Bücherregale und eine Besucherin bei der Frankfurter Buchmesse 2021 ©  Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Sebastian Gollnow

Frankfurter Buchmesse: Debatte über rechte Verlage

Stand: 22.10.2021 14:16 Uhr

Seit Beginn der Frankfurter Buchmesse gibt es Absagen und Boykottforderungen von Autorinnen und Autoren, die nicht damit einverstanden sind, dass der Stand eines rechten Verlages sich neben der Bühne für Lesungen, dem "Blauen Sofa", befindet.

Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg. © dpa picture alliance Foto: Erwin Elsner
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Immer mehr Autorinnen und Autoren sagen ihre Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse ab. Die erste Autorin, die öffentlich ihre Teilnahme absagte, war Jasmina Kuhnke, die mit ihrem Romandebüt "Schwarzes Herz" für einen geheim gehaltenen Auftritt nach Frankfurt kommen wollte. Direkt neben der Bühne, auf der sie auftreten sollte, würden rechtsextreme Verlage auf der Frankfurter Buchmesse präsent sein, begründete Kuhnke ihre Absage.Die Journalistin, Philosophin und Autorin Svenja Flaßpöhler berichtete im Gespräch mit NDR Kultur Moderator Ulrich Kühn, dass Kuhnke Morddrohungen von Rechten bekommen habe.

Jasmina Kuhnke: "Schwarzes Herz" - Cover © Rowohlt Verlag/dpa
Die Autorin Jasmina Kuhnke wollte ihr Buch "Schwarzes Herz" auf der Buchmesse präsentieren - und sagte ab.

"Das ist erst einmal schrecklich. Da muss man erst einmal sehr empathisch sein. Wenn sich ein solcher Verlag direkt neben dem Blauen Sofa aufbaut, ist das erstmal eine Provokation", so Flaßpöhler. Die Autorin hätte auch sagen können: 'Hier, das haben wir erreicht. Ich als Person of Color sitze hier auf einer ZDF-Bühne, bitteschön. Und ihr kleinen Rechten, ihr könnt mir jetzt mal dabei zugucken, wie ich den öffentlichen Diskurs mit präge.' Das wäre aus meiner Sicht eine offensive Position der Stärke gewesen."

Stattdessen gehe man aber in die Negativität: "Man boykottiert, man zeigt auf diesen kleinen rechten Verlag, den jetzt jeder kennt. Ich sage bewusst nicht, wie er heißt. Das ist aus meiner Sicht destruktiv. Das wird eben auch der Komplexität der Gesellschaft, in der wir gerade leben, nicht gerecht. Wir haben natürlich das Problem von Rechtsextremismus, selbstverständlich. Aber wir haben auch eine große Zunahme an Partizipation von People of Color, und dafür hätte sie ein Zeichen setzen können", sagte Flaßpöhler.

Rainer Moritz zur Debatte um rechte Verlage auf der Frankfurter Buchmesse

Über das Thema sprach Ulrich Kühn auf der Buchmesse mit dem Leiter des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz.

Rainer Moritz, man könnte einwenden: 'Das ist leicht gesagt, wenn man nicht selbst von solchen Drohungen betroffen ist.' Man könnte aber genauso gut sagen: 'und dennoch'. So, wie Flaßpöhler es getan hat.

Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg. © dpa picture alliance Foto: Erwin Elsner
"Ich bin sehr dafür, jeden zu Wort kommen zu lassen, solange er die Rechtsordnung nicht verlässt", sagt der Leiter des Literaturhauses Hamburg Rainer Moritz.

Rainer Moritz: Wenn Bedrohungen ausgesprochen werden, dann muss Schutz gewährleistet werden. Dem will niemand ausgesetzt sein. Aber mir ist das Gut der Meinungsfreiheit, auch der Vielfalt einer Gesellschaft wichtiger. Das muss gewährleistet sein. Ich finde die Argumentation sehr schlüssig, dass wir in den letzten Jahren viel in unserer Gesellschaft verändert haben.

Deswegen reagieren auch viele sehr konservative, reaktionäre, rechtsextremistische Kreise so vehement darauf. Sie merken, dass sich diese Gesellschaft verändert - so, wie sie es nicht wollen. Aber das ist auch ein Zeichen von Stärke dieser Gesellschaft, dass es Verletzungen gibt, dass es Missachtungen gibt, dass es Menschen gibt, die gedankenlos sprechen. Auch das ist, glaube ich, ganz unstrittig. Aber ich bin sehr dafür, jeden zu Wort kommen zu lassen, solange er die Rechtsordnung nicht verlässt. Ich glaube, für eine Buchmesse wäre es fatal, wenn die Freiheit des Wortes hier nicht gewährleistet ist.

Die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Meinung: Das ist klar, darüber wird diskutiert. Es wird aber komplex, wenn es um die Freiheit der Kunst geht. Es ist ja auch denkbar, dass man prospektiv eingreift, dass man schon bei der Stoffwahl anfängt, sehr vorsichtig und zurückhaltend zu sein, dass Verlage sehr behutsam mit Texten umgehen, mit Blick darauf, dass darin etwas enthalten sein könnte, was Anstoß erregt - und dergleichen mehr. Wie beobachtest du diese Entwicklung?

Moritz: Leider ist das eine ganz klare Tendenz. Es herrscht manchmal, das muss ich deutlich sagen, auch bei den Verlagen, eine Übervorsicht. Man will nicht anecken. Man will nichts falsch machen. Aber wir haben es mit Kunstwerken zu tun, mit Romanen. Das könnte man auf die Bildende Kunst genauso anwenden. Große Romane haben sich noch nie dadurch ausgezeichnet, dass sie das widerspiegeln, was korrekt ist in einer Gesellschaft. Wenn man an Jean Genet denkt, an alle möglichen Autoren des 20. Jahrhunderts, Samuel Beckett, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek. Die haben sich nicht darum gekümmert, ob etwas korrekt ist.

Cover von Michael Köhlmeiers "Matou" © Hanser Literaturverlage
Michael Köhlmeier hat zuletzt am Beispiel seines Romans "Matou" davon erzählt, wie er eine Vokabel im Lektorat durchsetzen musste.

Es wäre ganz schrecklich, wenn auch eine Art vorauseilender Gehorsam in den Lektoraten um sich greifen würde. Und ich sehe Tendenzen. Ich höre immer wieder, wie Verlage beginnen, erst einmal ganz sensibel, Texte zu lesen. 'Darf man das überhaupt?' Wie Autoren manchmal etwas durchsetzen müssen. Michael Köhlmeier hat zuletzt in einem Gespräch über seinem großen Roman "Matou" davon erzählt, wie er eine Vokabel im Lektorat durchsetzen musste. Man wollte, dass das geändert wird.

Man kann historische Tatbestände nicht umschreiben. Anders sehe ich das, wenn es um Kinder- und Jugendbücher geht. Da muss man wahrscheinlich kommentieren, Hilfestellung leisten. Das finde ich völlig in Ordnung. Aber ich finde es fatal, wenn man jetzt anfinge, vergangene Werke umzuschreiben, Autoren auszugrenzen, weil sie nicht auf der Höhe des Bewusstseins sind, das wir anscheinend haben. Aber die Bestrebungen gibt es.

Ich wundere mich manchmal, dass auch so ahistorisch gedacht wird. Dass viele, die so etwas fordern, offensichtlich der Meinung sind - 'So klug wie wir im Moment sind, war noch nie eine Gesellschaft vor uns' und vergessen, dass auch wir historisch gebunden sind und man vielleicht über uns in 30, 40, 50 Jahren anders sprechen wird. Das scheint völlig ausgeklinkt zu werden. Hier wäre ein bisschen Demut, um einmal ein bewusst altmodisches Wort einzusetzen, ganz wichtig. Und ich bin strikt dagegen, literarische Texte historisch zu verändern und aber auch vorauseilend zu sagen, 'das darfst du, lieber Autor, liebe Autorin, am besten nicht schreiben. Du bekommst nur Ärger, wenn du das tust.' Dann entstehen Kunstwerke, Romane von größter Langweiligkeit.

Das Gespräch führte NDR Kultur Redakteur Ulrich Kühn.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.10.2021 | 18:00 Uhr

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