Stand: 22.08.2019 12:40 Uhr

Ein Serienkiller auf der Autobahnraststätte

Asphaltdschungel
von Joseph  Incardona, aus dem Französischen von Lydia Dimitrow
Vorgestellt von Amelia Wischnewski
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Für seinen äußerst düsteren Krimi wählt Joseph Icardona die seelenlose Kulisse einer Autobahnraststätte.

Bisher ist er in Deutschland noch nicht sonderlich aufgefallen. Der Autor Joseph Incardona, 1969 in Lausanne geboren, schreibt für den französischen Markt. Da hat man den Schweizer mit seinen Noir-Krimis aber bereits fest im Visier. Der renommierte Grand Prix de Littérature Policière für den besten französischen Kriminalroman ging an sein aktuelles Buch "Asphaltdschungel". Das allerdings ist keine leichte Kost.

"Pierre Castan öffnet die Augen. Hinter der schmierigen Windschutzscheibe ist die Welt immer noch da: ein Rastplatz, hitzedurchtränkt. Zertrampeltes gelbes Gras. Überquellende Abfalleimer. Angeschlagene Betonpicknicktische, rostige Stummel an den Ecken." Leseprobe

Weiter wollen wir erst mal nicht lesen. Denn schon auf der ersten Seite geht es um Exkremente, Körperflüssigkeiten. Ekel.

Ein "Noir" von besonders tiefem Schwarz

Der Autor Joseph Incardona hat einen Krimi noir von einem besonders tiefen Schwarz geschrieben. In kurzen, abgehackten Hauptsätzen beschreibt er darin Menschen, die längst nicht mehr am Abgrund stehen, sondern in ihn hinabgestiegen sind und dort kriechen, fleuchen, jagen und morden. "Es gibt da diesen Rechtsmediziner, die Hauptperson - er ist gebildet, spricht fünf Sprachen. Er hatte eine Villa, eine Frau, ein Kind. Er hatte alles. Als man ihm dann aber das Wertvollste in seinem Leben entreißt, seine kleine Tochter, wird er von einem Tag auf den anderen zum Tier. Er entwickelt sich zurück zu diesem atavistischen Wesen, das wir alle in uns tragen. Er wird zum Hai, der nur noch ein Ziel kennt: denjenigen zu fassen, der ihm seine Tochter genommen hat," sagt Joseph Incardona.

Ein Vater im Rache-Rausch

Dieser Hai - Pierre ist sein Name - lebt seit Monaten in seinem Wagen auf der Autobahn. Dort, an einer Raststätte, ist seine Tochter verschwunden. Als dann ein weiteres Mädchen verschwindet, ist klar: Es handelt sich um einen Serientäter. Incardonas Tonfall ist hart wie die geteerte Fahrbahn. Seine Schlagwort-Sätze rasen vorbei wie Rennwagen.

"Das Telefon klingelt. Ingrid drückt auf den grünen Knopf des schnurlosen Hörers, den sie immer griffbereit hat, stellt auf Freisprechen. Motorengeräusche im Hintergrund. Er ist nicht wiedergekommen. Seit sechs Monaten. Er ist auf der Jagd. Sie wartet. Sie ist am Telefon. […] Frontbericht. Der Jäger gibt Meldung. Pierre fängt an zu sprechen." Leseprobe

Extreme sind hier die Norm. Ein allwissender Erzähler dringt mal in den Kopf einer transsexuellen Prostituierten ein, die ihre Freier in einem Zelt an einer Autobahnraststätte empfängt, mal in den Mörder Pascal, der glaubt, man hätte ihm das Böse in den Kopf gepflanzt, mal ins Herz der Mutter Ingrid:

"Es gibt noch den Körper, ihren, der ihr Schmerzen bereitet, obwohl sie gar nicht mehr da ist. Sie ist der Überrest eines toten Sterns, sie leuchtet noch Jahrtausende weiter, aber ist vollständig erkaltet, weil alles, was sie zu geben hatte, längst verbrannt ist." Leseprobe

Die Faszination, im "Freien" gefangen zu sein

Sicher haben Krimis der letzten Jahre Verbrechen derart bildhaft dargestellt, dass man schon gegen diese Art der Gewalt abgestumpft ist. Incardona findet in der abgegrasten literarischen Landschaft aber einen neuen Ton. Überhaupt fühlt sich der Roman an wie eine Autobahnfahrt bei 38 Grad im Schatten, das Gaspedal durchgedrückt. Dramaturgisch fährt der Autor zwar bestimmt, aber nicht auf direktem Wege ans Ziel. "Was mich an der Autobahn als Spielort fasziniert hat, ist dieses Gefühl, im Offenen, im Freien doch gefangen zu sein. Und der Ort gibt auch die Möglichkeit, eine ultraliberale Gesellschaft zu beschreiben, in ständiger Bewegung. Eine Gesellschaft, die über-konsumiert - und in der Natur vollkommen abwesend ist", so der Autor.  

Anwesend ist Incardonas konsequenter Stil. Kann man bei so einem Buch von Genuss sprechen? Schwierig. Lesen sollten Sie es trotzdem.

Asphaltdschungel

von
Seitenzahl:
339 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Lenos Polar Verlag
Bestellnummer:
978-3-85787-494-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.08.2019 | 12:40 Uhr

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