aus der Vogelperspektive. Dahinter verbirgt sich eine spannende Entwicklung, die der Bildband "Von oben - Die Geschichte der Luftbildfotografie" erzählt.

Gleich auf der ersten Seite des Bildbands verweilt der Betrachter. Er muss sich Zeit nehmen, um zu erkennen, was dort abgebildet ist. Acht blasse schwarz-weiße Glasplatten-Dias sind dort zu sehen. An manchen Stellen sind sie ein wenig verschwommen und gleichen einem zarten Aquarell. Dann ist das Objekt plötzlich klar und deutlich zu erkennen: der "Arc de Triomphe", 1858 eingefangen vom legendären Fotografen Nadar aus einem Fesselluftballon. Es ist das erste Foto, das aus der Luft aufgenommen wurde. Eine neue Kunstform der Fotografie war geboren.

Pionier der neuen Fotokunst: Georg Gerster

Etliche Jahrzehnte später erweist sich Georg Gerster in den 1960er-Jahren als weiterer Pionier auf diesem Gebiet. Seine ikonischen Bilder aus der Vogelperspektive zählen heute zu den bekanntesten Werken der Luftaufnahmen: "Das Dorf Labbezanga in Mali auf einer Insel im Niger ist für mich noch immer das schönste Dorf Afrikas. Die Regierung wollte das Dorf von der Insel aufs Festland umsiedeln. Einfach aus administrativer Bequemlichkeit", erzählt der Schweizer Fotokünstler Georg Gerster bei einer Ausstellungseröffnung.

Dicht an dicht schmiegen sich die sandfarbenen Lehmhäuser aneinander. Perlenschnüren gleich schlängeln sich die kugelrunden Hütten durch die Dorflandschaft. Schmale Straßen, kleine Innenhöfe und bauchige Getreidespeicher ergänzen das Bild. Es gleicht fast einem abstrakten Gemälde. 1972 erscheint das Foto im "National Geographic Magazin". "Und heute ist die Regierung stolz auf dieses Dorf und schickt alle Touristen dahin", sagt Gerster. Seine Bilder sind stets auch eine Mahnung für den Betrachter. Ihm ging es um den Schutz, um die Bewahrung der Erde. Gerster starb Anfang 2019 im Alter von 91 Jahren.

Tom Hegen zeigt Eingriffe des Menschen in die Natur

Seit einigen Jahren fotografiert auch der deutsche Künstler Tom Hegen die Welt von oben. Auf einem seiner Bilder knallt dem Betrachter geradezu ein kraftvolles Feuerrot entgegen. Im Kontrast dazu unterbrechen zarte, weiße Linien das Foto. In der linken, oberen Ecke verfeinert ein weiches Türkis die Aufnahme. Doch der Schein trügt. Das Foto zeigt keine farbenfrohe Sommerwiese von oben, sondern die Salzgewinnung in Frankreich in der Nähe von Montpellier.

Der Fotograf selbst beschreibt seine Aufnahmen so: "Die sind sehr gefällig. Auch von den Farbgebungen her sind das Sachen, die man sich gerne ansieht. Das heißt, der Betrachter wird erst einmal mit Zucker gefüttert, merkt aber irgendwann schnell, dass es Gift ist, was er eigentlich sieht. Gerade wenn man hier in Deutschland von München aus startet und sich die Landschaft von oben ansieht, merkt man schnell, dass über 90 Prozent unserer Landschaft in Deutschland vom Menschen verändert worden sind. Das war mir anfangs nicht so bewusst."

Schönes und Erschreckendes wird aus der Höhe sichtbar

"Von Oben - Die Geschichte der Luftbildfotografie" ist ein aufwendig gestalteter Band, den der Laurence King Verlag hier vorlegt. Die mehr als 200 Aufnahmen, die Bildqualität, das Layout und die informativen Texte ergeben ein stimmiges Ganzes. Doch vor allem zeigt der Bildband eines: Das, was uns am Boden zuweilen verborgen bleibt, wird aus der Höhe sichtbar. Egal, ob es schön oder erschreckend ist.

Von oben. Die Geschichte der Luftbildfotografie

von Eamonn McCabe (Fotos)
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Text von Gemma Padley, übersetzt von Birgit van der Avoort. Hardcover, 260 x 298 mm, deutsch, 200 Fotos, 160 davon farbig
Verlag:
Laurence King Verlag GmbH
Bestellnummer:
978-3-96244-082-4
Preis:
48,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 27.10.2019 | 17:40 Uhr

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