Stand: 08.11.2018 10:00 Uhr

Nachkriegsthriller in Jerusalem

Stadt der Geheimnisse
von Stewart O'Nan, aus dem Englischen von Thomas Gunkel
Vorgestellt von Natascha Freundel
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Stewart O'Nan hat sich einen historischen Stoff vorgenommen: die zionistischen Untergrundkämpfe in Jerusalem vor der Staatsgründung Israels.

Der amerikanische Schriftsteller Stewart O'Nan ist vor allem mit seinen beiden letzten Romanen einem breiteren Publikum bekannt geworden. In "Die Chance" erzählt er von einem verschuldeten Ehepaar, das am Lebensabend noch einmal alles auf eine Karte setzt. "Westlich des Sunset" beschreibt die letzten Jahre des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald in Hollywood. "Stadt der Geheimnisse" heißt sein neuer Roman.

Neubeginn für einen Holocaust-Überlebenden

Jerusalem nach 1945. Brand, so der sprechende Name des Romanhelden in Stewart O'Nans neuem Buch, hat es geschafft: Er lebt in der Stadt, von der seine Mutter nur träumen konnte. Jahr für Jahr hatte die lettische Familie daheim in Riga an Pessach auf "Nächstes Jahr in Jerusalem" angestoßen. Sie alle wurden im Holocaust ermordet, außer Brand, der die Lager überlebte und mit diesem Überleben nichts anzufangen weiß:

Wie so viele Flüchtlinge fuhr er ein Taxi, das, wie auch seine Papiere vom Untergrund bereitgestellt wurde. Sein neuer Name war Jossi. Er hatte die Aufgabe zuzuhören - auch das ein Glück, denn als ehemaliger Kriegsgefangener hatte er damit jahrelange Erfahrung. Mit seinem blonden Haar und seinem Grundschul-Hebräisch wirkte er vertrauenswürdig. Die britischen Soldaten, die seligen Pilger, die glotzenden Touristen, alle wollten sie reden. Wo er herkomme? Wie es ihm gefalle, in Jerusalem zu leben? Statt "Es ist besser als in den Lagern" oder "Ich freue mich, am Leben zu sein" oder, ehrlicherweise, "Ich weiß nicht", sagte der Mann, der er zu sein vorgab: "Es gefällt mir gut." Leseprobe

Aktiv im zionistischen Untergrund

Es ist eine ungewöhnliche, vielversprechende Perspektive, aus der Stewart O'Nan sich den zionistischen Untergrundkämpfen vor der Staatsgründung Israels widmet. Die Aktivitäten der Jewish Agency, die illegale jüdische Einwanderung nach Palästina, der Kampf gegen die britische Mandatsregierung, die Sabotage- und Terrorakte von Haganah, Irgun und Stern-Gruppe sind bestens dokumentiert. Der US-Amerikaner Stewart O'Nan möchte erzählen, was dabei selten zur Sprache kommt: Wie ein mit dem nackten Leben Davongekommener zum Mitläufer wird, zum Handlanger einer Mission, an die er, der alles verloren hat, so wenig glauben kann wie an irgendeinen Sinn seiner Existenz.

Er war nicht so schwach, um sich umzubringen, aber auch nicht so stark, dass er es nicht wollte. Ihm stellte sich immer die Frage, was er mit seinem alten Leben anfangen sollte, die Erinnerung gärte in ihm wie eine Krankheit. Alles, was er mitangesehen hatte, gehörte jetzt ihm, war unauslöschlich und doch nicht in Worte zu fassen. Am besten war, alles zu vergessen, und so ließ er sich weiter von der bedeutungslosen Gegenwart ablenken." Leseprobe

"Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen", lautet das Motto des Romans, ein Zitat von Menachem Begin, Anführer der radikal-zionistischen Irgun und späterer Ministerpräsident Israels. Der neue Hebräer sollte nichts mit den unterdrückten, schwachen Juden Europas zu tun haben, so der zionistische Mythos, den Stewart O'Nan mit seiner Hauptfigur von Anfang an widerlegt.

Romanidee entwickelt sich nicht überzeugend

In seiner Schwermut ist Jossi Brand ein Wiedergänger der haltlosen Protagonisten in vielen israelischen Romanen etwa von Amos Oz oder Aharon Appelfeld. Aber Steward O'Nan gelingt es nicht, aus seiner Ausgangsidee einen überzeugenden Roman zu entwickeln. Unscharf bleiben die Konturen der Untergrundaktivisten, die den Taxifahrer Jossi in diverse Terrorakte verwickeln. Leblos ist die Liebesgeschichte zwischen Jossi und der Holocaust-Überlebenden Eva, einer Prostituierten und Untergrundkämpferin.

"Sieh mich nicht so an", sagte sie und machte sich im Spiegel die Haare.
"Warum nicht?"
Sie schwang ihren Anhänger nach ihm wie einen Talisman.
"Weil ich dich liebe, Dummkopf."
Er lachte, als wäre es ein Scherz. Doch innerlich war er ganz aus dem Häuschen. Das hatte sie noch nie gesagt. Leseprobe

Kurz darauf wird Jossi Zeuge des historischen Terroranschlags auf das Jerusalemer King David Hotel, den Sitz der britischen Mandatsregierung, im Juli 1946. Dass der Roman sogar hier, an seinem Höhepunkt, eigenartig spannungslos bleibt, liegt auch an der Übersetzung. Wo ein Shoah-Überlebender, der Liebe sucht, nach einer Liebeserklärung "ganz aus dem Häuschen" ist, wo Sandwiches "vom Schoß" gegessen werden und "der Kamsin" von der Wüste weht, der doch "Chamsin" heißt, da bleibt Jerusalem eine Stadt bloß behaupteter Geheimnisse.

Stadt der Geheimnisse

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-05044-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.11.2018 | 12:40 Uhr

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