Der Schriftsteller Umberto Eco lacht in die Kamera. © picture alliance / ROPI | Grassani/Fotogramma Foto: picture alliance / ROPI | Grassani/Fotogramma

Umberto Eco: Universalgelehrter, Bestsellerautor und Entertainer

Stand: 05.01.2022 09:00 Uhr

Vor 90 Jahren wurde der italienische Schriftsteller und Medienwissenschaftler Umberto Eco geboren. Er führte ein erfolgreiches Leben, das nicht nur aus Büchern bestand. 

von Joachim Dicks

Es gibt eine schöne Geschichte über den italienischen Schriftsteller Umberto Eco. Als ihn einmal ein Journalist in seiner Privatbibliothek besucht hat, fragte der ihn: "Und diese Bücher haben sie alle gelesen?". Eco soll geantwortet haben: "Nein, das sind die Bücher, die ich gerade lese." Dann führte Eco seinen Gast in einen weiteren Bibliotheksraum und sagte: "Und das sind die Bücher, die ich schon gelesen habe." Für Umberto Eco war Lesen ein Lebenselixier. Es verschaffte ihm nicht nur Bildung, sondern auch Humor. Sein wohl berühmtester Roman "Der Name der Rose" zeigt beides.

Umberto Eco: Ein italienisches Multitalent

"Zum Glück bin ich eine gespaltene Persönlichkeit", so hat sich Umberto Eco selbst einmal umschrieben und damit erklärt, wie er in nur einem Leben so außerordentlich produktiv sein konnte. Als er 1980 als 52-Jähriger sein Romandebüt "Der Name der Rose" vorlegt, ist er als Philosoph und Medienwissenschaftler längst weltweit anerkannt. Bücher wie "Das offene Kunstwerk" und die "Einführung in die Semiotik" machen ihn in den 1960er-Jahren zum "Herrn der Zeichen". Zwischendurch arbeitet er einige Jahre beim Fernsehen und versucht, ein Kulturprogramm auf die Beine zu stellen. Dann ist er Sachbuchlektor, bis er an die Universität in Bologna berufen wird, die er noch als Professor emeritus bis zu seinem Tod 2016 ausfüllt.

Die Verlegerin und jahrzehntelange Wegbegleiterin Inge Feltrinelli hat ihn dort einmal besucht: "Es ist wunderbar, ihn bei seinen Studenten in Bologna zu sehen. Er hat mich über eine Konferenz über Buchverlagswesen eingeladen", berichtet Feltrinelli. "Und er setzte sich in die erste Reihe. Und da ist er wirklich glücklich. Man merkt: Er ist einfach ein großer Pädagoge. Und er ist eigentlich, wie er immer war. Ein bisschen dicker, trinkt ein bisschen weniger, aber im Grunde ist er derselbe Umberto Eco, den ich seit 40 Jahren kenne."

"Der Name der Rose" bleibt Ecos größter Erfolg

Umberto Eco: Der Friedhof in Prag (Buchcover) © Carl Hanser Verlag
Weder "Der Friedhof in Prag", noch "Das Foucaultsche Pendel" konnten an Ecos Erfolg mit seinem Debütroman "Der Name der Rose" anknüpfen.

"Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen gegen Ende November. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, und so bedeckte ein frischer weißer Schleier, kaum mehr als zwei Finger hoch, den Boden": So beginnt das erste Kapitel von "Der Name der Rose" in der deutschen Übersetzung. Das Buch wurde millionenfach weltweit in zahlreichen Übersetzungen verkauft und schließlich auch erfolgreich verfilmt. Aus dem Wissenschaftler Eco wird ein Bestsellerautor.

Er lässt noch sechs weitere Romane folgen - etwa "Das Foucaultsche Pendel" und "Der Friedhof in Prag", aber keiner kann an den Erfolg des Debüts anknüpfen. Umberto Eco sagte dazu: "Wenn ich einen einzigen Roman retten müsste, den ich geschrieben habe, dann würde ich "Das Foucaultsche Pendel" retten und nicht "Der Name der Rose". Man sollte nicht mit dem ersten, sondern mit dem letzten Roman Erfolg haben. Wenn du mit dem ersten Roman Erfolg hast, dann bist du verloren."

Eine Mischung aus Popstar, Professor und Goethe

Auch die Kunst der Übertreibung beherrschte Eco, denn verloren war er sicher nicht. Sein politisches Engagement gegen die Politik von Silvio Berlusconi zeigte sich in zahlreichen Zeitungsartikeln und Interviews. Bei aller Lebensfreude und allem Humor war er auch skeptischer Realist: "Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles fließt, in der sich die Idee des Staates auflöst, die Idee der Parteien. Es gibt keine Orientierung mehr. Die Leute wissen nicht, womit sie sich identifizieren sollen. Wir sind Selfie. Wir identifizieren uns nur noch mit uns selbst", sagte Eco.

Bei einer Lesung in Hamburg stellte ihn die Kulturwissenschaftlerin Lucia Braun einmal so vor, ohne die abschließende Ergänzung Umberto Ecos ahnen zu können: "Er ist auf der einen Seite das moralische Gewissen von Italien, der Intellektuelle, der sich einmischt. Er ist der Universalgelehrte, der Professor, der Wissenschaftler, der Forscher. Er ist der Bestsellerautor, der sozusagen Masse und Elite zusammengebracht hat, Volk und Schriftsteller. Und er ist der Entertainer und populär wie ein Popstar. Wenn man es auf deutsche Verhältnisse übertragen wollte, könnte man sagen: Er ist eine Mischung aus Günter Grass, Friedrich Kittler, Johannes Mario Simmel und Harald Schmidt. Er ist alles zusammen in einer Person." Eco ergänzte: "Und Goethe."

Weitere Informationen
Umberto Eco (1932-2016), italienischer Schriftteller und Philosoph, auf einer Aufnahme von 1995. © picture alliance / ROPI Foto: Antonio Pisacreta
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.01.2022 | 07:40 Uhr

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