Stand: 02.01.2020 12:30 Uhr  - NDR Kultur

Späte Rache

Fliege fort, fliege fort
von Paulus Hochgatterer
Vorgestellt von Andrea Gerk
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Das Menschliche beziehungsweise Unmenschliche an sich sind die Generalthemen dieses spannenden Romans.

Der österreichische Schriftsteller Paulus Hochgatterer ist nicht nur eine bedeutende literarische Stimme seines Landes, sondern  auch als Kinder- und Jugendpsychiater tätig. Dadurch dürfte er einiges gemeinsam haben mit seinem Protagonisten Raffael Horn, der bereits zwei Mal dem Bösen auf der Spur war: 2006 in "Die Süße des Lebens" und 2010 in "Das Matratzenhaus". Jetzt wird das idyllische Städtchen Furth, in dem beide Romane spielten, erneut vom Verbrechen heimgesucht: "Fliege fort, fliege fort".

Zwischen Bergen und Badewiesen liegt die fiktive Kleinstadt Furth am See, in der eine Serie seltsamer Verbrechen die ländliche Idylle aufschreckt: Ein verstörter alter Mann wird ins Krankenhaus eingeliefert, weil er angeblich von der Leiter gefallen ist; eine betagte Nonne wäre beinahe an einem Risotto erstickt, das sich aber als Katzenfutter entpuppt und ein stadtbekannter Säufer hat sich den Kopf aufgeschlitzt, angeblich an einem Ast. Hinzu kommen ein Anschlag während der Fronleichnamsprozession, ein Graffiti am Haus eines Rechtspopulisten und vor allem die Entführung einer Zehnjährigen, für die niemand Lösegeld fordert.

Seltsame Vorfälle in der Kleinstadt Furth

"Ich sage ihr, dass ich sie entführt habe, sie fragt mich, warum und ich sage, weil es so sein muss. Die Tränen steigen ihr in die Augen, dann fragt sie mich, ob ich Geld haben möchte, sie habe vergessen, wie es heißt, aber ich wisse schon, welches. "Lösegeld meinst du", sage ich, und sie sagt, ja, Lösegeld, ihr Vater verdiene ganz viel Geld, und die Firma verkaufe Sachen bis nach Afrika. Ich sage, nein, um Geld gehe es nicht." Leseprobe

Tatsächlich geht es bei der Entführung und den Übergriffen auf die alten Menschen um lang zurückliegende Verbrechen, die doch nie vergeben und vergessen werden konnten. Denn die Opfer waren hilflose Kinder- und Jugendliche - die Schützlinge eines Kinderheims, das ihnen aber statt Schutz nur Gewalt, Demütigungspraktiken und Missbrauch bot.

"Der Direktor hatte Gehilfen. Sie beschaffen sich auch welche. Gehilfen bestrafen Gehilfen. Die bewährten Methoden. Die Decke. Die Wiederverwertung. Der Siegelring. Ein Nebenschauplatz, höchst unvernünftig. Rache ist nicht süß, aber keine Vergeltung zu üben macht auch niemanden froh." Leseprobe

Vergeltung für lange zurückliegende Verbrechen

Den späten Rachefeldzug durchdringt Hochgatterer auf komplexe Weise und aus unterschiedlichen Perspektiven. Während der Entführer mit eigener Stimme - also aus der Ich-Perspektive - spricht, ist man bei den zwei Hauptfiguren - die sich im Übrigen nie begegnen - eher indirekt, aber auch nicht weniger intensiv dabei.

Zwei in die Jahre gekommene Männer: Der melancholische Kriminalkommissar Ludwig Kovacs, der mit unregelmäßig schlagendem Herzen über Tatorte nachdenkt, und der noch immer in seine eigene Frau verliebte Psychiater Raffael Horn, der zuweilen selbst etwas unregelmäßig tickt.

Wechselnde Schauplätze und Perspektiven

Von derart sympathisch eigenwilligen Menschen gibt es einige in Paulus Hochgatterers Roman, dessen Generalthema überhaupt das Menschliche beziehungsweise Unmenschliche an sich ist und der nicht zuletzt davon erzählt, wie brutal und vernichtend es ist, Menschen keinen eigenen Willen und keine Würde zu lassen.

Die Komplexität des Themas spiegelt sich auch in der Erzählweise des Autors, der immer wieder Schauplätze und Perspektiven wechselt - einen mal mitnimmt in den Psychiateralltag der Klinik, dann ins Jugendzentrum oder zur "Burg" - einem Auffanglager für minderjährige Flüchtlinge, das von schwarzgekleideten Glatzköpfen bewacht wird.

Es ist nicht immer ganz leicht, den Überblick zu behalten in diesem hochkomplexen Roman. Doch wer nicht aufgibt, wird mit einem außergewöhnlich reichen, ästhetisch dichten und inhaltlich sehr bewegenden Leseerlebnis belohnt.

Fliege fort, fliege fort

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Deuticke
Bestellnummer:
978-3-552-06403-4
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 03.01.2020 | 12:40 Uhr

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