Stand: 12.02.2020 13:52 Uhr  - Kulturjournal

Wie Sprache unser Denken prägt

Sprache und Sein
von Kübra Gümüsay
Vorgestellt von Natascha Geier

Kübra Gümüsay ist gläubige Muslima, Feministin, Mutter, Bloggerin, Aktivistin und Journalistin. Aber vor allem ist sie ein Mensch. Immer wieder hört sie: "Kopftuchträgerin". Aber was heißt das schon? Stereotypen, sagt Gümüsay, machten unsere Welt und unsere Wahrnehmung klein und eng. Und das habe Auswirkungen auf uns, auf die Gesellschaft. Schon lange setzt sie sich für Gleichberechtigung ein, für eine andere Art des Miteinander- und Übereinander-Sprechens.

Bild vergrößern
Kübra Gümüsay will weg von Stereotypen und hin zu neuen Perspektiven.

Sprache ist das, was sie umtreibt - und deswegen heißt Kübra Gümüsays erstes Buch "Sprache und Sein". Und genau darum geht es: Wie die Sprache, die wir sprechen, uns unsere Welt sehen lässt. "Im Türkischen gibt es ein Sprichwort: eine Sprache, ein Mensch, zwei Sprachen, zwei Menschen", erzählt die Autorin. "Ich spreche drei Sprachen fließend, und ich merke, dass ich in jeder der drei Sprachen eine andere Persönlichkeit habe. Im Türkischen bin ich ein emotionalerer Mensch, weil das die erste Sprache ist, in der ich die Welt erfahren habe. Das Deutsche wurde zu einer Sprache des Intellekts für mich, eine Sprache, mit der ich spielen konnte. Und das Englische eine Sprache, in der ich mich austoben konnte und die Freiheit gefunden habe, die ich später mit ins Deutsche tragen konnte."

Kübra Gümüsay: "Sprache und Sein"

Kulturjournal -

Stereotypen machen unsere Welt und unsere Wahrnehmung klein und eng. In ihrem ersten Buch "Sprache und Sein" beschreibt Kübra Gümüsay, wie Sprache unser Denken formt.

4,62 bei 13 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Sprache formt unser Denken

Sprache formt unser Denken und wie wir die Welt wahrnehmen - und das ist tatsächlich von Sprache zu Sprache unterschiedlich. Kübra Gümüsay erzählt in ihrem Buch von den Piraha. Sie wohnen am Amazonas, sie kennen nur wenige Zahlworte und keine Worte für die Vergangenheit. Ein Volk, das ganz im Moment lebt - und zu den glücklichsten der Erde gehört. Vor hundert Jahren hätte man Völker wie sie vermessen und katalogisiert, so wie es mit einigen Menschen aus der Südsee geschehen ist. Sie und ihre Besitztümer wurden als Objekte ausgestellt in Völkerkundemuseen.

"Dort sieht man die Macht und Ohnmacht, mit der wir an Menschen herangehen, die Macht, die die einen haben, denn sie haben die Definitionshoheit über einen Menschen", erklärt Gümüsay. "Und deshalb sind Bilder davon so zerrüttend, so mitnehmend, weil sie uns auf sehr klare Art und Weise veranschaulichen, mit welcher Respektlosigkeit und Demütigung an diese Menschen herangegangen worden ist."

Kampf um Vorherrschaft von Perspektiven

In der Sprache sei es wie im Museum, denn auch in der Sprache werde kategorisiert und sortiert, sagt Gümüsay. Die herrschende Mehrheit bestimme dabei, wie auf die anderen geschaut werde. "Das erleben wir auch im politischen Diskurs", so die Autorin. "Beispielsweise werden Wörter wie 'Flüchtlingswelle' verwendet. Aus einer bestimmten Perspektive heraus bezeichnen wir all diese Menschen als homogene Naturkatastrophe, als Masse und entziehen ihnen ihre Individualität, ihre individuelle Leidensgeschichte, ihre Komplexität, ihren Facettenreichtum. Und was wir gegenwärtig erleben in unserem politischen Diskurs, ist ein Kampf um Vorherrschaft von Perspektiven."

Klischees engen ein

Warum sich kaum einer gegen Sprachschubladen wie "Flüchtlingswelle" oder "Ausländer" wehre? Weil das nicht diejenigen betreffe, die die Macht haben. Erst beim Klischee vom "alten weißen Mann" sei es zum öffentlichen Aufschrei gekommen - und zwar von den alten weißen Männern. "Der Grund ist, dass die für einen kurzen Moment erleben, was es bedeutet, in einem Glaskäfig zu leben, bezeichnet zu werden, nicht als Individuum wahrgenommen zu werden, sondern als Vertreter einer gesamten großen Kategorie, nicht für das eigene Handeln beurteilt zu werden, sondern stellvertretend für andere. Und das hilft, um sich zu verdeutlichen, wie einengend diese Kategorien sein können."

Kübra Gümüsay fordert: Weg mit den Schubladen

Wir müssten weg von unserem vereinfachenden Denken in Vorurteilen und Klischees, fordert Kübra Gümüsay. Wir bräuchten keine Schubladen, sondern neue Perspektiven. Das versucht auch das Ex-Völkerkundemuseum, das MARKK in Hamburg: Es rückt jetzt diejenigen in den Mittelpunkt, die zu lange im Schatten standen - und zwar mit ihren Sichtweisen: Frauen, Minderheiten, andere. Erst Vielfältigkeit in Sprache und Denken ändere unsere Gesellschaft in eine gerechte. Doch wie können wir menschlich sprechen?

"Freies Sprechen, freies Sein heißt, trotz dieser Stereotype auf Komplexität zu beharren, auf Makel zu beharren, auf Fehler zu beharren, denn das ist das, was uns menschlich macht, was uns zu einem Individuum macht."

Kübra Gümüsay im Gespräch mit Robert Habeck

Im Rahmen des Harbour Front Festivals 2020 spricht Kübra Gümüsay mit dem Grünen-Bundesvorsitzenden Robert Habeck über ihr Buch "Sprache und Sein". Die Veranstaltung im Thalia Theater findet am Dienstag, 7. April, statt und beginnt im 19.30 Uhr. Tickets gibt es im Vorverkauf ab 11 Euro.

Sprache und Sein

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Hanser Berlin
Veröffentlichungsdatum:
27.01.2020
Bestellnummer:
978-3-446-26595-0
Preis:
18 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 10.02.2020 | 22:45 Uhr

Mehr Kultur

68:40
NDR Info

Sumatra

NDR Info