Stand: 21.02.2020 12:40 Uhr  - NDR Kultur

Doppelagent aus Angst

Der Empfänger
von Ulla Lenze
Vorgestellt von Anja Dolatta

In ihren bisherigen Romanen war es vor allem der Orient, den Ulla Lenze als Sehnsuchtsort ihrer Figuren beschrieb, so zum Beispiel in ihrem Debüt "Schwester und Bruder" von 2003. Nun richtet sie den Blick erstmals nach Westen - und in die Vergangenheit: "Der Empfänger" erzählt die Geschichte eines deutschen Auswanderers in New York, der kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ins Visier der Weltmächte gerät.

Roman "Der Empfänger": Spion wider Willen

Bücherjournal -

Von einem Spion der besonderen Art erzählt Ulla Lenze in ihrem neuen Roman "Der Empfänger". Es ist die fiktiv ausgestaltete Geschichte ihres Großonkels, der ins Visier der Weltmächte gerät.

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Die Autorin erzählt von der Sehnsucht nach einem ruhigen Leben in Anonymität.

Als Amateurfunker zieht der unscheinbare Josef Klein die Aufmerksamkeit von Nazi-Spionen und dem FBI auf sich und wird unfreiwillig zu einem Doppelagenten. Nach Kriegsende hat er alles verloren - vor allem seinen Traum von einem Leben in Freiheit.

Er schaltete den Apparat an und nahm Platz. Leise Signale tröpfelten durch einen Strom aus Knistern und Pfeifentönen. Er sendete sein Rufzeichen, dann ein CQ - come quick. Er wiederholte das ein paar Mal und genoss das Weltraumrauschen und Knistern, das Gefühl, die ganze Welt zu sich strömen zu lassen. Leseprobe

Nur Stimme sein, Teil einer körperlosen Menge - so erlebt sich Josef Klein, wenn er an seinem selbstgebauten Funkgerät sitzt und die Mitteilungen von Menschen aus aller Welt empfängt. Der Gebrauch von Rufzeichen statt Namen verleiht ihm völlige Anonymität, und nichts wünscht er sich mehr. Aus diesem Grund ist er in den Zwanzigerjahren nach New York ausgewandert, in diese multikulturelle Millionenstadt, in der man sich von seiner Herkunft befreien kann.

Lesung
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Die Nazis agieren auch in den USA

Mit dem Aufstieg der Nazis in Deutschland wird das jedoch zunehmend unmöglich, denn auch in Amerika erheben sich nun Antisemiten, Rassisten und deutsche Nationalisten, die die Bevölkerung mit Flugblättern überschütten. Als Drucksetzer muss Josef ebendiese Flyer herstellen und auf Wunsch seines Chefs auch die Kundgebungen besuchen, auf denen er als Deutscher gern gesehen ist. Dabei sind die hasserfüllten Parolen für ihn nur schwer zu ertragen.

Die Lautsprecher schepperten. Der Redner vorne sprach von Revolution, von Volk, von Rasse, von Patriotismus und Nation. Er stellte Fragen, und die Männer riefen Antworten. Josef drehte sich um, blickte in rote Gesichter. Er überlegte, ob er einfach aufstehen und gehen sollte. Würden sie sich dann auf ihn stürzen und ihre Wut an ihm auslassen? Leseprobe

Über eines dieser Treffen gerät er an den überzeugten Nazi Hans Schmuedderich vom amerikadeutschen Bund, der von Josefs Fähigkeiten als Funker gehört hat. Schmuedderich vermittelt ihm einen gut bezahlten Job: Für eine Hamburger Textilfirma soll er regelmäßig Daten versenden, harmlose Informationen, die nur zur Wahrung des Betriebsgeheimnisses verschlüsselt wurden.

Aus Angst vor den Nazis wird Josef zum Doppelagenten

Genau das redet sich Josef immer wieder ein, auch dann noch, als die Wahrheit offensichtlich wird. Seine Angst vor den gewalttätigen Hintermännern zwingt ihn zum Weitermachen, obwohl das seine Beziehung zu der jungen Aktivistin Lauren gefährdet. Doch mit der Zeit durchschaut sie ihn, ebenso Josefs Freund Arthur, der ihn aufzurütteln versucht.

"Ich arbeite nicht für die Deutschen", sagte Josef leise. "Doch, tust du."
Jetzt war es ausgesprochen. Er konnte inzwischen kaum atmen, die Atemzüge schienen seine Lungen nicht zu erreichen. Arthur sagte leise: "Mach denen bloß keine Szene. Falls sie sich selber irgendwann offenbaren, tu so, als sei es doch sowieso klar gewesen. Wenn du mich fragst, war es das auch. Wie schaffst du es bloß, so naiv zu sein?" Leseprobe

Seine Arglosigkeit hat Josef in die Gesellschaft von Faschisten geführt - und seine Angst vor ihnen zum FBI. Im Gegenzug für seine Mitwirkung an der Sprengung des Spionagenetzwerks erhält er nach Kriegsende eine mildere Strafe, wird 1949 nach Deutschland abgeschoben, wo er bei der Familie seines Bruders Carl unterkommt. Doch auch hier findet Josef keine Ruhe, da Carls Fragen nach seiner Vergangenheit ihn immer wieder in Erklärungsnot bringen.

Enttäuschte Hoffnung auf ein unbehelligtes Dasein

Bei der Erforschung seines Gewissens gerät er ins Wanken zwischen Abmilderungsversuchen und Schuldeingeständnissen. Am Ende bleibt ihm nur zu wiederholen, was er sich von seinem Leben in den USA eigentlich erhofft hat: ein unbehelligtes Dasein, befreit von allen Erwartungen.  

Einfach ein Mensch sein, dachte er. Der isst, atmet, schläft, arbeitet, manchmal mit Frauen flirtet, sofern sie über dreißig waren. Einfach sein. Irgendwann kam die Einsicht, dass einfaches Sein das Schwierigste war. Alle wollten irgendetwas aus einem machen - und sei es, einen Deutschen, der nichts dafür konnte, Deutscher zu sein.

Bis zum Schluss verweigert Ulla Lenze eine klare Einordnung ihres Protagonisten, der je nach Ansicht Täter oder Widerständler, Kollaborateur oder Verräter ist. Denn von beiden Seiten lässt sich Josef letztlich instrumentalisieren - ein bloßer Empfänger von Befehlen.

Der Empfänger

von
Seitenzahl:
302 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klett-Cotta
Bestellnummer:
978-3-608-96463-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.02.2020 | 12:40 Uhr

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