Stand: 11.06.2020 16:50 Uhr

Großer Auftritt beim Ball der Verrückten

von Katja Weise

In Frankreich war der Debütroman von Victoria Mas ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum: "Die Tanzenden" wurde 2019 als Debüt des Jahres ausgezeichnet und landete weit oben auf den Bestsellerlisten.

Victoria Mas: "Die Tanzenden" © Piper
"Die Tanzenden" ist ein gut recherchierter Roman über die Zustände an der Salpêtrière, der Frauen-Psychiatrie in Paris.

Die 1987 in der Nähe von Paris geborene Autorin hat sich inspirieren lassen von einer wahren Begebenheit: dem im 19. Jahrhundert während der Karnevalszeit in Paris stattfindenden "Bal des folles", wörtlich übersetzt "Ball der Verrückten".

Es ist ein seltsamer Ort, an den Victoria Mas uns führt: Das "Hôpital de la Salpêtrière" in Paris, das es heute noch gibt, war im 19. Jahrhundert eine der bekanntesten, psychiatrischen Anstalten Europas. Hier behandelte der berühmte Neurologe Jean-Martin Charcot seine ausschließlich weiblichen Patienten. Die interessantesten Fälle präsentierte er in seinen Vorlesungen regelmäßig einem ausschließlich männlichen Publikum.

Guten Tag, meine Herren. Danke, dass Sie gekommen sind. In der heutigen Lehrveranstaltung werde ich Ihnen die Hypnose an einer Patientin demonstrieren, die an einer schweren Hysterie leidet. Sie ist sechzehn Jahre alt. Seit sie vor drei Jahren in die Salpêtrière gekommen ist, haben wir mehr als zweihundert hysterische Anfälle bei ihr verzeichnen können. Leseprobe

Frauen und Mädchen wie dieser Sechzehnjährigen habe sie mit ihrem Roman eine Stimme verleihen wollen, sagt Victoria Mas. Louise heißt bei ihr diese Vorzeigepatientin.

Ist es so recht, Madame Geneviève? Lass deine Haare offen. Das ist dem Doktor lieber. Leseprobe

Vorzeigeobjekte in einer Männerwelt

Madame Geneviève ist die Oberaufseherin. Sie kümmert sich distanziert, aber verlässlich um die "Geisteskranken", wie Victoria Mas die in der Salpêtrière eingeschlossenen Frauen konsequent nennt. Obwohl die Autorin gleichzeitig deutlich macht, dass dies vor allem ein von der Gesellschaft vergebenes Etikett ist.

Louise wurde als Dreizehnjährige von ihrem Onkel missbraucht, und Eugénie ist eine blitzgescheite junge Frau aus der Pariser Bourgeoisie. Ihr erscheinen regelmäßig die Geister der Toten - Spiritismus war damals groß in Mode. Wider besseres Wissen erzählt Eugénie ihrer Großmutter davon. Der Vater handelt schnell.

"Ich flehe sie an, verstoßen Sie mich nach England, egal wohin - aber nicht hierher." - "Du bist eine Cléry. Wo auch immer du hingehst, du trägst unseren Namen. Der einzige Ort, an dem du ihn nicht entehren kannst, ist hier." - "Papa! Genug jetzt!" Leseprobe

Unangepasste Frauen wurden in die Psychiatrie abgeschoben

Louise, Geneviève und Eugénie - diese drei Frauen stehen im Mittelpunkt des Romans. Beispielhaft zeigt Victoria Mas an ihren Biografien nicht nur, wie im 19. Jahrhundert mit Patientinnen in psychiatrischen Anstalten umgegangen wurde, wie Frauen teilweise regelrecht entsorgt wurden, weil sie nicht in die Gesellschaft zu passen schienen.

Mas zeigt auch, und das ist ihr großes Anliegen, wie wenig Frauen zu sagen hatten, wie viel Gewalt ihnen widerfuhr. Von Männern, die ausnahmslos über ihr Schicksal entschieden. Landeten sie in der Salpêtrière, wurden sie einfach vergessen, auch von ihren Familien.

Einmal im Jahr allerdings, an Mitfasten, interessierte sich ganz Paris für sie. Der "Ball der Verrückten" - so auch der Originaltitel des Romans "Bal des folles" - ist das gesellschaftliche Ereignis. Fieberhaft werden die Tänzerinnen erwartet.

Nur beim Ball der Verrückten interessierte man sich für die Kranken

Ein zaghaftes, nervöses Stimmengewirr mischt sich unter die Klänge. Dieses Warten, ein letztes Mal, erregt die Gemüter noch mehr und hält die Gespräche in Gang: "Wie sie wohl aussehen, was meinen Sie?" "Glauben Sie, dass man ihnen in die Augen sehen darf?" "Letztes Jahr hat sich eine alte Irre auf sämtliche Männer im Saal gestürzt!" "Sind sie aggressiv?" Leseprobe

Victoria Mas löst ihr Versprechen mit diesem Roman ein: Sie hat offensichtlich umfassend recherchiert und gibt den vergessenen, missachteten und missverstandenen Frauen der Salpêtrière eine Stimme. Sie erzählt voller Empathie und Leidenschaft.

Manches gerät im Eifer etwas plakativ, aber Mas brennt spürbar für ihren Stoff, und dieser Schwung reißt auch das Lesepublikum mit. Die Filmrechte sind übrigens schon vergeben. Ein ganz besonderer Genuss ist auch das Hörbuch, gelesen von Wiebke Puls - das liegt schon vor.

Die Tanzenden

von
Seitenzahl:
236 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-07014-0
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.06.2020 | 12:40 Uhr

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