Hanjo Kesting: "Schnee von gestern - Literarische Streifzüge" © Wehrhahn

"Schnee von gestern": Literarische Streifzüge von Hanjo Kesting

Stand: 06.01.2022 19:03 Uhr

Der Publizist und Redakteur Hanjo Kesting war von 1973 bis 2006 Leiter der Hauptredaktion Kulturelles Wort beim NDR. Nicht zuletzt ist der 1943 in Wuppertal geborene Bücherfreund auch Kritiker. Jetzt sind seine literaturkritischen Streifzüge im Wehrhahn-Verlag erschienen.

Hanjo Kesting: "Schnee von gestern - Literarische Streifzüge" © Wehrhahn
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von Peter Helling

Schon der Titel verrät leise Ironie und eine gewisse Demut: Was, wenn nicht "Schnee von gestern", ist denn Literaturkritik? Eine Ansammlung fragiler Kristalle, eben noch frisch, jetzt eine Wasserpfütze. Hanjo Kesting beweist das Gegenteil: Seine Kritiken sind nicht weggeschmolzen, sondern funkelnde Texte über Literatur. Noch Jahre später: Lesegenuss.

Man muss die Gegenstände, über die man schreibt, nicht nur kennen, man muss sie lieben, wirklich lieben. Man braucht eine gewisse Passion. Dazu ist eine gewisse Naivität vonnöten, die Fähigkeit, alle Routine, die sich ja schnell einstellen kann, so gut wie möglich abzuwehren. Leseprobe

Wer wissen will, wie Goethe über die Französische Revolution dachte, wie Erich Fried unter seiner dreifachen Heimatlosigkeit litt oder wie es Günter Grass mit der Moral hielt, wird hier fündig. Mit Italo Calvino geht es tief hinein in eine Winternacht. Über Orhan Pamuk schreibt Hanjo Kesting schon 1990 für NDR 3 hellsichtig: "Auf die weitere Entwicklung dieses Schriftstellers darf man gespannt sein."

45 Jahre Literaturkritik von 1975 bis heute

Man findet Kritiken von Neuerscheinungen, von Klassiker-Übersetzungen, Gesamtausgaben. Dabei ordnet er im Vorbeigehen "Robinson Crusoe" historisch ein, Knigge erlöst er vom Image des kleinkarierten Benimmregel-Autors, er setzt sich mit Pessoa in ein Café in Lissabon. "Schnee von gestern" zeigt Menschen, die ihre Welt schreibend begreifen: 45 Jahre Literaturkritik von 1975 bis heute. 2019 kriegt Volker Weidermanns Buch "Das Duell" über Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass eins auf die Mütze:

Dass Weidermann im Duell zwischen dem Großschriftsteller und dem Großkritiker nicht Partei ergreift, kann man ihm nicht vorwerfen. Eher schon, dass er keine eigene Haltung zu seinem Gegenstand erkennen lässt. Leseprobe

Autorinnen finden bei Kesting kaum Erwähnung

Hanjo Kesting nimmt sich angenehm zurück. Seine Kritik kommt nicht bissig-zynisch daher, eher als leises Kopfschütteln. "Schnee von gestern" liest sich wie der Gang durch eine lichtdurchflutete Bibliothek, an der Seite eines Viellesers, der ein Buch nach dem anderen aus einem Regal zieht - und der 1984 in einem Interview einräumt: "Auch meine eigene, sehr viel bescheidenere Bibliothek, die dennoch die Dimensionen einer Fünf-Zimmer-Wohnung allmählich zu sprengen beginnt, besteht zum größeren Teil aus ungelesenen Büchern."

Was aber ins Auge fällt, sind die Leerstellen im Buch: Nämlich Texte über Werke von Autorinnen. Die fehlen in "Schnee von gestern" fast komplett. Bedauerlich.

Eine Sammlung von Möglichkeiten

Das Buch gipfelt in einem Interview für Radio Bremen 2013 zum Tod des Großkritikers Marcel Reich-Ranicki:

Er war nicht abwägend, frei von Selbstzweifeln, und richtete den Daumen entschlossen nach oben oder nach unten. Leseprobe

Anders Hanjo Kesting, dessen Daumen immer zwischen oben und unten zu zittern scheint. So kann man sich ganz den Büchern und ihrer Zeit widmen, die er beschreibt, die er schreibend einhegt, denen er Fragen stellt:

Eine Kritik, die man für ein öffentliches Medium schreibt, soll nicht zeigen, wie klug oder wie brillant man ist, sie soll den Adressaten erreichen. Leseprobe

"Schnee von gestern" ist eine Sammlung von Möglichkeiten. Indem Hanjo Kesting für uns liest, schafft er die Möglichkeit, in den Kosmos der Literatur einzutauchen. Man lernt, die ungelesenen Bücher zu lieben, will sie sofort zur Hand nehmen, und wenn nicht heute, dann morgen. Allein zu wissen, dass es sie gibt, ist ein Wert an sich.

Schnee von gestern

von Hanjo Kesting
Seitenzahl:
496 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Wehrhahn
Bestellnummer:
978-3-86525-907-3
Preis:
29,50 €

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