Stand: 26.02.2020 10:11 Uhr  - NDR Kultur

Der Fluch, die Vergangenheit wieder zu erleben

Sind wir nicht Menschen
von T.C. Boyle, aus dem Englischen von Annette Grube und Dirk Gunsteren
Vorgestellt von Stefan Maelck
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Der Autor verarbeitet in seinen Geschichten neue Technologien zu befremdlichen Ideen.

T.C. Boyle, inzwischen 71 Jahre alt, ist nicht nur einer der erfolgreichsten amerikanischen Gegenwartsautoren, er ist auch einer der wenigen, die eine deutschsprachige Homepage haben. Dort erfährt man, dass Boyles neuer Roman "The Familiar" bereits abgeschlossen ist, ebenso ein weiterer Erzählband. Der Mann ist produktiv wie eh und je, sein deutscher Verlag kommt kaum nach: Vor einem Jahr erst erschien Boyles Roman "Das Licht". Nun reicht Hanser schon den Erzählband "The Relive Box" aus dem Jahr 2017 nach, unter dem deutschen Titel "Sind wir nicht Menschen" - Stories, die nichts Geringeres als unser Dasein verhandeln.

Die Story "The Relive Box" entwirft das Szenario einer Technologie, die es ermöglicht, die eigene Vergangenheit in Realzeit abspulen zu lassen, und zwar in 3D. Eine Technologie, die ihre Nutzer süchtig macht. Das ist typisch Boyle: Während sich die Digital Natives an der eigenen Selfie-Gegenwart weiden und die Welt in sozialen Netzwerken teilhaben lassen, ist Boyle schon einen Schritt weiter. Irgendwann, so lesen wir, scheint uns nur noch die Vergangenheit real zu sein, weil die Gegenwart komplett künstlich hergestellt wird. "Wiedererleben", so heißt "The Relive Box" nun in der deutschen Übersetzung.

Mit der Relive Box Vergangenes wieder erleben

Darin entfremdet sich Wes, ein alleinerziehender Vater, seiner 15jährigen Tochter Katie. Die will die Relive Box nutzen, um immer wieder in die Zeit zurückzukehren, ehe ihre Mutter die Familie verließ. Wes aber, der Ich-Erzähler, fordert sie auf, sich stattdessen sozial zu verhalten und mit ihren Freundinnen SMS auszutauschen. Er selbst will lieber zurück ins Jahr 1982, als er im "Roxy" in West Hollywood bei einem Konzert die Vorgängerin von Katies Mutter kennengelernt hatte.

Die Box zeigte Datum und Uhrzeit an, und dann war ich plötzlich dort: Mit einem Blitz wie von einem aufschlagenden Meteoriten erschien der Club, und das Jetzt wurde ausgelöscht von Lichtern, Geräuschen und Bewegungen. Das Haus, meine Tochter, die ganze Welt mit ihren Sorgen und Pflichten, mit ihrer Arbeit und ihren Bossen war mit einem Schlag verschwunden. Ich stand an der Bar, neben mir Zach Ronalds, mein bester Freund, der den Hemdkragen hochgeschlagen hatte und wie ich eine Joe-Strummer-Frisur trug, nur dass sein Haar schwarz und meins chorknabenblond war (noch in derselben Woche färbte ich es dunkel). Ich versuchte, den Barmann auf mich aufmerksam zu machen, damit ich uns mit meinem gefälschten Ausweis Gin Tonics bestellen konnte. Die Band - eher New Wave als Punk - spielte noch nicht, die Vorgruppe packte ihre Sachen zusammen, und vor der Bühne wogte eine Flut hellwacher junger Frauen mit Vampir-Make-up und zerrissenen Netzstrümpfen im Rhythmus der aus den Lautsprechern donnernden Musik. Es war das reine Glück. Leseprobe

Süchtig nach der eigenen Vergangenheit

Wes verliert sich in seiner Vergangenheit, kommt mehrfach zu spät zur Arbeit, wird abgemahnt, entfremdet sich seiner Tochter. Wie die Protagonisten einst in Wim Wenders Film "Bis ans Ende der Welt" zu Junkies ihrer eigenen Träume wurden, so werden die Relive-Box-Besitzer zu Junkies ihrer eigenen Vergangenheit. Es geht in dieser Geschichte um den Geist des Punk, um Songs von "The Clash", um ein T-Shirt der Band "Black Flag", um die magische Anziehungskraft von Schallplattenläden: Anfang der 1980er-Jahre war für die Rockmusik noch alles drin, genau wie für Wes.

Steuerten wir auf eine Katastrophe zu? Stand unsere Gesellschaft kurz vor dem Zusammenbruch? Würde die NSA in Aktion treten? Würde man Gesetze verabschieden? Die Box verbieten? Ich wusste es nicht. Es war mir egal. Ich musste mich um meine Tochter kümmern. Die Sache war nur: Ich konnte an nichts anderes denken als daran, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren und mich vor die Box zu setzen, und wenn mir das Bild einer Milchtüte oder eines Laibs Brot durch den Kopf schwebte, so wischte ich es beiseite. Leseprobe

Die Box tötet Nähe und Kommunikation

Die Box ersetzt die Rituale zwischen Vater und Tochter, tötet ihre Nähe und Kommunikation. Diese Story, stellvertretend für insgesamt 19 Geschichten, bietet sozusagen Vintage-Boyle und eine neue Qualität zugleich. Überhaupt, so scheint es, ist der Autor zuletzt in seinen Stories immer besser geworden. Die kurze Form bekommt ihm gut, als würde er lieber Songs schreiben statt Konzeptalben. Boyle ist selbst ein Pop-Star inzwischen, aber einer der besten, und im Vergleich zu anderen Dinosauriern wie den "Rolling Stones" fällt ihm immer noch Neues ein. Etwa wenn er in der Titelstory "Sind wir nicht Menschen" über Gen-Editing schreibt.

Der Hund war kirschrot, und was er im Maul hatte, konnte ich erst erkennen, als er unter den Hortensien stehen blieb und das Ding schüttelte. Die kleine Episode hätte sich abgespielt, ohne dass ich sie bemerkt hätte, aber ich war zum Herd gegangen, um Teewasser aufzusetzen, und sah zufällig in den Vorgarten. Das tiefe, satte Blaugrün des Rasens, das es schaffte, sowohl an das dunkle Türkis des Ozeans als auch an das Viridiangrün der Wiesen von Kentucky zu erinnern, war mein Stolz, und es ärgerte mich, wenn sich irgendwelche Hunde, ganz gleich welcher Farbe, darauf vergnügten. Er hatte eine Menge Geld gekostet - eine Mischung aus Rotschwingel, Bahiagras und Manilagras, versehen mit einem bestimmten Algen-Gen, so dass er abends, im Licht der Verandabeleuchtung, phosphoreszierte -, und er war zwar unempfindlich gegen Trockenheit und Krankheiten, nahm es aber übel, wenn irgendwelche Menschen - oder Tiere - auf ihm herumspazierten. Leseprobe

Boyles Geschichten rocken. Als würde man ein Konzert am Ende der Welt besuchen, ohne Rückreiseticket. Seine Figuren haben sich immer schon dort befunden: "World's End" hieß einer der Romane. Es sind, schon immer bei Boyle, nicht die Katastrophen, die der Mensch anrichtet, der Mensch selbst die Katastrophe. Sind wir nicht Menschen? Ja, leider.

Sind wir nicht Menschen

von
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26558-5
Preis:
23,00 €

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