Stand: 04.12.2017 11:30 Uhr

Letztes Epos von Peter Handke

Die Obstdiebin
von Peter Handke
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Am 6. Dezember feiert der in Kärnten, Österreich, geborene Schriftsteller Peter Handke seinen 75. Geburtstag. Mit seinen legendären "Publikumsbeschimpfungen" und der "Angst des Torwarts vor dem Elfmeter" sorgte er in den 60er-Jahren für Furore. Seitdem sind seine Werke stark beachtet, bejubelt oder auch scharf kritisiert worden.

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Bevor Peter Handke sich ganz dem Schreiben widmete, hat er in Graz Jura studiert.

Seit einigen Jahren lebt Peter Handke in der Nähe von Paris. Dort beginnt auch die Wanderung der Hauptfigur seines neuen Buches: "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere".

Obgleich es im Werk von Peter Handke wiederkehrende Leitmotive gibt - seltene Wörter, die bei ihm immer wieder auftauchen wie "Entrückung", Stimmungen wie ein Lufthauch, der kaum wahrnehmbar ins Zentrum gerückt wird, dann wieder leise Empfindungen - obgleich sich das alles wiederholt, ergeht es vielen Leser so, dass sie immer eines seiner Bücher mögen und das nächste nicht. Wie in Wellen.

Vorliebe für seltene Worte

Er ist nicht ganz von dieser Welt, dieser Dichter, der scheinbar nachts an Mondseen sitzt und seine Sätze aus silbrigen Gewässern fischt oder vom Firmament klaubt.

"Unverhofft jetzt aber: Zeitnot verflogen und gegenstandslos geworden. Alle Zeit auf Erden hatte ich plötzlich. Alt wie ich war: Mehr Zeit denn je. Und das Buch des Lebens: Offen und dabei dingfest, die Seiten, besonders die unbeschriebenen, aufleuchtend im Wind der Welt, der Erde hier, der Hiesigkeit." Leseprobe

So spricht der Erzähler, der sich auf die Spuren der Obstdiebin begibt. Schön ist das. Behutsam. Ein Text, der die Zeit anzuhalten versucht, denn die Richtung, in die sich das Weltgeschehen offenbar mehr und mehr beschleunigt dreht, dräut als Besorgnis im Hintergrund.

Auf den Spuren einer mysteriösen Obstdiebin

Man muss ein wenig Geduld mitbringen für diesen Text und es mögen, dass man unweigerlich zwischendurch immer wieder tief und fest einschläft und dabei intensive Träume hat. Ein Mann sitzt im Zimmer eines Hauses an der Peripherie. Es gibt einen Obstgarten. Das Zimmer stellt man sich hell, sonnig, mit wehendem weißen Vorhang vor, sparsam, nur mit dem Notwendigsten möbliert.

Peter Handke: Ein Schriftstellerleben

Es ist trocken, die Hitze des Tages weicht nur langsam, es zirpt, ein Buch liegt auf dem Tisch und wird dort liegen gelassen. Der Erzähler verlässt das Haus und folgt einer mysteriösen Obstdiebin. Eine Wandersfrau, immer unterwegs, immer auf der Suche. Der Erzähler folgt ihr, Gedanken und Erinnerungen nachsinnend.

"Bildschnuppenschwärme, frei von jeder Bedeutung oder von gleichwelchem Bedeuten, und doch erlebe und begrüße ich sie jeweils, vor allem nach einem längeren Ausbleiben und an Tagen der Bedrängnis, selbst wenn sie nicht flammen, sondern bloß so aufflackern, blaken, funzeln, mit einem: 'Noch ist also nicht alles verloren!'" Leseprobe

Ein Text wie ein langes Gedicht

Der Text liest sich wie das Langgedicht eines alt gewordenen "Werther", der sich fürchtet, beim Gehen eine Ameise zu töten, der alle Steine umdrehen möchte, um zu gucken, welches Gewimmel darunter krabbelt, der Schicksale hinter den Fassaden, hinter den Gesichtern wahrnimmt, und je weiter er sich von seinem Haus entfernt, desto welthaltiger werden auch die Wahrnehmungen.

Es tauchen Spielverderber auf, Königsmörder im Namen der Menschenrechte, Landzerstörer im Namen der sozialen Bewegungen. Schwer auszuhalten für den Erzähler ist die Nähe der Menschen in der Bahn, in die er der Obstdiebin folgt. Ein öffentliches Verkehrsmittel bleibt unvermittelt stehen, fährt nicht mehr weiter. Die Passagiere nehmen es gelassen:

"Und jeder von uns hatte inzwischen Augen für den andern, hatte die Scheu der ersten Fahrstunde verloren. Wie scheu waren wir Erdenwürmer doch geworden! Hat es je in der Menschenwelt so eine Menschenscheu gegeben wie unsere heutige?" Leseprobe

Sich vom Text treiben lassen

Man kann sich in diesem Text treiben lassen, von einem Vorort von Paris ins Landesinnere, in die Picardie und wird wie im inzwischen aus der Mode geratenen "nouveau roman" keine wirklich erzählte Handlung finden, keine Folge von Ereignissen, aber immer nach kaum drei Tagen mit diesem Dichter staunen: "Bleibend seltsam. Ewig seltsam."    

Peter Handke hat die Gabe, die Wirklichkeit wie ein paar gut eingelaufene Wanderschuhe sorgfältig zu putzen: Eincremen, bürsten, polieren als Kunstwerk. Nicht um etwas zu beschönigen, sondern um dafür zu sorgen, dass man Lust hat, darin weiterzugehen. So wie man bei aller Langeweile sofort nach dem Auslesen dieses Buch anfängt, sich nach dem nächsten von Peter Handke zu sehnen. Es soll nie aufhören.

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Die Obstdiebin

von
Seitenzahl:
559 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42757-6
Preis:
34,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 05.12.2017 | 12:40 Uhr

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