Stand: 17.07.2019 15:31 Uhr

Schmerz und Begehren

Gespräche mit Freunden
von Sally Rooney, aus dem Englischen von Zoë Beck
Vorgestellt von Ulrike Sárkány

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney, Jahrgang 1991, schickt sich jetzt an, den deutschsprachigen Markt zu erobern. Die englischsprachige Welt kennt schon zwei Romane von ihr, "Conversations with Friends" und "Normal People", und die Autorin wird mit Lob und Preisen überhäuft. NDR Kultur stellt "Gespräche mit Freunden" von Sally Rooney vor.

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"Gespräche mit Freunden" ist der erste Roman der jungen irischen Autorin Sally Rooney, der ins Deutsche übersetzt wurde.

Die schönsten Romane sind immer die, die auf alte Märchenmuster zurückgehen. Sally Rooneys Roman "Gespräche mit Freunden" liegen "Das hässliche Entlein" und "Aschenbrödel" zugrunde. Aber man staunt doch, wie neu möbliert so eine Geschichte daherkommen kann.

"Wir waren auf einer Klosterschule, sagte Bobbi. Da gab es Probleme. Melissa grinste und sagte: Welche?
Na ja, ich bin lesbisch, sagte Bobbi. Und Frances ist Kommunistin." Leseprobe

Frances und Bobbi beginnen neue Beziehungen

Die Geschichte spielt im heutigen Dublin. Bobbi und Frances, die Ich-Erzählerin, treten als Performance-Künstlerinnen mit Frances' Gedichten auf. Sie sind Studentinnen, Anfang 20, und lernen die ältere Fotografin Melissa und ihren Ehemann, den Schauspieler Nick, kennen. Bobbi ist fasziniert von Melissa. Dass sich unterdessen eine feine kleine Liaison zwischen Melissas Mann und ihrer besten Freundin entspinnt, merkt sie gar nicht.

"Bobbi sagte, ich hätte keine 'echte Persönlichkeit', aber sie sagte auch, es sei ein Kompliment. Ich stimmte ihrer Einschätzung im Großen und Ganzen zu. Ich hatte das Gefühl, immer und überall sagen zu können, was ich wollte, und erst hinterher dachte ich: Oh, so ein Mensch bin ich also." Leseprobe

Romanfiguren mit sozialem Gewissen

Sally Rooneys Romanfiguren sind frei von überkommenen gesellschaftlichen Tabus, aber sie handeln doch mit hoher Reflexion und sozialem Gewissen. Sie könne sich keine Figur ohne soziale Dynamik vorstellen, sagt die Autorin. Romane erzählen von Beziehungen, und sie würde nie über jemanden schreiben, der immer allein ist. Viel mehr als das Individuum interessiert sie die Interaktion, die Erfindung einer interessanten Verbindung und deren Entwicklung gemäß ihrer Einschätzung der Personen.

Frances verliebt sich in Nick, aber aus Angst vor Zurückweisung tut sie so, als sei sie nur am Sex interessiert. Nick verliebt sich in Frances, aber er glaubt, ihr nichts zu bedeuten. Außerdem ist er ein verheirateter Mann. Alle Menschen um die beiden herum kommen gar nicht auf die Idee, dass etwas Ernstes zwischen ihnen sein könnte. Das kann ja eigentlich nur in der Katastrophe enden. Unterdessen steht Frances auch vor den Problemen einer beruflichen Perspektive und einer zu bewältigenden Krankheit.

Krankheit fördert einen wichtigen Lernprozess

"Es geht darum, die Figuren außer Kontrolle geraten zu lassen. Der Verlust der Autonomie ist ja viel interessanter als ihre Beherrschung. Deshalb ist Krankheit wichtig, denn sie ist etwas, dem wir ausgeliefert sind. Wir können nur bestimmen, wie wir damit umgehen. Begehren ist die eine Seite, Schmerz die andere - und oft sind die beiden miteinander verwandt", erklärt die Autorin.

Sally Rooneys Kunst besteht darin, das alles so unverstellt zu erzählen, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Vor dem Aufschlagen des Buchs lieber alle anderen Termine absagen!

Gespräche mit Freunden

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87541-5
Preis:
20,00 €

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