Sylvie Schenk: "Roman d’amour"  (Cover) © Hanser

"Roman d'amour" von Sylvie Schenk: Satire auf den Kulturbetrieb

Stand: 19.04.2021 15:04 Uhr

Sylvie Schenk ist 1944 in Frankreich geboren, seit 1992 schreibt sie bereits auf Deutsch. Sie lebt bei Aachen und im französischen Departement Hautes-Alpes. Nun erscheint ihr neuester Roman mit dem Titel "Roman d'amour".

von Annemarie Stoltenberg

Es ist eins dieser wunderbaren Bücher, in denen man zur Komplizin der Autorin werden darf und nur uns Geheimnisse anvertraut werden. Es geht um eine Schriftstellerin, die einen Liebesroman geschrieben hat über eine "Amour fou", eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Sie soll nun mit einem Literaturpreis dafür geehrt werden und reist zur Preisverleihung und Lesung in einen idyllischen kleinen Ort an der Nordsee. Frau Sittich, die Lebensgefährtin des Bibliothekars, der alles organisiert hat, soll ein Interview zu ihrem Werk mit ihr führen. Immer skurriler wird dieses Interview, denn die Autorin wird unglaublich streng befragt nach autobiografischen Bezügen zu ihrem Leben in dem Roman und sie möchte auf keinen Fall zugeben, dass es tatsächlich ihre eigene Geschichte ist. Frau Sittich aber lässt nicht locker und fragt immer weiter danach, ob denn Schreiben nicht immer eine Forschungsreise in das Ich sei?

Ich wusste nicht, was ich darauf nun noch erwidern sollte. Es war einer dieser Augenblicke, in denen ich tief bereute, nicht Musikerin geworden zu sein. Ein Musiker kann ebenfalls aus den tiefsten und dunkelsten Regionen seiner Seele komponieren, auch er kann in seinen Melodien die Dramen seiner Kindheit, seiner gescheiterten Liebschaften oder seiner schrägen Sehnsucht nach einem gerechten Gott transportieren. Wer aber fragt schon einen Komponisten, ob seine Musik autobiografisch ist? Leseprobe

Persiflage auf den Kulturbetrieb

Parallel zu den Fragen der Interviewerin erzählt die Schriftstellerin uns, wie ihre eigene Geschichte mit ihrem verheirateten Liebhaber in Wirklichkeit verlaufen ist. Wie sie die heimliche gemeinsame Reise nach Irland erlebt hat und wie schmerzhaft alles schließlich war und verschränkt es dann mit dem literarischen Text, der daraus entstanden ist und den Fragen von Frau Sittich. Das ist unglaublich reizvoll gemacht und natürlich auch eine Persiflage auf den Kulturbetrieb und seine Handlungsmuster. Zwischendurch fragt sich die Schriftstellerin, was das eigentlich für ein Preis ist, den sie bekommen soll. Frau Sittich sagt:

"Sehen Sie, manchmal kommt es mir so vor, als wären Schriftsteller wie Pubertierende, die sich maskieren und im Schutz ihrer Protagonisten Geschichten erfinden, im eigenen und fremden Leben nach einem Sinn wühlen, sich aus einem Schicksal herausreißen." Leseprobe

Unterhaltend und anspruchsvoll zugleich

So liest man eine "echte" Liebesgeschichte, zugleich die literarische Geschichte, die daraus gemacht wurde, eine liebeswerte Satire auf den Literaturbetrieb und hat Freude an Sylvie Schenks raffinierter Kunst, unterhaltend und anspruchsvoll zugleich zu schreiben. Allzu häufig finden wir das in der deutschen Gegenwartsliteratur nicht. Daher ist dieser schmale Roman genau das richtige, um für ein paar köstliche Lesestunden im Sofa zu versinken.

Wenn Sie literaturbegeistert sind: "Land in Sicht. Bücher zum Leben" heißt der neue Literatur-Podcast von NDR Kultur - zu finden auch in der ARD-Audiothek.

Roman d'amour

von Sylvie Schenk
Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-26922-4
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.04.2021 | 12:40 Uhr

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