Stand: 25.02.2019 14:59 Uhr  - NDR Kultur

Die wahre Geschichte hinter Würgers "Stella"?

Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte
von Peter Wyden
Vorgestellt von Alexandra Friedrich
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"Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte" erzählt viele Geschichten. Doch Stella bleibt ein Mysterium.

Für den Roman "Stella", NDR Buch des Monats Januar, wurde Autor Takis Würger teilweise heftig kritisiert. Würger erzählt in dem Roman die Geschichte einer Jüdin, die während des Zweiten Weltkriegs andere Juden an die Gestapo ausliefert: Stella Goldschlag. Wie viele weitere Protagonisten des Romans hat Stella tatsächlich existiert. Der junge Autor montiert aber diese historischen Figuren und Fakten in eine fiktive Coming-of-Age-Geschichte.

Die einen attestieren Takis Würger dafür Schneid, die anderen einen Mangel an Problembewusstsein. Die einen befinden: Kunst. Die anderen: Schund. Diese hitzige Literaturdebatte hat der Steidl-Verlag jetzt zum Anlass genommen, um ein Sachbuch über Stella Goldschlag neu aufzulegen. Unter dem geänderten Titel "Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte" ist das Buch, das 1993 erstmalig in Deutschland erschienen ist, seit dem 25. Februar zurück auf den Markt.

Wyden: "Menschliches Benehmen, was immer auch es ist, lässt man nie ruhen"

Der Autor Peter Wyden wollte begreifen, warum Menschen in der NS-Zeit bestimmte Wege eingeschlagen haben. Welche Umstände einige zu Kollaborateuren und Tätern, wenige zu Widerständigen und viele zu Mitläufern und Zuschauern machten. "Menschliches Benehmen, was immer auch es ist, lässt man nie ruhen", sagte Wyden 1993 In einem Interview zu seinem Buch. "Für einen Historiker, Journalisten ist es nicht tragbar, dass man Benehmen irgendwelcher Art unterdrückt, besonders das Benehmen des Feindes."

Der deutsch-amerikanische Autor Peter Wyden rührt in seinem Buch als einer der ersten ein Tabuthema der historischen Forschung an: jüdische Kollaboration mit den Nazis. Begreifen wollte er vor allem Stella Goldschlag. Sie, die er selbst glühend verehrt hatte, als er - damals noch als Peter Weidenreich - mit ihr im Berlin der 30er-Jahre eine jüdische Privatschule besuchte.

Von "Marilyn Monroe" zur Greiferin

Die Familie von Peter Wyden floh 1937 vor der Bedrohung der Nazis in die USA. Stella musste bleiben und entwickelte sich in den Folgejahren von der umschwärmten "Marilyn Monroe der Schule" zur gefürchteten "Tigerin". Dass sie als sogenannte "Greiferin" für die Gestapo Jagd auf untergetauchte Juden machte, erfuhr Peter Wyden durch einen Artikel der Berliner Zeitung im Jahr 1946. Fortan machte er es sich zur Aufgabe, das Rätsel dieser verheerenden Entwicklung zu lösen.

Er durchforstete jahrelang Archive, las sich durch Akten und Protokolle, interviewte Psychologen, Juristen und andere Experten. Er spürte Zeitzeugen auf und schaffte es, sie zum Erzählen zu bringen. Das Ergebnis sind profunde und vielschichtige Charakterstudien der unterschiedlichsten Akteure und zum Teil völlig neue Einblicke in Strukturen, Prozesse und Entwicklungen in die Zeit des Dritten Reiches und die Nachkriegszeit.

Das unbefriedigende Ende einer langen Suche

Stella Goldschlag bleibt für Wyden allerdings weiter ein Mysterium. Als er die unter neuem Namen und in Isolation lebende Stella nach langer Suche 1989 aufspürt, leugnet sie ihre Taten noch immer, wie sie es auch zuvor in den Gerichtsprozessen getan hatte.

"Sie hielt meinen Arm umklammert. Eine flehentliche Bitte an mich, ihr zu glauben, ihre Unschuld einzusehen, kam auf mich zu. 'Du weißt, dass ich ein Gewissen habe! Ich würde doch niemanden verraten! Du kennst mich, seit wir Kinder waren, ich musste immer brav sein, meine Eltern wollten, dass ich die Beste bin!'"

Doch Peter Wyden glaubt ihr nicht. "Ob Stella verdrängt oder sie nur hundertprozentig lügt, das kann ich nicht genau beurteilen", sagt er 1993 in dem Interview. "Wenn Sie mich zu einer Antwort pressen würden, würde ich sagen, dass sie lügt. Sie lügt - ich kenne ja diese Pappenheimerin recht gut."

Stellas trauriges Ende

Ein Jahr nach der Veröffentlichung von "Stella" nimmt sich die Protagonistin das Leben. Peter Wyden bleibt bis zu seinem Tod 1998 ein Wahrheitssuchender, der keine endgültigen Antworten findet. Genau wie der Ich-Erzähler aus Takis Würgers umstrittenen Roman "Stella".

26 Jahre nach der Ersterscheinung des Sachbuches, wird es jetzt, mit einem geänderten Titel, der eigentlich so gar nicht passt, neu veröffentlicht. "Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte" erzählt viele Geschichten und beinhaltet viele Wahrheiten. Nur die Wahrheit über Stella Goldschlag, die erfahren wir nicht.

Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte

von
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Steidl
Bestellnummer:
978-3-95829-608-4
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.02.2019 | 19:00 Uhr

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