Stand: 18.09.2020 17:28 Uhr

Irland als roter Faden in allen Erzählungen

von Stefan Maelck

Richard Ford gehört zu den wichtigsten US-Amerikanischen Gegenwartsautoren und hat auch in Deutschland ein großes Lesepublikum. Für seinen Roman "Unabhängigkeitstag" erhielt er 1996 den Pulitzerpreis. Ford hat 2017 einen schmalen Band mit zwei Essays über seine Eltern vorgelegt - die sich mitunter auch lesen, als wären sie Passagen aus einem Roman.

Richard Ford: "Irische Passagiere" © Hanser Berlin
Alle Geschichten in diesem Buch haben irgendwie mit Irland zu tun.

Jetzt erscheint (mit Corona-Verschiebung von einem halben Jahr) ein neuer Band mit Kurzgeschichten namens "Irische Passagiere".

Es kommt selten vor, dass der deutsche Titel eines aus dem Englischen übersetzten Buches die Stärke des Originaltitels zu transportieren vermag. Deshalb ist es in Mode gekommen, oft einfach den englischen Originaltitel zu verwenden. In diesem Falle wäre das: "Sorry for your trouble".

Gelungene Übersetzung

Dem renommierten Übersetzer Frank Heibert ist es gelungen, mit "Irische Passagiere" einen Titel zu finden, der viel besser ist, weil er das Geheimnisvolle dieser Stories bewahrt, ohne selbst allzu geheimnisvoll zu sein. Vielmehr bündelt er das, was allen neun Stories gemein ist: Die Protagonisten haben irische Wurzeln, irische Ehefrauen und Ehemänner oder irische Reiseziele. So wie in der Geschichte "Überfahrt", der kompaktesten Story der Sammlung.

Sie waren drei Damen. Gehörten zusammen, nahm er an. Auf der Fähre rüber von Holy Head. Aus Amerika - wie er. Sie waren alle in Hochstimmung. Unterwegs zu irgendeinem Konzert in Dublin. Irgendwo in den Docklands, hatte er aufgeschnappt. Da wollten auch andere Leute auf der Fähre hin. Woher kamen diese Frauen? Irgendwann sangen sie alle drei, "Once, twice, three times a lady", und lachten albern. Wer immer diesen Song aufgenommen hatte, den wollten sie sehen - vermutlich noch am selben Abend - und dann morgen mit dem ersten Boot zurückfahren. Leseprobe

Wegen der Scheidungspapiere nach Dublin

Der Erzähler, der das Trio beobachtet, ist auf dem Weg nach Dublin, um seine Scheidungspapiere zu unterschreiben. Er stammt eigentlich aus Louisiana und hat seine irische Frau Patsy beim Studium kennengelernt. An keiner Stelle wird dem, der es nicht längst weiß, der Name Lionel Richie verraten, denn genau den wollen die drei singenden Damen natürlich sehen. Dafür aber lässt uns der Autor ganz tief in die Seele des Erzählers schauen.

Als er am Vorabend im Gedanken an die heutige Reise eingeschlafen war, hatte ihn das lächerliche Gefühl ergriffen - nicht ganz ein Traum -, dass man die gesamte Erfahrung des Lebens, Jahre und Aberjahre, tatsächlich nur in den letzten Sekunden erlebt, bevor der Tod die Tür zuschlägt. Die komplette Lebenserfahrung nur eine Fehlwahrnehmung. Eine Lüge, wenn man so will. Nichts Tatsächliches. Letzten Endes war es eine Befreiung, so zu denken. Das hatte er sich bei vielen Dingen angewöhnt. Leseprobe

Alle Protagonisten befinden sich im Herbst ihres Lebens

Gerade in Fords Spätwerk werden die Figuren nicht klüger und weiser, nur älter. Sie zählen eher ihre Verluste als ihre Erfolge. Wenn Leonard Cohen einst sang, dass da ein Riss in allen Dingen ist und das genau dort das Licht hereinströmt, dann könnte man damit Fords Storys beschreiben. All den Protagonisten ist der Knacks, der Riss, der Verlust gemeinsam. Fast alle Geschichten spielen am Ende des Sommers im Übergang zum Herbst, dort wo sich auch die Figuren in ihrem Leben befinden.

Im zweiten Sommer nach dem Tod seiner Frau beschloss Peter Boyce, das kleine Haus fast am Ende der Cod Cove Road zu mieten. Nicht das Haus, wo Mae und er jahrelang jeden August gewohnt hatten, sondern das ältere, kleinere, mit vergrautem Holz verschalte Bauernhaus, an dem sie manchmal abends vorbeispaziert waren, sie hatten mit dem Gedanken gespielt, es zu kaufen. Leseprobe

Erinnerungen an eine gemeinsame Zeit

So beginnt "Der Lauf deines Lebens", eine der beiden längeren Geschichten des Bandes. Ein Satz, in dem sich alle Trauer und Erinnerung an gemeinsames Glück bündelt, das nun für immer verloren ist. Peter fährt weiterhin an die Ostküste nach Cape Cod, wenn die Hundstage einsetzen. Er lässt sich dort treiben, liest Bücher von E.M. Forster und Virginia Woolfe, weil er, wie Ford schreibt, diese Generation für ihren "geistvollen Mangel an Gewissheiten" schätzte.

Das genau ist auch Fords Prinzip, seine Figuren müssen sich zwar mit Verlusten arrangieren, die sehr gewiss sind, aber Ford leitet daraus keine Gewissheiten ab, um das Leben irgendwie zu katalogisieren. Peter ist jetzt 55, erfolgreicher Immobilien-Anwalt, verfasst selbst Geschichten im Cheever-Stil und erkennt, dass es nicht dasselbe war, verwitwet oder Single zu sein."

Das sind diese scheinbar beiläufigen, großartigen Richard Ford-Sätze, die einen voll erwischen. Sätze, die man sich notieren, die man anderen vorlesen möchte. Wer die Short Story vielleicht ein wenig aus den Augen verloren hat, kann hier eine alte Liebe wiederfinden.

Irische Passagiere

von Richard Ford, aus dem Englischen von Frank Heibert
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Berlin
Bestellnummer:
978-3-446-26588-2
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.09.2020 | 12:40 Uhr

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