Stand: 21.12.2018 17:20 Uhr

Pieter Bruegel: Das Gesamtwerk im XXL-Format

Pieter Bruegel. Das vollständige Werk
von Jürgen Müller, Thomas Schauerte (Herausgeber)
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

Wer die Prachtbände sammelt, die der Taschen Verlag zum Ende eines jeden Jahres herausbringt, braucht viel Platz. Mit fast einem halben Meter Höhe und mehr als 30 cm Breite erscheinen die Künstlermonografien im XXL-Format. Ins Regal passen sie nur, wenn man sie waagerecht stapelt.

In diesem Jahr feiert der Verlag das Werk von Pieter Bruegel dem Älteren - mit all seinen fantastischen und grausigen Details. Ein Buch, dem man eigentlich nur eines vorwerfen kann: Wer den fünf Kilo schweren Wälzer beim Schmökern auf der Couch auf seinen Beinen platziert, läuft Gefahr, ohne fremde Hilfe nicht mehr aufstehen zu können.

Biblische Themen und Alltagsszenen

Mehr als ein Genre-Maler

Pieter Bruegel hatte einen Hang zum Drastischen: Auf seinen Bildern wird gerauft und gesoffen, getanzt und getafelt. Männer pinkeln an Häuserwände oder hängen den nackten Hintern aus dem Fenster, um sich zu erleichtern. Solche Szenen brachten dem Flamen den Beinamen "Bauern-Bruegel" ein. Ein Stereotyp, das sich über viereinhalb Jahrhunderte gehalten hat. Zu Unrecht, meinen Jürgen Müller und Thomas Schauerte: "Sind es doch gerade einmal drei Tafeln und wenige Kupferstiche, die das bäuerliche Genre bedienen." 

Die Autoren des Prachtbands "Bruegel - Das gesamte Werk" zeigen: Das Repertoire des um die Mitte des 16. Jahrhunderts tätigen Künstlers ist keineswegs auf Zoten und Schenkelklopfer beschränkt. In seinen Bildern beschäftigt der Maler sich intensiv mit den geistigen, politischen und religiösen Entwicklungen seiner Epoche.

Kritik an den Herrschenden

Sehr wahrscheinlich kannte Bruegel die Schriften des Radikalreformators Sebastian Franck und teilte dessen Unmut über die Katholische Kirche. In einer Zeit, in der die Inquisition bestimmte, was gesagt werden durfte, konnte er allerdings keine offene Kritik üben. Dennoch hielt Bruegel mit seiner Meinung nicht hinter den Berg. Was er über den Klerus und die herrschenden Habsburger dachte, offenbart er in Gemälden wie dem "Bethlehemitischen Kindermord":

Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, schickte er aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten (…),  die zweijährig und darunter waren.  Matthäus-Evangelium

Bruegel verlegt das Massaker - das traditionell vor orientalischer Kulisse spielt - in ein verschneites Dorf in Flandern oder im Süden Hollands. Herodes Truppen haben sich auf dem zentralen Platz versammelt. Emotionslos überwacht der Heeresführer, wie seine Schergen mit Äxten und Speeren die Häuser stürmen, Eltern ihre Söhne entreißen und töten. Väter flehen um Gnade, Mütter versuchen mit ihren Babys zu flüchten, aber lange vor ihnen erkennt der Betrachter: Diesem Gemetzel entkommt niemand. 

Ein Maler seiner Zeit

Es ist kein Zufall, dass Bruegel die Kindermörder in schwarz-glänzenden Rüstungen malt: Genau so sahen die spanischen Soldaten aus, die Mitte des 16. Jahrhunderts in Südholland mit brutaler Gewalt die Aufstände gegen die Habsburger niederschlugen. Noch deutlicher wird der Künstler bei der Darstellung eines berittenen Boten - rechts im Bild:

Er trägt den Habsburger Doppeladler auf der Brust, weist also eine eindeutige zeithistorische Markierung auf. (…) Das Bild ergreift unmissverständlich Partei gegen die brutale Gewaltherrschaft. Leseprobe

Überzeugend gelingt es den Autoren des Bildbandes, Bruegel vom Klischee des volkstümelnden Genremalers zu befreien und ihn als Menschen seiner Zeit begreifbar zu machen. Aber niemand kauft ein solches Buch, nur um auf den neuesten Forschungsstand zu kommen.

Abbildungen verdeutlichen den Detailreichtum

Vor allem lädt der Bildband dazu ein, den überbordenden Reichtum von Bruegels Malerei zu genießen. Das kann man hier aufs Schönste: Der Prachtband präsentiert Abbildungen aller 39 Gemälde des Künstlers. Teilweise doppelseitig, teilweise sogar als vierseitige Ausklappbilder.

Viele Gemälde rücken dem Betrachter in zahlreichen Detailaufnahmen umso näher. Egal ob biblische Szenen oder idyllische Winterlandschaften, ob fantastische Dämonen und mordlüsterne Skelette: Dank des Großformats präsentiert sich jedes noch so kleine Detail, als würde man mit einer Lupe vor dem Original stehen. Ein visueller Hochgenuss - von der ersten bis zur letzten Seite.

Pieter Bruegel. Das vollständige Werk

von
Seitenzahl:
492 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hardcover mit Ausklappseiten, 29 x 39,5 cm - verfügbar ab Februar 2019
Verlag:
Taschen Verlag
Bestellnummer:
978-3-8365-5688-0
Preis:
150,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 23.12.2018 | 17:40 Uhr

Pieter Bruegel: Das Gesamtwerk im XXL-Format

Der umfangreiche Prachtband zeigt alle Gemälde des Künstlers Pieter Bruegel - sowie alle Zeichnungen und Kupferstiche, die Bruegel nach heutigem Forschungsstand zugeschrieben werden. mehr

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