Michel Houellebecq: "Vernichten" © DuMont Verlag

Groß angekündigt: Houellebecqs Roman "Vernichten"

Stand: 14.01.2022 14:05 Uhr

Anfang Januar ist mit "Vernichten" der neue Roman von Michel Houellebecq erschienen - umrankt von einer Geheimniskrämerei, die ihrerseits ganz gut mal den Spott Houellebecqs vertragen würde.

von Alexander Solloch

Sein deutscher Verlag DuMont kündigte das Buch erst kurz vor Weihnachten an, hielt den Titel zunächst geheim, verschickte Lese-Exemplare spätestmöglich an Kritiker, die sich obendrein dazu verpflichten mussten, vor dem 10. Januar kein einziges rezensierendes Wort über den Roman zu verlieren, woran sich dann doch kaum jemand hielt. Man sieht: Der Literaturbetrieb hält dem von Houellebecq seit Jahren beschworenen Niedergang westlicher Kultur beharrlich stand; er funktioniert.

Zuletzt war von Houellebecq vor gut einem Jahr der Essayband "Ein bisschen schlechter" erschienen; damals hatte NDR Kultur Kritiker Alexander Solloch gemeint: "Nicht Fisch, nicht Fleisch. Karamell und Peperoni gibt es erst wieder mit dem nächsten Roman." Kann das Buch dieser Hoffnung standhalten?

Romanfigur Paul leidet am Leben

Dafür, dass es alles in allem vollkommen sinnlos ist, macht dieses menschliche Leben doch manchmal erstaunlich viel Spaß. In seinen guten Augenblicken ist Protagonist Paul Raison fast versöhnt mit der irdischen Existenz, in Augenblicken wie diesen:

Die menschliche Welt schien ihm aus kleinen Kackwürsten zu bestehen, manchmal kamen die Würste in Bewegung und kopulierten, daraus folgte die Existenz neuer, ganz kleiner Kackwürste. Seit einigen Jahren kopulierten die Kackwürste in geringerer Anzahl, sie schienen gelernt zu haben, einander zurückzuweisen, sie nahmen den Gestank der anderen wahr und schoben einander angewidert beiseite, ein Aussterben der menschlichen Art erschien mittelfristig vorstellbar. Blieben noch andere Schweinereien wie die der Schaben und der Bären, aber man kann nicht alles gleichzeitig regeln, dachte Paul. Leseprobe

Zwischen Last und Mühsal gibt es für Paul auch gute Momente

Man muss wissen, dass diese wurstigen Ideen im Strom seiner sonstigen Gedanken die eher heiteren Momente darstellen. Zu Heiterkeit besteht ja auch hier und da Anlass, etwa wenn sich zeigt, dass es doch noch so etwas wie Liebe gibt im Leben von Paul. Nach vielen Jahren, in denen er und seine Frau Prudence sich nicht einmal mehr das Nötigste mitteilten, weil es schlicht nichts Nötiges zu geben schien, fallen sie nun auf einmal wie die Teenies übereinander her, und das - gibt Paul zu - fühlt sich schon ganz gut an, zumal alles andere nichts als Last und Mühsal ist.

Wenn Gott wirklich existierte, hätte er seine Absichten deutlicher machen können, Gott kommunizierte sehr schlecht, ein solches Maß an Dilettantismus wäre in einem professionellen Umfeld nicht zulässig gewesen. Leseprobe

In dem pflegt er nämlich zu arbeiten: Paul Raison, Mitte vierzig, Absolvent der Elite-Hochschule ENA, engster Vertrauter des französischen Wirtschaftsministers Bruno Juge. Der wiederum - ein brillanter Politiker, wohl der brillanteste seit Jean-Baptiste Colbert - steht einerseits im Zentrum diffuser Drohszenarien, die eine rätselhafte Gruppe von Cyber-Terroristen im Netz versteckt, andererseits spielt er an der Schwelle zu den Wahlen 2027 eine entscheidende Rolle in den postdemokratischen Überlegungen des scheidenden Präsidenten.

Stress sowohl im Beruf als auch im Privatleben

Mittendrin, aber nie so ganz dabei, tapert Paul Raison durch die Monate des Wahlkampfs und erlebt und erleidet währenddessen seine ganz persönliche "éducation sentimentale"- Gefühlserziehung: Ihn fordern ja nicht nur die unerwartet aufwallenden ehelichen Emotionen, sondern auch der Schlaganfall seines Vaters, das Elend im Pflegeheim, das zuvor kaum je denkbare Zusammenrücken der Familie, das dann aber auch in der Katastrophe endet, und schließlich: die eigene schwere Krankheit. Wenn Leben bedeutet, immerzu mit Vernichtung rechnen zu müssen, möchte man sich doch lieber verkriechen.

Paul hatte die Welt stets als einen Ort betrachtet, an den er nicht gehörte, ohne dass er es jedoch eilig gehabt hätte, ihn zu verlassen, weil er schlichtweg keinen anderen kannte. Vielleicht wäre er besser ein Baum gewesen, zur Not auch eine Schildkröte. Leseprobe

Große Erzählkunst trotz seiner Weitschweifigkeit

Theoretisch könnte man Houellebecq so einiges vorwerfen: seine Weitschweifigkeit auf über 600 Seiten, die nun wirklich nicht nötig gewesen wären, die allzu konventionelle Erzählperspektive, das ausgiebige Bad in Banalität, das er seine Figuren immer wieder genießen lässt. Wesentliche Zutaten eines misslungenen Romans rührt er hier zusammen.

Aber das Ergebnis ist wieder einmal ein Zaubertrank, ein großes Erzählkunstwerk, das im allgemeinen menschlichen Elend doch die Möglichkeit einer Insel aufblitzen lässt. Keiner weiß, wie er das macht, außer allenfalls ihm selbst, Michel Houellebecq, der Miraculix der Literatur.

Vernichten

von Michel Houellebecq, aus dem Französischen von Stephan Keimer und Bernd Wilczek
Seitenzahl:
624 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
DuMont
Bestellnummer:
978-3-8321-8193-2
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.01.2022 | 12:40 Uhr

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