Sasha Marianna Salzmann: "Im Menschen muss alles herrlich sein"  Roman (Cover) © Suhrkamp

Sasha Marianna Salzmann: "Im Menschen muss alles herrlich sein"

Stand: 17.09.2021 17:25 Uhr

Wenn man die deutschsprachige Gegenwartsliteratur facettenreich findet, dann liegt das auch an Schrifstellerinnen und Schriftstellern, die in den 90er-Jahren aus der Sowjetunion gekommen sind.

Sasha Marianna Salzmann: "Im Menschen muss alles herrlich sein"  Roman (Cover) © Suhrkamp
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von Alexander Solloch

"Statt über die strammen Schenkel einer vitalen Bestsellergeschichte streichle ich über die schlaffe Haut der zerfallenen Sowjetunion und kann mich nicht wegdrehen", erzählt die Autorin.

Ist es ein bisschen kokett, wie Sasha Marianna Salzmann über ihre Arbeit spricht? Das mag schon sein - wenn sie auch beteuert: der Wunsch, sich nach dem Romandebüt wegzudrehen von den alten sowjetischen Geschichten, war wirklich da!

Die Sowjetunion war für Salzmann kein Wohlfühlort

Sie beteuert: "Ich habe mir einfach so gewünscht, im zweiten Roman irgendwie an einen schönen warmen Ort zu fahren, vielleicht Marseille oder Palermo, und da verlieben sich ganz tolle Menschen ineinander. Ich interessiere mich für inklusive Literatur, also für eine Literatur, die für alle ist, ohne anbiedernd zu sein. Ich habe mich gefragt: Wie geht das? Und ich dachte, naja, vielleicht begebe ich mich selber an einen Wohlfühlort, und dann wird es einfacher. Funktioniert leider nicht mit mir. Ich bin wieder in der Sowjetunion gelandet."

Hier liegen einstweilen die Geschichten, die noch lange nicht auserzählt sind: Geschichten von Menschen, die keine Anker in der Gegenwart setzen, weil die Vergangenheit zu mächtig ist. Vier Frauen stehen im Mittelpunkt, die sich jetzt, im Oktober 2017, zum ersten Mal seit langem wiedersehen könnten, im Festsaal der Jüdischen Gemeinde von Jena, wo Lena ihren 50. Geburtstag feiert - und ihre Freundin Tatjana und deren Tochter Nina und natürlich auch ihre eigene Tochter Edi erwartet. Ob sie wirklich kommen, bleibt lange unklar. Nicht hingegen, dass extreme Spannung in der Luft liegt zwischen allen Vieren.

Wo kommt sie her? Noch aus jenen Tagen in den 90er-Jahren, als sie als "jüdische Kontingentflüchtlinge" in ein Land kamen, das doch nicht so ganz den Ideen vom paradiesischen Westen entsprach? Oder muss man noch weiter zurückgehen, in die bleierne Sowjetzeit, in der die traurigen Erwachsenen ihren Kindern alle Hoffnung auf irgendwas sehr schnell abgewöhnen, in der sich die Traurigkeit sozusagen eingräbt ins Menschenleben?

Erinnerungen an das Ferienlager

Im Ferienlager der Pioniere lernt Lena, knapp über zehn, ein anderes Mädchen kennen, das sich so autonom verhält, wie sie es gern wäre.

Aljonas Haare waren mit dem Gummi kaum zu bändigen und sprangen in alle Richtungen, fast bis zu Lenas Ohrläppchen, und Lena glaubte, es seien zittrige Spinnenbeine, die sich da ausstreckten nach ihr. Sie wollte Aljona fragen, warum ihre Großmutter sie ihr nicht ordentlich schnitt, aber ihr Mund war seltsam taub, sie saßen eine Weile, ohne zu sprechen, nebeneinander. Lena dachte, vielleicht ist Aljona ein großer Schatten, der sie bedecken würde, so dass sie neben ihr unsichtbar wäre und alle sie in Ruhe ließen. Leseprobe

Das ist die stille Sehnsucht, die durch den ganzen Roman weht: sich verkriechen zu können vor einer Welt, die den Menschen eh nur herumschubst - und herrische Anforderungen an ihn stellt. "Im Menschen muss alles herrlich sein" - dieses Zitat aus Tschechows "Onkel Wanja" beschreibt die Grausamkeit einer Zeit, die den Einzelnen als Versager markiert, wenn er es noch nicht zur vollendeten Herrlichkeit gebracht hat.

Seit Lenas Studienzeit kursierte das Wort "Sowok" für das, worin sie alle lebten: Kehrblech. Der ganze Abfall der Welt schien sich hier zu sammeln, also ja, warum nicht das Ganze eine Kehrschaufel nennen, auf der der Dreck am Ende landet. Aber Lena dachte, dass Fleischwolf das einzige Wort war, das beschrieb, was hier geschah. Leseprobe

Was Frauen zu erzählen haben

Sasha Marianna Salzmann sagt, dieser Roman sei entstanden, weil sie Frauen so gern zuhöre, die aus ihrem Leben erzählen. Nichts anderes habe sie getan: zugehört, geschrieben - und das Ergebnis den Frauen zum Lesen gegeben. "Und alle Frauen sagten dasselbe: 'Das ist ja gar nicht meine Geschichte!' Und ich hoffe, das ist nicht ihre Geschichte, weil ich etwas anderes mache. Ich schreibe auch keine Sachbücher."

Nein, Sasha Marianna Salzmann schreibt lebensstrotzende, traurige, wütende, erregende Literatur für alle - auch am Strand von Marseille eine wundervolle Lektüre.

Im Menschen muss alles herrlich sein

von Sasha Marianna Salzmann
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3518430101
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.09.2021 | 12:40 Uhr

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