Stand: 30.04.2020 12:40 Uhr

Sandra Lüpkes: "Die Schule am Meer"

von Susanne Birkner

Die reformpädagogische "Schule am Meer" auf der Nordseeinsel Juist bestand nicht einmal zehn Jahre, aber sie hat viele Menschen geprägt: Beate Uhse erinnert sich in ihren Memoiren an das Segeln mit ihrem Lehrer. Schauspielerin Maria Becker hatte in der Theaterhalle der "Schule am Meer" ihre ersten Auftritte. Viele wahre Begebenheiten hat die Autorin Sandra Lüpkes jetzt zu einem Roman verarbeitet.

"Ich hab 23 Jahre auf Juist gewohnt, und wusste natürlich immer, dass es diese Schule gab - aber nur so rudimentär", sagt die Autorin Sandra Lüpkes. "Es gab eine Schule, kurz vor der Nazizeit, hinten im Loog, wo jetzt Jugendherberge und Küstenmuseum untergebracht sind. Die hatte ganz berühmte Lehrer und ganz berühmte Schüler. Sie wurde dann aber geschlossen, weil sie pleite war und die Nazis gekommen sind."

Aber bei einer Lesung auf Juist entdeckte Sandra Lüpkes eine kleine Schautaufel und begriff zum ersten Mal:

Wenn da acht total motivierte und hochqualifizierte Pädagogen ausgerechnet an den Rand der Welt reisen, eine Schule aufmachen, alles investieren, und dann ist die nach neun Jahren zu, dass da eine unglaubliche Geschichte hinter stecken muss.

Abitur-Abenteuer im Eiswinter 1928/1929

Und diese Geschichte erzählt sie spannend und ausgesprochen gut recherchiert: wie Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler die Schule aufbauen, morgens zum mystischen Tauchbad in die Nordsee springen, zusammen musizieren, Theater spielen und lernen. Wie Freiheit, Kameradschaft und ein kritischer Geist gefördert wurden.

Und wie es fünf Abiturienten im Eiswinter 1928/1929, als Juist wochenlang vom Festland abgeschnitten war, auf abenteuerliche Weise zur mündlichen Prüfung nach Wilhelmshaven schafften:

Und sie hatten auch nur ein Zeitfenster von einem Tag, weil die Prüfer aus Hannover warteten. Die Schüler mussten eine Lücke im Nebel abwarten. Dann kam ein Flieger von Norderney, so ein ganz kleiner, dann ging auf Norderney aber kein Schiff mehr und sie mussten bis morgens warten, und dann sind sie mit dem Taxi nach Wilhelmshaven gefahren. Und einer davon war der Sohn von Alfred Döblin. Es gibt auch eine Notiz von Alfred Döblin, unter welchen Umständen sein Sohn Peter das Abitur bestanden hat.

Die vergessene Leistung der Anni Reiner

Sandra Lüpkes erzählt anschaulich vom Schulleben, weckt die realen Charaktere wieder zum Leben und erfindet sehr liebenswerte fiktive. Ihr größtes Verdienst aber: sie erzählt von der jüdischen Lehrerin Anni Reiner, die Schulleiter Martin Luserke in seiner Version der Geschichte immer totgeschwiegen hat. Anni Reiner hat mit ihrem Mann Paul die Schule mitgegründet, war Herz und Seele der Schule und hat sie weitgehend finanziert.

Als Antisemitismus und Nationalsozialismus auch die "Schule am Meer" erreichen, muss sie gehen. Frisch verwitwet, mit vier Kindern. Und komplett fallengelassen vom Schulleiter:

Dann hab ich mit der Recherche schnell gemerkt, dass er mehr als ein politischer Naivling gewesen ist, wie auf Juist oft gesagt wird. Was seine Rolle im NS angeht, sondern dass er das wirklich forciert hat, dass die Schule judenfrei ist, damit er sie am Ende retten kann, das war seine Hoffnung, die Schule zu retten, indem er sie zu einer Nazischule macht.

Interessanter und vielschichtiger Roman

Sandra Lüpkes hat Anni Reiners jüngste Tochter ausfindig gemacht. Die mittlerweile 87-jährige hat sie zwei Wochen im Familienhaus am Lago Maggiore recherchieren lassen. Dorthin war Anni Reiner mit den Kindern aus Nazideutschland geflohen. Die vielen alten Briefe haben ihr diese warmherzige und starke Pädagogin nahegebracht und Karin Reiner ihre Mutter ein Stück weit wieder, die fast nie über die Jahre auf Juist gesprochen hatte.

Ein interessanter und vielschichtiger Roman. Gut zu lesen und zugleich macht er auf erschreckende Weise deutlich, wie schnell sich im Alltag nationalsozialistisches Gedankengut durchsetzen konnte - selbst an der aufgeklärten "Schule am Meer".

Die Schule am Meer

von Sandra Lüpkes
Seitenzahl:
576 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kindler
Bestellnummer:
978-3-463-40722-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.05.2020 | 12:40 Uhr

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