T. C. Boyle: "Sprich mit mir" © Hanser Verlag

T. C. Boyle: "Sprich mit mir"

Stand: 27.01.2021 11:11 Uhr

T.C. Boyle ist 72 Jahre alt und einer der erfolgreichsten US-Autoren der Gegenwart. Seine Bücher werden verfilmt und er ist eine Art Popstar der Literaturszene.

von Stefan Maelck

Besonders auffällig ist Boyles Vorliebe für komische Käuze der amerikanischen Geschichte, die, ganz anders als der Autor, nicht unbedingt Rock'n'Roll waren: Cornflakes-Pionier Alfred Kellogg, Sexforscher Alfred Kinsey oder Architektur-Avantgardist Frank Llloyd Wright. Jetzt ist der neue Roman von Boyle da: In "Sprich mit mir" geht es wieder um einen komischen Kauz und dabei, wie immer bei Boyle, um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur.

Im Anschreiben des Hanser-Verlages zum Leseexemplar des neuen T.C. Boyle werden die Lesenden als "Liebe Boyleians" begrüßt. Boyleians, also Menschen, die T.C. Boyle schon sehr lange folgen, vielleicht schon seit seinem Debütroman "Wassermusik" und die Bücher lieben, die man allesamt als Experimente oder Exkursionen lesen kann.

Professor Schermerhorn hat eine ungewöhnliche Idee

Dazu nutzt der Autor gern den Trick der Versuchsanordnung, das Scheitern des Experiments erhöht dabei oft das Lesevergnügen. So auch in Boyles 18. Roman "Sprich mit mir". Wir schreiben das Jahr 1978, die Talking Heads haben ihr zweites Album veröffentlicht, und die UCSM-Studentin Aimee entdeckt beim Zappen durchs TV-Programm eine Gameshow, die ihr Leben verändern soll.

Eigentlich hatte sie keine Zeit dafür, aber dann hatte sie sie doch, denn was der Moderator da ankündigte, war nicht das Übliche: Guy Schermerhorn war nicht der unscheinbare Ehemann einer Sexbombe oder irgendein Autorennfahrer, den man nur an seinem Helm erkannte, oder der Entdecker eines neuen Elements im Periodensystem, sondern ein Wissenschaftler, der behauptete, er bringe Affen das Sprechen bei. Leseprobe

Ein Schimpanse soll Gebärdensprache lernen

Natürlich meint Schermerhorn das Sprechen in Gebärdensprache. Auch wenn sich die Kandidaten der Gameshow über den Professor lustig machen, weiß Aimee sofort, dass sie mit Sam, so heißt der Schimpanse in Windeln, arbeiten möchte. Schermerhorn sucht ohnehin nach einer Assistentin, seit ihn seine Frau - Sam’s engste Bezugsperson - verlassen hat. Aimee setzt sich spielend gegen eine Mitbewerberin durch, weil sich Sam sofort für sie entscheidet.

Das Haus des Professors ist das reinste Chaos. Sam, der nur mit Cheeseburger, Pizza und Eiscreme zu beruhigen ist, steckt in der Pubertät und macht was er will. Er stibitzt den Hausschlüssel, versteckt ihn wie Harry Houdini unter seiner Zunge und  büxt aus, wann immer er kann. Und er verliebt sich auf den ersten Blick in Aimee. Die wiederum verliebt sich nicht nur in Sam, sondern irgendwann auch in Guy Schermerhorn, der seinerseits von einem Auftritt in der Johnny Carson Show träumt,  weil er weiß, dass nur Popularität sein Projekt und seine neue Beziehung retten kann.

Die Forschungsmittel werden gestrichen und das Experiment scheitert

Sam derselben Kategorie wie Hunde oder Katzen zuzuordnen war nicht nur herabsetzend, sondern auch so unwissend und fantasielos, dass es an Dummheit grenzte. Sam besaß Präsenz. Er hatte Charisma. Und das würde Guy Ed McMahon und Johnny Carson und dem ganzen Rest von Amerika vorführen - und wenn er das tat, würde er ausgeruht sein, zum ersten Mal seit Wochen, denn Sam schlief jetzt wieder in seinem eigenen Bett. Zusammen mit Aimee und seinen Flöhen und den Träumen, die seine Arme und Beine mitten in der Nacht zucken ließen, dass das Bett wackelte. Leseprobe

Doch das Experiment steht unter keinem guten Stern. Das ahnt der Leser bereits sehr früh. Die zweite Erzählebene schildert Sam's Martyrium in einem Käfig - doch, doch, als Boyleian darf man auch bei einem Schimpansen von Martyrium sprechen -, denn irgendwann ist Schluss. Guy bekommt keine Gelder mehr von seinem einstigen Förderer Dr. Moncrief, Sam wird für Tierversuche an eine andere Uni verkauft. Guy verliert alles.

Die Natur kennt weder Ethik noch Erbarmen

Als er am nächsten Morgen noch immer nichts von ihr gehört hatte, ahnte er, dass sie ihn verlassen hatte und die ganze Zeit nicht mit ihm hatte zusammen sein wollen, sondern mit Sam, nur mit Sam. Es war ein harter Schlag. Schlimmer als damals, als Melanie gegangen war, denn wenn man es auf den Punkt brachte, fühlte es sich wirklich wie eine Scheidung an, schmerzhaft wie ein Hieb, wie eine Verbrennung: Der eine Elternteil bekam das Sorgerecht, der andere nichts, keinen Carson, keine Karriere, ja nicht einmal ein Buch, das irgendein Verlag veröffentlichen würde. Leseprobe

Kann man der Natur mit ethischen Begriffen wie Gnade und Erbarmen beikommen? Diese Frage ist ein wiederkehrender Boyle-Topos. Während Guy sich in sein Schicksal fügt, gibt Aimee nicht auf. Sie befreit Sam und lebt mit ihm in einem Trailerpark in Arizona. Schließlich lässt sie Sam sogar taufen.

So kommt es auf den letzten Seiten dieses atemlos erzählten Romans nochmal zu einem Feuerwerk an typischen Boyle-Szenen, in denen Sam nicht nur in der Lage ist zu erklären, wer Gott ist, sondern worin der getaufte Schimpanse letztlich auch die menschlichste Wesensart überhaupt vorführt: Er lügt. Experiment gelungen, auch wenn das Scheitern schon programmiert war.

Sprich mit mir

von T.C. Boyle, aus dem Englischen von Dirk Gunsteren
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26915-6
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.01.2021 | 12:40 Uhr

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