Stand: 20.09.2019 09:28 Uhr

Streit über Amazons Aktion zum Weltkindertag

von Peter Helling

Am Freitag ist Weltkindertag - dann wird es eine Bücher-Aktion geben, mit der die Stiftung Lesen Kinder zum Lesen animieren will: Eine Million Märchenbücher werden dafür gratis verteilt. Sie werden in Buchläden ausgelegt und sind online bestellbar. Aber die Aktion steht in der Kritik. Denn die renommierte Stiftung Lesen hat sich dafür unter anderem mit dem Onlineriesen Amazon zusammengetan. Inzwischen hat sich ein echter Streit in der Buchhandels-Branche entwickelt.

Das Logo von Amazon am Logistikzentrum in Dortmund. © picture alliance/Ina Fassbender/dpa Foto: Ina Fassbender

Amazon verschenkt eine Million Märchenbücher

Kulturjournal -

Zum Weltkindertag gibt sich der Internetgigant Amazon großzügig und verschenkt eine Million Märchenbücher an Kinder. Gute Idee gegen den Bildungsnotstand, könnte man meinen. Aber es gibt Streit.

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Wie heißt es so schön: Dem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Oder etwa doch? Die Million Bücher werden kostenlos in Filialen der großen Ketten Hugendubel, Mayersche und Thalia ausgelegt oder sind bei Amazon bestellbar. Man wolle Kinder zum Lesen bringen, für die Bücher keine Selbstverständlichkeit seien, so Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. "Was wir in Deutschland vor allem angesichts von 6,2 Millionen funktionalen Analphabeten brauchen, sind drei Dinge: Wir brauchen mehr Bücher, die unerwartet daherkommen, wir brauchen Vorbilder wie Eltern, Großeltern und Erwachsene, die Kindern vorlesen - und wir brauchen auch mehr Anlässe, bei denen Kindern vorgelesen wird", sagt er.

Amazon wird fürs Abgreifen von Daten kritisiert

Für ihr Aktion hat die Stiftung Lesen ein Märchenbuch gewählt. Und das sorgt gerade für handfesten Streit. Das Buch beinhaltet 16 Erzählungen, elf Klassiker der Gebrüder Grimm, außerdem haben prominente Lesebotschafter ein Vorwort geschrieben. Doch der geschenkte Gaul sei ein trojanisches Pferd, so Kritiker der Aktion. Es sei eine Marketingaktion der beteiligten Buchhandelsketten und Amazon, meint etwa Kinderbuchautorin Kirsten Boie. "Das Problem bei Amazon ist ja nicht nur, dass Werbung für die eigenen Produkte gemacht werden soll, sondern auch, dass die Daten abgegriffen werden sollen", sagt sie.

Denn wer das Buch kostenlos von Amazon bekommen möchte, muss sich bei dem Medienriesen als Kunde registrieren lassen. Die ganze Aktion sorgt für Widerstand - bei kleinen Buchläden, bei Autorinnen und Autoren sowie Verlagen. Die Verlagsgruppe Beltz hat darauf ihre Mitgliedschaft in der Stiftung Lesen gekündigt. "Es war uns von vorneherein klar, dass Amazon sicherlich so etwas wie ein rotes Tuch für den Buchhandel darstellt. Das können wir vollkommen nachvollziehen", räumt Jörg Maas von der Stiftung Lesen ein.

Märchenbücher: Buchhandel bemängelt "Marketing-Aktion"

Amazon - ein rotes Tuch: Das findet auch der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereines des deutschen Buchhandels, Alexander Skipis: "Nicht, weil es ein Wettbewerber ist und nicht, weil er ein tolles Geschäft macht, sondern weil dieses Unternehmen, wie ihr Chef Jeff Bezos ja gesagt hat, gern Verlage wie 'kranke Gazellen' jagen möchte."

Auch Skipis ist sich sicher, dass diese Initiative eine einzige Marketing-Aktion für Amazon ist und nichts mit Leseförderung zu tun habe. Verärgert ist er vor allem über die Informationspolitik der Stiftung Lesen. "Der Börsenverein des deutschen Buchhandels war so wie die gesamte Branche in dieses Projekt überhaupt nicht eingebunden, obwohl wir Mitglied der Stiftung Lesen sind. Das fanden wir keinen freundlichen Akt der Stiftung Lesen", so Skipis.

Bei der Leseförderung kommt es auf andere Dinge an

Die Aktion werde, davon ist Skipis überzeugt, wirkungslos verpuffen. In der Leseförderung komme es schließlich auf ganz andere Dinge an, meint auch Kirsten Boie. "Ich glaube inzwischen, das ganz Entscheidende ist nicht das Verteilen von Büchern, was sicher schön ist. Wirklich etwas erreichen wir damit aber nur, wenn wir das mit anderen Programmen begleiten", sagt die Autorin.

So verteilt etwa das erfolgreiche Hamburger Leseförder-Projekt Buchstart zwar auch Bücher, im Zentrum stehen aber Anregungen an die Eltern, wie man durch Vorlesen die Sprachentwicklung fördert. Das Lesen muss präsent sein. In Schulen, Kitas, mit Lehrern und Lehrerinnen, in kleinen Buchläden um die Ecke - so die einhellige Erkenntnis der Experten. Das gibt auch Jörg Maas zu: "Ich glaube, Tatsache ist, dass wir in Deutschland mehr Initiativen in Deutschland für die Leseförderung brauchen."

Amazon sieht Aktion uneingeschränkt positiv

Interview

"Lesen und das Buch stehen im Vordergrund"

Zum Weltkindertag verschenkt der Internetkonzern Amazon mit Partnern wie der Stiftung Lesen eine Million Märchenbücher. Dafür hagelt es heftige Kritik. Ein Gespräch mit Pedro Huerta von Amazon. mehr

Aber Maas ist überzeugt, dass die Märchenbuch-Aktion eine passende Initiative ist. Er ärgert sich über die Diskussion. Amazon selbst reagiert auf die laute Kritik vor allem ausweichend. Pedro Huerta, Mediendirektor von Amazon Deutschland, sieht die ganze Aktion uneingeschränkt positiv. "Mehr als 20 Prozent aller Buchhandlungen in Deutschland werden dieses Buch ab Freitag, den 20. September kostenlos für alle Familien zur Verfügung stellen. Ich glaube, dieses Projekt hat uns alle zusammengebracht, um das Lesen und das Buch in den Vordergrund zu stellen", sagt er.

Weltkindertag - "Klima noch wichtiger als das Lesen"

Nach der Kritik des unabhängigen Buchhandels wurden noch rasch 700 Buchläden ins Boot geholt. Aber viele unabhängige Buchhändler und Buchhändlerinnen haben sich bewusst abgegrenzt - wie etwa Dorrit Hinrichsen aus Hamburg. Beim Thema Amazon schwillt ihr der Kamm. "Die wollen an die Daten ran, nichts anderes. Ich meine, das sind richtig billig erkaufte Adressen", sagt sie. Leseförderung liegt Dorrit Hinrichsen natürlich am Herzen. "Ich wäre die letzte, die schreien würde: 'Um Gottes willen, das dürft ihr nicht!' Aber ich bin gegen diese Aktion, die durch eine Firma wie Amazon durchgeführt wird, die in meinen Augen versucht, unser wunderbares Einzelhandels-Netzwerk in Deutschland an sich zu reißen."

Stattdessen setzt sich Dorrit Hinrichsen auch weiter in direktem Kontakt für die Leseförderung ein. Nur morgen nicht, am Weltkindertag macht sie kurz Pause. "Ich werde meinen Laden für zwei Stunden schließen und zur Demo gehen, das ist mein Beitrag", sagt sie. Bei der Demo geht es aber nicht ums Lesen, sondern um Fridays for Future. An diesem Weltkindertag sei das Klima noch wichtiger als für das Lesen zu kämpfen.

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NDR Info | Kultur | 19.09.2019 | 06:55 Uhr

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