Stand: 07.01.2019 10:32 Uhr

"Serotonin" - Neuer Roman von Michel Houellebecq

Serotonin
von Michel Houellebecq 
Vorgestellt von Alexander Solloch

Wenn ein neues Buch von Michel Houellebecq erscheint, ist das immer ein von gewisser Fiebrigkeit begleitetes Ereignis im Literaturbetrieb. Sein jüngster Roman "Unterwerfung" hatte von einer französischen Republik erzählt, die islamisch geworden ist. Am Freitag ist in Frankreich und heute in Deutschland Houellebecqs neuer Roman herausgekommen: "Serotonin".

Bild vergrößern
"Serotonin" ist der bislang siebte Roman von Michel Houellebecq.

Sich aus dem Fenster zu stürzen und nach Hundert Metern Fall auf den Boden zu prallen - wenn die Leute nur wüssten, wie schnell das geht, überlegt der Erzähler, würde es gewiss deutlich mehr Selbstmorde geben. Anlässe bieten sich ja zuhauf, meint er am vermeintlichen Ende seines Wegs. Zunächst ist es noch eher mittelmäßige Düsternis, die ihn umflort. Er ist 46 Jahre alt und heißt Florent-Claude Labrouste. Unter beiden Gegebenheiten - Alter wie Namen - leidet er mit gebotener, aber noch nicht übertrieben existenzieller Hingabe.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Alexander Solloch über Michel Houellebecqs "Serotonin"

NDR Kultur Journal

Alexander Solloch aus der NDR Kultur Literaturredaktion über den am Montag erschienenen Roman von Michel Houellebecqs.

4,33 bei 6 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Und da war ich nun, ein abendländischer Mann in mittleren Jahren, der finanziell für einige Jahre vorgesorgt hatte, ohne Angehörige oder Freunde, ohne persönliche Projekte oder echte Interessen, tief enttäuscht von seinem bisherigen Berufsleben, der auf der Gefühlsebene verschiedene Erfahrungen gemacht hatte, denen aber durchweg gemein gewesen war, dass sie irgendwann abgebrochen waren, letztlich ohne einen Grund zu leben oder einen Grund zu sterben."

Lebensüberdruss und Verzagtheit

Woran hat er denn mal geglaubt, was hat er denn einst gewollt? Vielleicht nicht zu viel: Es würde doch schon reichen, ausgesöhnt mit der Welt und mit einem Menschen verbunden am schönen Strand zu liegen. Der Traum ist geborsten an allgemeinem Lebensüberdruss und Verzagtheit - und sowieso an der Miserabilität der westlichen Konsumgesellschaft, die dem zum Funktionieren gezwungenen Menschen den Atem nimmt.

Das ist schlimm, aber auch ziemlich komisch, wenn man Komik versteht als die zugespitzte Abbildung eines Ausschnitts von Realität. Ja wirklich, man lacht viel beim Lesen der ersten 150 Seiten des Romans, die das "schlaffe und schmerzvolle Zusammensacken" Flaurent-Claudes vorbereiten. Da setzt er alles daran, seine lästige japanische Freundin loszuwerden. Niemand trägt ihr im Hotel die Koffer hoch - schon gar nicht er selbst:

"Die Japaner können nicht richtig rot werden, der physiologische Mechanismus existiert, aber das Ergebnis ist eher ein Ockerton, sie bebte eine Minute lang vor Wut, schließlich aber, das muss ich anerkennen, schluckte sie ihren Ärger hinunter, wandte sich wortlos um und ging zur Tür. Nach ein paar Minuten kam sie wieder, ihren Koffer im Schlepptau, während ich mein Bier austrank. Als sie fünf Minuten später mit ihrer Reisetasche zurückkehrte, hatte ich ein drittes geöffnet - die Reise hatte mich wirklich durstig gemacht. Wie ich es mir erhofft hatte, sprach sie den ganzen Abend lang kein Wort mehr mit mir, wodurch ich mich auf das Essen konzentrieren konnte - die Parador-Hotels haben sich entschieden, auch die regionale spanische Küche in den Fokus zu rücken, und das Ergebnis ist in meinen Augen oft köstlich, wenn auch im Allgemeinen etwas fettig."

Abtauchen in die Vergangenheit

Büchertipps

Wie wird das Literaturjahr 2019?

Ein Ausblick auf neue Bücher von Takis Würger, Sibylle Berg und Abbas Khider - und auf Entdeckungen wie Doris Anselm und Kristen Roupenian. mehr

Der Mann mit der nachlassenden Motivation zum Leben sucht Freiheit im Verschwinden, taucht ab in die Vergangenheit, quält sich mit der Erinnerung an verpatzte Beziehungen, die wirklich weitaus schlimmer sein muss als das Leid des Lesers an den sprachlichen Patzern durch schludrige Übersetzung und schludriges Lektorat, nein, kein Vergleich, kein Vergleich auch mit dem Leid Flaurents an der Überzeugung, beruflich total gescheitert zu sein. Der Landwirtschaftsingenieur sieht sich fassungs- und ratlos die Revolte der Bauern an, die in einen schrecklichen Gewaltausbruch mündet. Was schließlich noch hilft, ist das Anti-Depressivum, das die Ausschüttung des Glückshormons Serotonin erhöht.

"Es ist eine kleine, weiße, ovale, teilbare Tablette. Sie erschafft nichts, und sie verändert nichts; sie interpretiert. Was endgültig war, lässt sie vergehen; was unumgänglich war, macht sie unwesentlich. Sie liefert eine neue Interpretation des Lebens - weniger reichhaltig, künstlicher und von einer gewissen Unbeweglichkeit geprägt. Sie bietet weder irgendeine Form von Glück noch auch nur tatsächlichen Trost, sie wirkt auf eine andere Art: Indem sie das Leben in eine Abfolge von Formalitäten verwandelt, lässt sie Veränderung zu. Mithin hilft sie den Menschen zu leben oder zumindest nicht zu sterben - über eine gewisse Zeit hinweg." Leseprobe

Fazit: schauerlich-schöner Klagegesang

Endet die Zeit? Endet sie, weil der Mensch zu geringfügig, zu unbedeutend, zu kleinkariert ist, um so etwas Großes wie die Liebe zu begreifen und zuzulassen? Mit dieser Behauptung schließt der Roman. Wir haben gelacht und uns entsetzt. Aber in dem Moment, in dem Michel Houellebecq uns mit unserem lustvollen Kummer allein lässt, wir dem schauerlich-schönen Klagegesang des Erzählers entkommen sind, fassen wir eigene Gedanken. Er wird nicht springen. Jemand wird ihn halten. So wird es sein. Oder?


07.01.2019 15:39 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass das Buch zeitgleich in Frankreich und Deutschland erscheint. Tatsächlich ist "Serotonin" aber schon am vergangenen Freitag in Frankreich erschienen. Die Redaktion bittet für diesen Fehler um Entschuldigung.

 

Michel Houellebecq © imago/Manfred Segerer

Michel Houellebecqs neuer Roman "Serotonin"

NDR Kultur -

Endet die Zeit, weil der Mensch zu unbedeutend, zu kleinkariert ist, um etwas Großes wie die Liebe zu begreifen? Alexander Solloch über Michel Houellebecqs neuen Roman.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Serotonin

Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Dumont
Veröffentlichungsdatum:
07.01.2019
Bestellnummer:
978-3-8321-8388-2
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.01.2019 | 07:20 Uhr

Mehr Kultur

58:15
die nordstory

Zweite Chance für alte Bauten

21.03.2019 14:15 Uhr
die nordstory
02:03
NDR//Aktuell

Comic-Battle im 90 Sekundentakt

21.03.2019 14:00 Uhr
NDR//Aktuell