Volker Kutscher / Kat Menschik: "Mitte" © Galiani bei Kiepenheuer & Witsch

Neuer Krimi von Volker Kutscher und Kat Menschik: "Mitte"

Stand: 08.10.2021 12:41 Uhr

Volker Kutschers Krimis um Kommissar Gereon Rath bilden die Vorlage für die erfolgreiche Serie "Babylon Berlin". Jetzt erscheint aus dem Gereon-Rath-Kosmos die Brieferzählung "Mitte".

Volker Kutscher / Kat Menschik: "Mitte" © Galiani bei Kiepenheuer & Witsch
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von Katja Eßbach

Schon lange wird ja über die Vor-und Nachteile von E-Books gestritten. Der größte Nachteil ist natürlich, man kann die Bücher nicht anfassen. Im Fall von "Mitte" ist dieser Nachteil entscheidend. Denn dieses Buch muss man unbedingt anfassen. Den rauen Leineneinband, den Farbschnitt, das glatte feste Papier. Auch die großartigen Illustrationen von Kat Menschik kommen elektronisch nur halb so gut rüber.

Ein Buch, das man anfassen muss

Kat Menschik zeichnet sehr detailverliebt, hauptsächlich in orange, gelb und violett. Sie sagt selbst über ihre Arbeit: "Genau das ist die größte Herausforderung an meine Arbeit , wenn ich Literatur illustriere, dass ich mit meinen Bildern im Idealfall sogar eine andere Geschichte erzähle. Die möglicherweise die geschriebene Geschichte nur streift oder daran erinnert. Die Zeichnungen können gern Irritationen sein. Dass der Leser denkt: Was erzählt die denn da? Das steht doch hier gar nicht."

Volker Kutscher erzählt diese Geschichte ausschließlich in Briefen. Geschrieben von Fritz Thormann, dem früheren Pflegesohn von Kommissar Gereon Rath und seiner Frau Charly. Das Buch knüpft direkt an "Olympia" den bislang letzten Rath-Krimi an.

Erzählung aus dem Berlin der 30er-Jahre

Es ist Herbst 1936 und der 15-jährige Fritz musste wegen der Geschehnisse im Olympischen Dorf untertauchen. Er wurde damals Zeuge mehrerer Morde und wurde von der Gestapo gesucht. Deshalb lebt er jetzt mit einem gefälschten Pass und unter falschem Namen allein zur Untermiete. Die ersten Briefe klingen harmlos, Fritz schreibt über sein neues Leben als Kohlenmann in Berlin:

Meist schleppe ich den Leuten die Briketts mit der Kiepe die Treppe hoch, wie man das so kennt. Das ist anstrengend, aber dafür gibt’s auch extra Treppengeld und manchmal sogar eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen. An anderen Tagen kippen wir den Schulen und Krankenhäusern und Kasernen und allen, die Zentralheizung haben, die Kohlenkeller voll. Leseprobe

Die Geschichte ist erst harmlos, dann immer spannender

Empfängerinnen der Briefe sind Hannah, eine jüdische Freundin, die aus Berlin fliehen musste und jetzt unter ebenfalls falschem Namen in Breslau lebt und Charly, Gereon Raths Frau und frühere Pflegemutter von Fritz. Was Fritz nicht ahnt, erfahren die Leserinnen und Leser durch einen offiziellen Brief ans Jugendamt: Die Gestapo sucht ihn noch immer. Nicht nur von der Geheimpolizei geht Gefahr für Fritz aus. Er trifft zufällig auch einen Mann wieder, der in die Morde im Olympischen Dorf verwickelt war und der Fritz nun bedroht:

Da hat er mich beim Kragen gepackt, und ich habe gemerkt, wie stark der ist. "Jetzt hör mir mal gut zu, Junge", hat er gesagt, und es war mehr ein Zischen als ein Sprechen, "vielleicht war ich beim letzten Mal nicht deutlich genug. Aber es reicht. Wenn du noch einmal mit diesem Mist anfängst, dann baller ich dir derart ein paar in deine schmutzige Visage, dass du dich an deiner Zigarette verschluckst." Leseprobe

"Mitte" von Volker Kutscher ist ein schmaler Band mit rund 100 Seiten. Die anfängliche Harmlosigkeit verfliegt schnell, die Briefe werden drängender und ängstlicher. Kutscher gelingt es, Spannung aufzubauen und den Ton eines 15-Jährigen in den 1930-er Jahren zu treffen. Erich Kästner hat da sichtlich manchmal Pate gestanden.

Exclusive Aufgabe für die Illustratorin Menschik

Die Entstehungsgeschichte der Brieferzählung ist im Übrigen ungewöhnlich, erzählt Illustratorin Kat Menschik: "Es war so, dass Volker Kutscher mir einen ganzen Stapel mit Kurzgeschichten gab, die er schon geschrieben hat und wir waren beim Essen und er sagte: Na, such dir eine aus. Er kaute gerade und konnte nicht so reagieren und ich sagte: Nein, ich hätte es gern exklusiv. Ich möchte keine Geschichte, die schon erschienen ist. Dann musst er erstmal runterkauen und diese drei Sekunden, die haben gereicht, dass er sich das überlegt hat und gesagt hat: Okay, ich schreib dir eine Geschichte."

Die Erzählung "Mitte" ist ein interessantes Puzzleteil im Gereon-Rath-Kosmos. Allerdings muss man sagen, dass es auf jeden Fall hilfreich ist, die Kutscher-Krimis, vor allem aber Band 8 "Olympia" zu kennen.

Mitte

von Volker Kutscher / Kat Menschik
Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Roman, Krimi
Verlag:
Galiani
Bestellnummer:
978-3-423-28236-9
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.10.2021 | 12:40 Uhr

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