Stand: 22.05.2019 17:35 Uhr

Thriller über häusliche Gewalt

Die kalten Sekunden
von Remigiusz Mróz, aus dem Polnischen von Marlena Breuer und Jakob Walosczy
Vorgestellt von Amelia Wischnewski
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Neben dem Thema "Häusliche Gewalt" geht es in dem Krimi von Remigiusz Mróz auch um die Suche nach einer verschwundenen Frau.

Von unserem Nachbarn Polen schwappt wenig Kulturgut über die Grenze. Das könnte sich nun ändern mit dem Thriller-Autor Remigiusz Mróz. Mit gerade einmal 31 Jahren hat er bereits 25 Bücher veröffentlicht. In Polen ist jedes davon ein Bestseller und er wird gefeiert als populärster Autor des Landes. Seine Justizthriller-Reihe wird zurzeit verfilmt - denn Mróz ist eigentlich Jurist. Mit seinem neuesten Thriller "Die kalten Sekunden" kommt der erste Roman des polnischen Überfliegers auf den deutschen Markt.

Ob er seine Bücher auch wirklich selbst schreibe?, fragt ein Moderator den Autor im polnischen Boulevardfernsehen - schließlich komme alle paar Monate ein neues von ihm auf den Markt. Mróz scherzt, er habe sich geklont.

Der Mann, den ganz Polen bei seinem Sprint in den kommerziellen Erfolg bestaunt, wirkt getrieben. Noch nicht ganz herausgewachsen aus dem eng geschnittenen Juristen-Anzug, wuchert doch schon der Schriftsteller-Bart im bubenhaften Gesicht. Das neueste Buch "Die kalten Sekunden" ist ein Thriller über häusliche Gewalt.

"Robert, du kannst nicht…"
"Was kann ich nicht?"
"Du machst…"
"Hör auf zu quatschen, Gott verflucht!"
Er hatte jede Kontrolle verloren. Er prügelte auf meinen Brustkorb ein, als wäre ich ein Boxsack. Schlug besinnungslos zu. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Kurz schien mir, er zögere, aber da war nichts. Nur meine armselige Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass da noch ein Funken Menschlichkeit war. Leseprobe

Da war keiner - also, kein Funken. Der Autor lässt seine Protagonistin Kassandra von ihrem Angetrauten durchs Haus prügeln, Treppe rauf, Treppe runter. Gefühlt jeden Tag. Welcher hartherzige Leser hätte da kein Mitgefühl mit der armen Frau? Vielleicht derjenige, der nach 300 Seiten Missbrauchs-Marathon selbst zuschlagen möchte, zumindest das Buch.  

Ein Roman mit zwei Handlungssträngen

Denn es hat gleich mehrere Probleme: Eines ist, dass die Charaktere nicht aus ihrer Zweidimensionalität heraustreten wollen. Die geschundene Frau schlürft gern Sekt, sobald sie ihre Tortur hinter sich gebracht hat. Ihr Grund, in der toxischen Beziehung zu ihrem schlagenden Mann zu bleiben, ist ihr Sohn. Mit dem wechselt sie aber kaum ein Wort. Er existiert eigentlich nicht, außer als theoretische Motivation.

Das zweite Problem ist die Logik. Mróz rühmt sich damit, bis zu 30 Seiten am Tag zu schreiben und wenig vorauszuplanen. Dabei überrascht der Autor nicht nur den Leser, sondern, wie wir nun wissen, auch sich selbst. Das Vorhaben, gleich zwei Geschichten ineinander zu verweben, gelingt deshalb nur mäßig. In einer Parallelhandlung sucht ein Mann nach seiner verschwundenen Freundin. Er hat schon aufgegeben, da entdeckt er ein Foto von ihr auf Facebook.

Plötzlich war die Luft um mich herum elektrisch geladen, so also würde sich ein Gewitter ankündigen. Aber es donnerte nicht in der Ferne - der Donner befand sich direkt über mir. Ewa.
"Wie…" dann brachte ich kein Wort mehr heraus.
Ich wollte schlucken, doch mein Mund schien mit Watte gefüllt zu sein. Leseprobe

Vieles wirkt zusammengestückelt

Es beginnt eine atemlose Schnitzeljagd, die den suchenden Mann und die geschlagene Frau schließlich zusammenführt. Doch schnell tun sich Fragen auf. Die Figuren verfügen über ein Wissen, das vielleicht ein allwissender Erzähler kennt, nicht aber die Figuren selbst. Autor Mróz erklärt es uns nicht. Undankbar für den Leser. Der versucht nämlich zusammenzustückeln, was nicht zusammenpasst. Fast als hätte er ein schlechtes Gewissen, bittet Mróz den Leser durch seine Figuren wiederholt um Vorschuss-Vertrauen:

"Meinst du, du kannst dir jetzt das Ende der Geschichte vorstellen? Überleg nochmal. Wenn alles so offensichtlich wäre, hätte ich mir nicht so viel Mühe gegeben. Aber das wirst du auf der nächsten Aufnahme hören. Vertrau mir." Leseprobe

Es handelt sich um eine Nachricht der verschwundenen Frau an ihren Verlobten. Doch das Vertrauen in den Autor zahlt sich nicht aus. Schade. So bleibt zum Schluss die Vermutung, dass das Thema der häuslichen Gewalt dem Vielschreiber und Juristen nur als Kulisse für einen weiteren schnellen Erfolg dient. Atemlos hastet er schon zum nächsten Thriller. Vielleicht würde dem Jogger ein langer Spaziergang mit viel Zeit für die innere Einkehr zur Abwechslung einmal guttun.

Die kalten Sekunden

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-499-27606-4
Preis:
9,99 €

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