Sendedatum: 09.12.2019 22:45 Uhr  - Kulturjournal

"Alles lecker!": Bauern wettern gegen Kinderbuch

von Ralf Dörwang

"Alles lecker!" ist ein beliebtes, witziges und erfolgreiches Kinderbuch und bereits seit sieben Jahren auf dem Markt. Es ist ein 40-seitiges Buch über das, was wir weltweit essen. Darin ist auch eine Doppelseite über unsere Landwirtschaft enthalten, die nun für Streit sorgt.

Die Doppelseite zeigt links Schweine auf einem Bio-Hof in Farbe, rechts Schweine in grauer Massentierhaltung. Das Kinderbuch kritisiert die industrielle Tierhaltung und schreibt: "Hersteller von Bio-Lebensmitteln nehmen mehr Rücksicht auf die Natur und die Tiere."Ja.

Streit um Kinderbuch "Alles Lecker!"

Kulturjournal -

"Alles lecker!" ist ein beliebtes Kinderbuch und bereits seit sieben Jahren auf dem Markt. Doch nun ist ein Streit eskaliert, denn das Buch kritisiert die industrielle Tierhaltung.

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Der Schweine-Großbetrieb in Bruchhausen-Vilsen fühlt sich an den Pranger gestellt. "Wir haben Mitarbeiter, die jeden Tag das Beste geben. Denen schlägt man ins Gesicht, wenn man sagt: 'Ihr quält Tiere.' Das wird zwar nicht direkt geschrieben, aber das schwingt im Unterton mit, und das ist das, was mich wirklich so an diesem Buch ärgert", sagt Nadine Henke. Sie ist Sauenzüchterin in diesem Großbetrieb.

"Natürlich halten wir eine natürliche Landwirtschaft für besser, als eine mit Massentierhaltung", sagt Monika Osberghaus vom Klett-Kinderbuch-Verlag Leipzig. "Und das zeigen wir da auch. Also eine Haltung in so einem Buch soll durchaus zu sehen sein."

Züchterin: "Nehmen der Sau ihre Bewegungsfreiheit"

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Nadine Henke ist Sauenzüchterin und kritisiert das Buch "Alles lecker!".

Die Henkes in Niedersachsen halten 1.250 Sauen. Im sogenannten Abferkelbereich werden jährlich 42.000 Ferkel geboren. Die Sauen liegen drei bis vier Wochen in engen Gattern, ohne Stroh. Alles im Rahmen des Gesetzes.

"Wir nehmen der Sau definitiv ihre Bewegungsfreiheit", räumt Nadine Henke ein. "Sie kann aufstehen, sie kann sich hinlegen. Zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück. Das ist natürlich für die Sau alles anders als schön, keine Frage. Aber wir haben nur so einen Schutz für die Ferkel, denn wenn sich die Sau hinlegt, legen sich halt 300 Kilo hin."

Angst vor Mobbing

Jedes tote Ferkel ist auch ein Verlust für den Betrieb. Die Henkes sorgen für das günstige Fleisch, das wir Verbraucher so gerne kaufen. Das ist ihr Geschäft. Aber Nadine Henke möchte nicht, dass ihre Kinder deshalb gemobbt werden. Sie hat ein Internet-Blog. Als sie das Kinderbuch entdeckte, provozierte sie mit Fotos von ihren Kindern: "Schwein" und "Tierquäler" hat sie ihnen auf die Stirn geschrieben. Wieso?

Sie habe folgendes Bild vor Augen, sagt sie: "Wenn meine Kinder in der Schule mit den Lehrern das Thema besprechen, dass es dann heißt: Kleiner Theis, deine Eltern halten doch die Schweine auch so. Das sind doch auch solche Massentierhalter und solche Tierquäler."

"In dem Buch steht nirgendwo irgendeine Aufforderung oder Wertung, wie doof Bauernkinder wären oder wie schlimm es ist, dass die diese Eltern haben", erläutert Monika Osberghaus vom Verlag. "Diese Verbindung kann ich nicht herstellen."

Shit-Storm in der Schweine-Community

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"Dass wir nach sieben Jahren so stark angegriffen wurden, hat mich überrascht", sagt Monika Osberghaus vom Klett-Verlag.

Aber Nadine Henkes Blog löst in der Schweine-Community eine wahre Shit-Storm-Kampagne auf den Verlag aus. "Schämt euch, so etwas Kindern vorzulesen", heißt es auf Facebook. Oder: "Sie finden es also richtig, wenn Lügen verbreitet werden?" Und auf Amazon wird das Buch gezielt madig gemacht: "Finger weg von diesem Buch" und "Katastrophal, diese Propaganda".

Dass es sieben Jahren nach Erscheinen des Buches so heftig losgeht, damit hat der Verlag nicht gerechnet. "Das hat mich überrascht", sagt Osberghaus. "Das habe ich auch in zehn Jahren Verlagsleben nicht erlebt bisher."

Verlag will Buch korrigieren

Auch der Bauernverband Schleswig-Holstein mischt kräftig mit und kritisiert die Illustration, die zeigt, dass Wachstumsmittel verfüttert würden. In Europa ist dies inzwischen nicht mehr erlaubt. "Futter besteht aus Eiweiß, Getreide, Mineralfutter", sagt die Sauenzüchterin. "Wachstumsförderer sind in Deutschland seit langer Zeit verboten, und das ist auch gut so."

Da sei eine Ungenauigkeit drin, räumt Osberghaus ein. "Dann werden wir die rausnehmen, verändern, verbessern, damit es nicht mehr angreifbar ist. Aber die Grundsache wird bleiben." Und die ist: Bioschweine haben ein besseres Leben.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 09.12.2019 | 22:45 Uhr

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