Stand: 12.09.2019 06:08 Uhr

"Schutzzone": Einblicke in die Welt der UNO

Schutzzone
von Nora Bossong
Vorgestellt von Matthias Schümann
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Nora Bossong liefert mit "Schutzzone" einen Roman mit politischem Hintergrund.

Die UNO als Romanstoff, das hört sich im ersten Moment nicht so spannend an - zu komplex, zu groß, zu trocken. Doch Nora Bossong hat diese weltumspannende Institution, die Vereinten Nationen, nun zum Thema eines Romans gemacht. "Schutzzone" heißt ihr soeben erschienenes Buch. Die Autorin ist für ihre vorherigen Bücher gefeiert worden, sie räumte Preise ab, und auch ihr neues Buch ist ein Kandidat für den Deutschen Buchpreis, zumindest steht es auf der Longlist. "Schutzzone" wurde also offenbar sehnsüchtig erwartet.

Mira arbeitet für die UNO. Sie ist weit herumgekommen, aber sie ist auch unglaublich einsam. Den Lesern von Nora Bossongs Roman begegnet sie im Hotel Beau Rivage in Genf während einer Veranstaltung der Vereinten Nationen. Im Publikum hat sie einen Mann namens Milan ausgemacht.

Man dürfe eben nicht vor dem zurückschrecken, was unmöglich erscheint, betonte Monsieur le Commissaire, während ich Milan noch immer anstarrte und er endlich meinen Blick erwiderte, erst verwundert, aber schneller mich wiedererkennend, als es mir gelungen war, und doch!, hörte ich auf der Bühne Monsieur le Commissaire sagen, Milan lächelte dezent, und doch hätten wir aneinander vorbei unbeschadet aus diesem Abend gehen können ... Leseprobe

Gehen sie aber nicht. Stattdessen beginnen sie eine Affäre. Mira, eine ledige Frau in den 30ern, Milan, ein verheirateter Mann mit Frau und kleinem Sohn. Die Szene offenbart viel von dem, was den Roman ausmacht. Die Verschränkung von Privatleben, Beruf und politischer Sphäre, von Mitteleuropa und den Krisengebieten der Welt: Monsieur le Commissaire sprach gerade über die Situation im Sudan.

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UNO-Repräsentanten und der Glaube an das Gute

Gleichzeitig geht es um die Verzahnung von Gegenwart und Vergangenheit, denn Mira kennt Milan von früher. Bonn und Bujumbura in Burundi, Genf, Den Haag und Südkivu im Kongo sind Handlungsorte, die Nora Bossong allesamt selbst bereist hat. In Afrika lässt sie nun die Europäer und nicht selten ihre - wie es heißt - mitgereisten Ehefrauen abends am Pool sitzen. Ein wenig dekadent, lebensmüde und melancholisch.

Sind das die typischen UNO-Repräsentanten? "Ich glaube, dass alle Charaktere da eine große Ambivalenz haben und den Kampf noch nicht ganz aufgegeben haben, irgendwie ans Gute zu glauben, obwohl man mit viel Schlechtem konfrontiert ist", meint die Autorin.

"Schutzzone" macht Schwarz-Weiß-Denken unmöglich

Ambivalent sind auch die Gesprächspartner vor Ort. Mira zum Beispiel trifft sich in Bujumbura mit einem einstigen hohen Politiker, der sie in Abendanzug und Grillschürze empfängt. Der Mann mit dem Namen Aimée ist charmant und kultiviert. Er stellt Miras europäische Perspektive auf den Kopf.

Von außen betrachtet hat mich immer wieder der Eindruck beschlichen, dass sie einfach die Besten sein wollen. Die besten Schraubenproduzenten und die besten Moralisten und der beste Mephisto und die besten Kaiser und das beste Volk, und wenn es mit dem besten Volk schon nicht klappt, dann die besten Völkermörder. Leseprobe

Welche Rolle Aimée beim Völkermord in Burundi 1993 gespielt hat, das wird nicht wirklich klar, genauso wenig wie die Rollen der meisten anderen Figuren in diesem Roman. Selbst Erzählerin Mira ist nicht wirklich zu trauen. Als Leser muss man sich daher herausbewegen aus der eigenen Schutzzone und sich der Unentschiedenheit, der Komplexität der Situation ausliefern.

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In "Schutzzone" geht es nicht darum, ein nicht fassbares Ereignis wie einen Genozid verstehen zu wollen, sagt Bossong: "Ich weiß gar nicht, ob die Frage nach Verstehen immer die richtige ist. Es geht auch nicht nur um die klassische Täterbetrachtung, sondern darum, wie viel davon finden wir in unserer eigenen Menschlichkeit und wie viel Menschlichkeit finden wir in dem anderen wieder?"

Nora Bossong: UN reformieren, nicht abschaffen

Nora Bossong ist nicht für die Abschaffung der Vereinten Nationen, aber für eine grundlegende Reform. Auch wenn die Autorin jetzt allenthalben als UNO-Expertin herbeizitiert wird: In erster Linie hat sie einen Roman geschrieben, einen sprachlich ausgefeilten, poetischen Roman.

Ihre Perspektive ist geradezu mikroskopisch, sie sieht winzige Details: ein Schneckenhaus auf dem Weg, den abgewetzten Flip-Flop eines Kindes, der übrig ist vom Massenmord in Ruanda. Solche Kleinigkeiten setzt Bossong zu einem komplexen Bild zusammen. So entsteht ein Roman, so entsteht aber auch ein Bild von der Welt. Über Details das Große und Ganze erkennen zu können, darin liegt die Chance der Literatur und der Reiz dieses großartigen Romans.

Schutzzone

von
Seitenzahl:
332 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42882-5
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.09.2019 | 12:40 Uhr

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