Stand: 23.08.2016 18:11 Uhr

Buchpreis-Longlist: "Langweilig und staubtrocken"

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Ulrike Sárkány ist verärgert über die Longlist.

Alljährlich, seit 2005, wird mit der Longlist zum Deutschen Buchpreis der Bücherherbst eingeläutet. Nun war es so weit: Aus 178 Einreichungen wurden 20 Romane ausgewählt, und es hat den Anschein, dass inzwischen niemand mehr bereit ist, sich über Gebühr zu ereifern über die mal wieder grauenhaft lückenhafte Auswahl. Denn natürlich fehlen wichtige Romane, die es genauso verdient hätten. Ein Interview mit Ulrike Sárkány aus der NDR Kultur Literaturredaktion.

Frau Sárkány, Sie sind doch bestimmt verärgert darüber, dass ganze 16 Bücher von Ihrer Vorschlagsliste keine Rolle spielen, oder?

Ulrike Sárkány: Ich gebe zu, dass ein Anflug von Ärger immer dabei ist. Aber das bedeutet ja nur, dass man für seine Sache brennt. Ich finde die Liste ehrlich gesagt zu großen Teilen langweilig, staubtrocken und betulich. Die Kollegen Joachim Dicks, Alexander Solloch und ich haben zum Beispiel einen Diogenes-Titel auf unserer Favoritenliste, Emanuel Bergmanns "Der Trick". Aber eigentlich weiß man schon, dass nie ein Buch aus dem Schweizer Diogenes Verlag von so einer Feuilletonistenrunde gekürt wird. Fragen Sie mich nicht, warum! Ich kann das nicht beantworten.  

Meinen Sie, da geht es um U und E, also Unterhaltung und Ernsthaftigkeit? Und für den Deutschen Buchpreis muss es immer E sein?

Sárkány: Ja, von der Tendenz her auf jeden Fall. Doris Dörrie ist da nicht salonfähig, Joachim Meyerhoff hingegen schon. Dabei ist sein Roman über seine Zeit an der Schauspielschule auch ziemlich unterhaltsam.

"Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (von Joachim Meyerhoff) ist im November 2015 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und steht damit als einziger Titel aus dem Vorjahr auf der Liste.

Sárkány: Ja, das ist eine besondere Anerkennung für ihn. Man versteht bloß nicht, warum diesem Bestseller die Ehre widerfährt, während Juli Zehs "Unterleuten" ignoriert wird. Oder auch Abbas Khiders "Ohrfeige".

Da ein aus dem Irak stammender Schriftsteller, nämlich Najem Wali, in der Jury gesessen hat, hätte man eigentlich mit mehr Fluchtgeschichten rechnen können, oder?

Sárkány: Literatur reagiert immer mit fünf bis zehn Jahren Verzögerung auf Ereignisse der Weltgeschichte - das wäre sonderbar, wenn es eine solche thematische Verengung gegeben hätte. Der Roman "Der Weg der Wünsche" von Akos Doma, der erste Kandidat auf der Longlist, erzählt eine Flucht aus Ungarn, lange vor der Wende. Da liegt die Verzögerung sogar bei 30 Jahren.

Wie sieht es denn in diesem Jahr mit dem Proporz aus?

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20 Bilder

Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016

Die nominierten Titel für den Deutschen Buchpreis 2016 stehen fest: Die Jury hat 20 Romane für die Longlist ausgewählt. Hier die Favoriten der siebenköpfigen Jury. Bildergalerie

Sárkány: Sie meinen sechs Frauen, 14 Männer. Zwei Schweizer, vier Österreicher. Das ist alles so wie gewohnt.

Fünf Titel aus dem Frankfurter S. Fischer Verlag - das geht eigentlich gar nicht. Und keiner von Carl Hanser - undenkbar! Dafür einer von Zsolnay, einer aus Joachim Unselds Frankfurter Verlagsanstalt - das ist eine Novelle von Bodo Kirchhoff - dann kommt die jüngste Autorin auf der Liste, die Österreicherin Michelle Steinbeck, mit ihrem Debütroman "Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch" aus dem kleinen Lenos Verlag.

Sie waren ja im vergangenen Jahr selbst in der Jury. Spielen solche Erwägungen - welche Verlage, welches Geschlecht, welche Nationalität, welches Lebensalter - bei der Auswahl überhaupt eine Rolle?

Sárkány: Nein, natürlich nicht in erster Linie. Zunächst versucht jeder von den sieben Jurymitgliedern seine Favoriten durchzudrücken. Dann kommt es zwangsläufig zu Mehrheitsentscheidungen - und am Ende wird schon auch geprüft, ob sich ein gefährliches Ungleichgewicht ergeben hat. Ich erinnere mich, dass wir da voriges Jahr alle ziemlich verdattert über die Longlist waren, die wir am Ende eines langen Tages zusammengestellt hatten.

Das Dumme ist leider nur, dass für den einzelnen Autor beziehungsweise die einzelne Autorin so viel davon abhängt, ob man auf die Liste gekommen ist oder nicht.

Sárkány: Ja, das stimmt. Das macht mich auch von Jahr zu Jahr ein bisschen misstrauischer diesem Instrument gegenüber. Das Lesepublikum wird extrem manipuliert durch diese Blickverengung. Für Sibylle Lewitscharoff ist es aber wichtig und gut, dass sie jetzt mit ihrem Roman "Das Pfingstwunder" nominiert ist. Der erscheint am 11. September bei Suhrkamp.

Haben Sie schon Ihre Voraussage für die Shortlist fertig?

Sárkány: Das ist das reinste Ratespiel, aber ich sag mal: "Drehtür" von Katja Lange-Müller, "Das Pfingstwunder" von Sibylle Lewitscharoff, "Weshalb die Herren Seesterne tragen" von Anna Weidenholzer, "Apollokalypse" von Gerhard Falkner, "Weit über das Land" von Peter Stamm und "HOOL" von Philipp Winkler - ein vielversprechender junger Autor, Jahrgang 1986, aus Hannover.

Was hat es mit den sechs Buchpreis-Bloggern auf sich, die der Börsenverein zum Mitdiskutieren eingeladen hat?

Sárkány: Das muss sich jetzt zeigen, ob die mit ihren Beiträgen überhaupt von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Sechs Hobby-Leser, die ihre Lesefrüchte auf ihrer Webseite anderen mitteilen, sollen die Longlist untereinander besprechen. Mal sehen, was dabei rauskommt.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.08.2016 | 19:00 Uhr

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