Stand: 11.07.2019 10:44 Uhr

Variationen der Trauer

Durch die Nacht
von Stig Sæterbakken, aus dem Norwegischen von Karl-Ludwig Wetzig
Vorgestellt von Agnes Bührig
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Der an Depressionen leidende Autor hat 2012 Selbstmord begangen. Dies ist sein letzter Roman.

Was macht der Tod des eigenen Kindes mit einem Menschen? Das untersucht Stig Sæterbakken, eine der wichtigen literarischen Stimmen der letzten Jahre in Norwegen, unter anderem in seinem Roman "Durch die Nacht". Es sollte sein letzter werden, der norwegische Schriftsteller, Essayist und Übersetzer nahm sich 2012 das Leben. Nun erscheint sein Roman posthum auf Deutsch. 

Karl Meyer ist Zahnarzt in mittleren Jahren und führt mit seiner Frau und den beiden Kindern ein geordnetes, bürgerliches Leben. Dann verliebt er sich in Mona und verlässt für die junge Frau seine Familie. Ehefrau Eva bewahrt die Ruhe, hält ihre beherrscht-wohlanständige Fassade, sein 18-jähriger Sohn Ole-Jakob jedoch verstummt ihm gegenüber. Später bringt er sich um. Karl Meyers Leben gerät aus den Fugen, er versinkt in Trauer.

Alles Streben ist vergebens

Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist wie ein Licht, das ein- und ausgeschaltet wird. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann. Man wird gefüllt und geleert. Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich. Ihn zu vergessen war das Schlimmste, was ich tun konnte. Leseprobe

Etwas ist zu Ende - ein Leben, eine Ehe, eine gemeinsame Zeit. Hat Karl Meyer seinen Sohn in den Tod getrieben? Düster und ergreifend zeichnet Stig Sæterbakken die seelischen Abgründe eines Mannes nach, der versucht, Trauer, Schmerz und Schuldgefühle zu verarbeiten. Am Ende flüchtet er sich in eine Reise durch Europa zu einem Ort, der ihm Klarheit über seine Gefühle geben soll: Auf der Suche nach sich selbst, desperat und geplagt vom Wissen um die Vergeblichkeit allen Strebens.

Tod und Zerstörung statt Zukunft

Es gab keine Zukunft mehr. Nur Wiederholungen dessen, was wir schon hatten. Wir würden es nicht verhindern können, wir konnten bloß dabei zuschauen, observieren, kühl und gefühllos. Ich sah ganz klar vor mir, wie es kommen würde. Ich sah die Verzweiflung, sah, wie sie zum Schrecken wurde, ich sah, wie das Auto mit Ole-Jakob darin vor dem aufragenden Führerhaus platt gequetscht wurde, als ob der ganze Sinn darin, die einzige Möglichkeit, der Verzweiflung Herr zu werden, nur darin bestand, sie in etwas noch Schrecklicheres zu verwandeln, in Angst, in schieren Schrecken, in Tod und Zerstörung. Leseprobe

Gefühle, die Stig Sæterbakken gekannt haben muss, der 1966 in Lillehammer geborene Autor litt an Depressionen. Bereits mit 18 Jahren veröffentlichte er seine erste Gedichtsammlung. Der Norweger spielte in verschiedenen avantgardistischen Bands, bevor er sich dem Schreiben widmete, Romane, Gedichte und Essays publizierte und übersetzte. Für einen Skandal sorgte 2008 seine Einladung des Holocaust-Leugners David Irving zum Literaturfestival von Lillehammer. Abgründe des Grauens tun sich auch am Ende des Buches auf, als Karl Meyers Reise ins Innere in einem mysteriösen Haus in der Slowakei endet. 

Der Autor beeindruckt mit seiner präzisen Sprache

Im Traum kam ich in ein Schlafzimmer, nicht unähnlich dem, in dem ich mich gerade aufhielt und nur mit einem Bett und einer Kommode mit abgekratzten Stickern möbliert. Auf der äußersten Bettkante hockte ein kleiner Mann, der Körper geformt wie ein Ei, weil er keinen Hals hatte, sodass der Oberkörper gleich unterhalb der Backen ansetzte, und er überall gleichmäßig dick und kompakt aussah. Ein Paar dünner Ärmchen und Beinchen ragten aus dem grauen Klumpen. Er baumelte mit den Füßen, die den Boden nicht erreichten, und schlug sich dabei mit etwas auf den Oberkörper, das ich zuerst für ein Bündel Birkenreisig hielt, bis ich erkannte, dass es sich um ein kleines Beil handelte. Leseprobe

Immer wieder beeindruckt Stig Sæterbakken mit seiner genauen Sprache, die deskriptiv wie entlarvend gleichermaßen wirkt. Meisterlich kombiniert er literarische Stile, mal als psychologische Innenschau, dann als Roadmovie, am Ende spannungsreich aufgeladen wie in einem Horrorfilm. Ein Buch, das einen berührt und nachdenklich macht - über das Existenzielle im Leben eines Menschen.

Durch die Nacht

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
DuMont
Bestellnummer:
978-3-8321-8365-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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