Stand: 30.12.2018 12:00 Uhr

Hommage an Bergen und seine Bewohner

Bergeners
von Tomas Espedal, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Vorgestellt von Andrea Gerk
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In dieser poetischen Textsammlung umkreist Espedal seine Heimatstadt und deren Bewohner.

Die Stadt Bergen an der Südwestküste Norwegens ist bekannt für ihre bunten Holzhäuser im Weltkulturerbe-Viertel Brygge oder weil Künstler wie Edvard Grieg und Henrik Ibsen hier lebten und wirkten. Auch für die norwegische Literatur ist Bergen ein wichtiger Ort, nicht nur, weil Karl-Ove Knausgård hier die Schreibakademie besuchte. Der Schriftsteller Tomas Espedal hat seiner Heimatstadt ein Buch gewidmet: "Bergeners" heißt es.

Die Stadt, in der es fast immer regnet

"Warum wohnen einige von uns hier? Weil man hier arbeiten kann. Es regnet so viel und das Klima ist so demütigend, deprimierend und unmenschlich, dass einige von uns gut arbeiten können. Das ist der einzige Grund", erklärt Autor Tomas Espedal.

Bergen ist die regenreichste Stadt Europas. Zwischen Fjorden und Bergen gelegen, ist die alte Hansestadt Ausgangspunkt der klassischen Postschiffroute und zahlreiche Touristen schlendern durch das Unesco-Welterbeviertel Brygge mit seinen bunten Holzhäusern. Die Künstler, Musiker und Literaten der Stadt kennen einander und Tomas Espedal, der bei uns noch unter Geheimtipp läuft, ist hier eine Berühmtheit. Weshalb er - der ein wunderbares Buch übers Gehen geschrieben hat - auch kaum noch in Ruhe durch seine Stadt flanieren kann:

Bekannt zu sein ist manchmal lästig

Espedal sagt: "An einem gewissen Punkt, den ich hasse, war es ganz schwierig für mich zu Fuß zu gehen, weil jeder mit mir reden wollte. Ich habe es manchmal trotzdem gemacht, weil ich ein ganz normaler Bergener sein wollte. Aber einfach um mich frei zu fühlen, fahre ich jetzt mit dem Rad. Wenn die Leute dann "Hallo!" rufen - zische ich einfach vorbei …"

In seiner poetischen Textsammlung umkreist Espedal seine Heimatstadt und deren Bewohner: Gleich zu Anfang flieht er nach Madrid, weil er "das Theater um Knausgårds Bücher" nicht mehr aushält, aber mehr noch, weil er an schwerem Liebeskummer leidet. In New York erklärt ihm seine Freundin Janne, während norwegischer Lachs serviert wird: "Wenn wir nach Hause kommen, müssen wir uns trennen."

"Eine zu lieben, die weg ist, ist dasselbe wie schreiben," heißt es im Buch und so dürfen wir dabei sein, wenn der Erzähler raucht, trinkt, alleine seinen 50. Geburtstag feiert oder Goyas "schwarze Bilder" beschreibt, mit denen sein poetisches Verfahren eine Art innere Verwandtschaft aufweist.

Schreiben sollte wie Malerei sein

"Es muss wie Malerei sein", erklärt der Autor seine Arbeitsweise. "Du weißt nicht genau, wo es dich hinführt, du fängst einfach irgendwo an. Was mich fasziniert ist Langsamkeit und ich versuche der Schönheit von Worten, Sätzen und Rhythmen mit dem Stift zu folgen. Wenn ich schon wüsste, was und wie ich schreiben werde, das würde mich nicht interessieren. Es ist eine Art Forschungsarbeit, einfach irgendwo anzufangen und zu schauen, wo die Sprache mich hinführt."

Er wolle einen Roman schreiben, der wie Poesie ist, hat Espedal einmal gesagt, und tatsächlich gelingt es ihm in jedem seiner so präzisen wie berückenden Texte, das Alltägliche, die Wirklichkeit zu verwandeln. Genau darüber wurde an der berühmten Schreibakademie von Bergen diskutiert, an der Knausgård einer der vielversprechendsten Schüler Espedals war.

Das Wirkliche beschreiben

"Wir müssen das Wirkliche mit all unserem Ernst und all unserer Kraft beschreiben," formuliert er in einer programmatischen Passage und erzählt, dass sie sich absetzen wollten von den großen Autoren der 60er- bis 80er-Jahre. "Man muss seiner Zeit einen eigenen Stempel aufdrücken. Es ging darum, erstens Literatur unangenehm zu machen und zweitens das literarische Ich zu erforschen. Wenn man in der Lyrik "ich" sagt, bleibt jeder entspannt. Jeder weiß, es ist ein Stilmittel, aber wenn man in einem Roman "Ich" sagt, dann geht es um dich. Und das war damals eine echte Provokation. Jetzt nicht mehr, jetzt sind wir damit durch."

Tomas Espedal ist hoffentlich noch lange nicht durch, denn seine klare, präzise Prosa hat etwas seltsam Berauschendes und macht Lust auf das wilde, poetische Leben, von dem dieser außergewöhnliche Dichter in jedem seiner Bücher erzählt.

Bergeners

von
Seitenzahl:
156 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Matthes & Seitz
Bestellnummer:
978-3-95757-615-6
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.12.2018 | 12:40 Uhr

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