Stand: 14.07.2020 06:30 Uhr

Ragnar Jónasson: Keine Rückkehr von der Insel

von Annemarie Stoltenberg

Der Isländer Ragnar Jónasson erobert zurzeit die internationale Krimiszene. Einer seiner Krimis wurde als einer der besten 100 Krimis und Thriller seit 1945 ausgezeichnet. Er hat als erklärter Agatha-Christie-Fan schon als Jugendlicher begonnen, Krimis zu schreiben. Ansonsten ist er Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Finanzwesen, arbeitet als Investmentbanker und lehrt an der Universität Urheberrecht. In diesem Jahr erscheint seine Krimiserie um die Kommissarin Hulda Hermannsdóttir in deutscher Übersetzung.

Cover des Buchs "Insel" von Ragnar Jónasson © Verlagsgruppe Random House GmbH
In der zweiten Folge um Kommissarin Hulda Hermannsdóttir geht es um den Mord in einem abgelegenen Haus.

Agatha Christie hatte eine Vorliebe für ältere Ermittler. Auch Ragnar Jónassons Kommissarin Hulda hat in der ersten Folge bereits die Pensionsgrenze erreicht. Er hat also die drei Hulda-Krimis in chronologisch umgekehrter Reihenfolge veröffentlicht. "Dunkel" erschien im Mai, "Insel" in dieser Woche, und "Nebel" wird auf Deutsch im September erscheinen. In der ersten Folge beginnt es für Hulda mit einer schweren Demütigung. Sie wird vorzeitig aus ihrem Job herauskomplementiert. Ihr Vorgesetzter empfiehlt ihr, sie solle doch einfach schon mal Urlaub nehmen, ihre Stelle ist an einen jüngeren Kollegen vergeben worden.

Sie wusste, dass sie ihre Arbeit vermissen würde, ganz gleich, wie oft es sie gekränkt hatte, dass ihr Talent nicht angemessen gewürdigt worden war. Trotz der gläsernen Decke, an die sie so oft gestoßen war. In Wahrheit hatte sie Angst vor der Einsamkeit.

Hulda darf noch einen letzten Fall aufrollen

Jónasson bietet für manche Leserin ein hohes Maß an Wiedererkennungswert. Eine berufstätige Frau, fleißig, unbestechlich, erfolgreich, wird in einem männerdominierten Beruf von den Kollegen, die immer Zeit finden, solide Netzwerke untereinander zu knüpfen, gemobbt, zunächst immer wieder beiseitegeschoben und schließlich rausgedrängt.

Weil sie bei den Männerbünden nicht mitmacht, wird ihr mangelnde Teamfähigkeit unterstellt. Sie fordert vom Vorgesetzten wegen ihrer guten Erfolge in vielen Jahren als Ermittlerin noch einmal ein Entgegenkommen - einen letzten Fall, den sie noch einmal aufrollen darf. Ihr Chef willigt ein und Hulda entscheidet sich für den ungeklärten Tod einer Russin, die als Asylbewerberin nach Island gekommen war. Für Huldas Kollegen war es ein klarer Fall.

Alexanders mangelndes Engagement bei der Ermittlung war bei den Teamsitzungen deutlich zutage getreten. In gelangweiltem Ton hatte er bemüht jedes Indiz präsentiert, das auf einen Unfalltod hindeutete.

Zeugen lenken den Verdacht in die falsche Richtung

Als Hulda die Sache noch einmal aufrollt, stößt sie offenbar gleich in mehrere gefährliche Hornissennester. Auskunftsfreudige Zeugen, die sie bewusst in die falsche Richtung lenken - ein Motiv, das in Krimis leider nur selten eine Rolle spielt, führt auch dazu, dass die ermittelnde Leserschaft lange in die falsche Richtung denkt.

Hulda Hermannsdóttir - eine sympathische Heldin

Über Huldas privaten Hintergrund erfahren wir vieles, das für das Verständnis von "Insel" und später "Nebel" wichtig werden wird. Es gab etliche schwere Tragödien in ihrem Leben. Wir sind auf ihrer Seite, bewundern ihre Beharrlichkeit, ihr Tempo und ihre empathische Klugheit und sind fasziniert von der dunklen Seite ihrer Persönlichkeit.

"Insel": Nur drei von vier Freunden kehren zurück

In der Folge "Insel" wird es um einen Mord in einem sehr abgelegenen Haus gehen. Das isolierteste Haus Islands. Vier Freunde fahren hin, nur drei kehren zurück. Hulda wird einen Mörder finden, der schon mehrere Untaten auf dem Gewissen hat. Und wir Leserinnen und Leser sind zufrieden, an ihrer Seite arbeiten zu dürfen.

Insel

von Ragnar Jónasson, aus dem Englischen von Kristian Lutze
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
btb Verlag
Bestellnummer:
978-3-442-75861-6
Preis:
15,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.07.2020 | 12:40 Uhr

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Joris-Karl Huysmans: "Gegen den Strich"

Der dekadente Spross eines Adelsgeschlechts, unfähig zu menschlichen Kontakten, zieht sich in sein extravagantes Haus zurück. Sein Lebensstil fördert seine Neurosen. 5 Min

Mehr Kultur

Milow © Deutscher Radiopreis / Philipp Szyza Foto: Philipp Szyza

Popmusiker Milow: "Ich werde dieses Konzert niemals vergessen"

Der belgische Popmusiker gab in Hannover am Donnerstag ein beglückendes Konzert vor Publikum. Das heutige Konzert überträgt NDR.de live. mehr