Stig Claesson: "Das Denkmal des Schusters" (Cover) © Ihleo Verlag

Stig Claesson: "Das Denkmal des Schusters"

Stand: 03.01.2022 14:36 Uhr

Der Schriftsteller und Illustrator Stig Claesson, der von 1928 bis 2008 lebte, hat eine Erzählung über das Leben auf dem Land und die Landflucht geschrieben: "Das Denkmal des Schusters".

Stig Claesson: "Das Denkmal des Schusters" (Cover) © Ihleo Verlag
Beitrag anhören 5 Min

von Annemarie Stoltenberg

Auf dem Umschlag ist eine verwundert dreinblickende Elchkuh zu sehen. Sie hat offenkundig Grund, so zu gucken. Auf dem Vorsatzpapier ist dunkler Wald abgebildet und dorthin, an den Rand eines großen Waldgebietes führt uns Stig Claesson. Es ist ein Idyll, wunderschön im Sommer, mit einem kleinen See voller Fische in der Nähe. Ein Schuster namens Gustafsson lebt dort mit seiner jüngeren Schwester Elna, mit Eriksson und Öman.

Ein idyllisches Dorf, das Urlaubern gefällt

Die vier sind die letzten, die hier noch sind, alle anderen sind in größere Gemeinden oder Städte abgewandert. Der Schuster hat, so heißt es gleich zu Beginn "das Seine getan" und er stapft gemächlichen Schrittes zum Briefkasten, der unten an der Straße steht, um ein Schild zu befestigen: "Nehme keine Aufträge mehr entgegen". Eher durch Zufall kommt dort auch ein Schild an den Straßenrand mit einem Wegweiser zu einem Denkmal. Das Denkmal, vermutet der ehemalige Schuster, sind jetzt wir, die wir noch hier leben.

Sie harren aus und werden das auch weiterhin tun, In erster Linie kämpfen sie gegen den Wald an. Der Wald droht, sich das zurückzuholen, was ihm vor vielen Hundert Jahren abgerungen wurde. Leseprobe

Touristen werden auf das "Denkmal" aufmerksam

Es ist Sommer, das Leben ist leicht knisterig und luftig. Bald kommen Urlauber vorbei, die mit dem Auto auf der kleinen Straße unterwegs sind und die es nach Erlebnissen dürstet. Sie halten an und folgen dem Hinweisschild zum "Denkmal". Gustafsson, Elna, Eriksson und Öman wundern sich über das Interesse und murmeln immer etwas von einem Vorfahren, der hier gelebt haben soll, und an den das Denkmal angeblich erinnert.

Dann kommt ein Mann namens Pettersson vorbei, er übernachtet mit seiner Geliebten Anita im Wohnwagen am See. Er begutachtet, ob man hier ein touristisches Unternehmen aufziehen könnte. Er sucht den Kontakt zu der kleinen Dorfgemeinschaft, bietet ihnen an, sie in seinem Auto nach Stockholm mitzunehmen. Anita, die selbst im Wald aufgewachsen ist, sagt ihm, dass die Menschen hier das niemals annehmen würden:

Sie nehmen die Welt auf andere Art wahr. Ich könnte mir vorstellen, dass der Schuster mehr erlebt, wenn er zu seinem Briefkasten geht, als wir, wenn wir nach Stockholm fahren.    Leseprobe

Viel geschieht nicht in dem kleinen Ort

Es passiert nicht viel in dieser Erzählung, es wird Kaffee getrunken, selbstgewebte Teppiche werden begutachtet, Mücken surren, Fische werden gefangen und es duftet nach Kräutern, Wald und Heu.

Früher war man während der Heuernte früh aufgestanden und mit den Sensen im Gänsemarsch dicht hintereinander hergegangen und der Schweiß war einem den Hals und Rücken runtergelaufen. Leseprobe

Die jetzt noch hier leben, haben nichts mehr zu tun, sie haben ein Leben lang ihren Besitz geschützt und gegen den Wald verteidigt, aber die nachfolgende Generation ist weggegangen. Nur die vier Alten sind übriggeblieben.

Gelungene Übersetzung

Die Erzählung über dieses kleine Dorf am Waldrand verströmt eine unwiderstehliche Magie, die von Maike Barth in ein sanftes Deutsch übersetzt worden ist, das den rauen, unsentimentalen Ton genau trifft.

Man fühlt lesend eine tiefe, schwer zu fassende Sehnsucht nach etwas, das es nicht mehr gibt. Für Stunden ist man zurückversetzt. Wie als Kind an Sommertagen am Anfang der großen Ferien, die kein Ende zu nehmen schienen, wenn man auf einer Schaukel saß und scheinbar absolut nichts geschah.

Das Denkmal des Schusters

von Stig Claesson
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Schwedischen von Maike Barth.
Verlag:
Ihleo
Bestellnummer:
978-3-96666-030-3
Preis:
14,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.01.2022 | 12:40 Uhr

Eine Frau und zwei Männer betrachten die Bücherauswahl an Regalen voller Bücher und auf Stapeln - Bild auf der Buchmesse Frankfurt © imago/Rupert Oberhäuser Foto: Rupert Oberhäuser

Neue Bücher: Diese spannenden Neuerscheinungen kommen 2022

Viele aufregende Bücher sollen dieses Jahr erscheinen. Etwa von Yasmina Reza, Orhan Pamuk, Sybille Berg und Fatma Aydemir. mehr

Mehr Kultur

Ein buntes Mosaik mit Bildern der Interviewpartner der Doku "Wie Gott uns Schuf", in der Mitte ein bilden diese ein Kreuz. © Eyeopening Media/rbb/SWR/NDR

"Wie Gott uns schuf": Katholische Gläubige wagen Coming-out

100 nicht-heterosexuelle Menschen sprechen in einer Dokumentation heute um 20.30 Uhr im Ersten über den Kampf um ihre Kirche. mehr