Stand: 28.02.2020 15:03 Uhr

"Taubenleben" - ein Roman über Tod und Lebenssinn

von Alexander Solloch
Paulina Czienskowski: "Taubenleben" (Cover) © Verlag Blumenbar bei Aufbau
Paulina Czienskowski schreibt über eine junge Frau auf der Suche nach Sinn im Leben.

Paulina Czienskowski arbeitet als Autorin unter anderem für die Zeit und die Welt, 2018 veröffentlichte die Journalistin den Erzählband "Ein Manifest gegen die emotionale Verkümmerung". Jetzt hat die Tochter des Fotomodels Iris Czienskowski und des Schauspielers Richy Müller mit "Taubenleben" ihren ersten Roman veröffentlicht.

Lois ist mit Anfang 20 noch kaum in irgendeine Lebensroutine verstrickt. Das ist die Gelegenheit für große Fragen und große Zweifel: Mit wem will ich zusammen sein, welche Wege werde ich gehen, und wenn ich sie gehe, werde ich dann niemals ankommen? Was bleibt eigentlich von mir außer Vergeblichkeit, nachdem ich mein kleines bisschen Leben gelebt habe? Womöglich führe ich nur ein "Taubenleben"? Als Lois klein war, hat ihr Vater ihr mal gesagt, Tauben würfen sich vor Autos, wenn sie sterben wollten.

Und dann wurde mir etwas klar, das mich sehr traurig machte: Das Ende dieses Lebens war sekundenschnell gekommen, und niemand hatte es bemerkt. Vielleicht noch nicht mal ihr Todbringer. Keiner würde je erfahren, dass diese eine Taube überhaupt existiert hatte. Weil sich niemand für diesen einen Vogel interessierte. Ich spürte, wie Tränen in mir aufstiegen. Ich war wütend. Und empört. Da begeht jemand Selbstmord, und am Ende interessiert es niemanden. Leseprobe

Erinnerungen an die Kindheit

So will ich nicht untergehen, beschließt Lois und meint doch, dem Untergang ins Auge zu sehen. Sie hat Grund anzunehmen, dass sie sich mit AIDS infiziert hat. Eine unfreundliche Sprechstundenhelferin nimmt ihr Blut ab, und dann beginnt das tagelange Warten aufs Ergebnis. Lois gräbt sich ein in die Erinnerung an die Jahre als Kind, eingeklemmt zwischen einem Vater, der jede Woche einen Blumenstrauß nach Hause brachte, um dem Anschein eines liebevollen Familienlebens etwas Dekor zu geben, und einer Mutter, der es nicht gelingt, Gefühle zu zeigen, jedenfalls nicht die, die einem Kind gelegentlich ganz gut tun.

"Ach, Lois, es ist so eine Last mit dir." Das sagte sie mir früher gerne so zwischendurch. Zwar lag dabei ein Lächeln auf ihren Lippen, aber das minderte nicht die Härte dieses Satzes. Ich lächelte tapfer zurück, jedes Mal. Als mein Vater noch gelebt hatte, spürte sie die Allianz, die ich mit ihm gegen sie gebildet hatte. Das trieb sie immer weiter weg von uns. Er war mein Held und sie bloß meine Mutter. Leseprobe

Grübeleien über den Tod

Lois war 11, als der Held starb. Es war ein Unfall, so erzählte man es dem Kind. Aber Lois kommt in diesen schweren Tagen, in denen ihre Zukunft so ungewiss ist, mancher Lüge auf die Spur und mancher Wahrheit, sie trifft Entscheidungen, die sie selbst überraschen, und vertraut sich endlich der befreienden Kraft pathetischer Gefühlsaufwallungen an.

Klopf, klopf, klopf auf den Barhocker. Ich stehe auf, entschuldige mich und gehe zur Toilette. Vollkommen unerwartet schießen mir Tränen in die Augen, als ich mich im Spiegel ansehe. Mit meinem Finger fahre ich über mein Spiegelbild, das voller Schlieren ist, als gerade die Tür aufgeht und ein gackernder Trupp Frauen reinkommt. Mit einem Ruck drehe ich mich zu ihnen um. "Was guckt ihr denn so? Habt ihr noch nie geliebt?!", raunze ich ihnen entgegen. Sie schauen mich verdutzt an, dann einander. Eine von ihnen leicht abschätzig: "Ähm, ich wollte mir einfach nur die Hände waschen." Leseprobe

Beiläufige Beobachtungen

Dann aber käme es doch darauf an, sich die Hände nicht deshalb zu waschen, weil man sie sich eben manchmal wäscht, sondern weil man auch (emp)findet, dass sie es wirklich mal wieder verdienen, gewaschen zu werden. Ein Hoch auf die Hände, man würdigt sie viel zu selten, denkt sich der Leser, bereitwillig angesteckt von den schweren Grübeleien, die der Roman in so schwebend-leichtem Ton verbreitet.

Sie nähren sich aus unzähligen kleinen Beobachtungen, aus der Bereitschaft, das Unglaubliche auch im winzigen Detail zu sehen: In der Gleichmäßigkeit etwa, mit der einer aus seinen Nasenlöchern atmet und damit die Reinheit seiner Seele riechen lässt, oder im tiefen Behagen, das entsteht beim Geräusch von Krümeln, die im Staubsauger verschwinden.

Verblüffend beiläufig klärt sich die Frage, ob Lois gesund ist oder nicht. Jetzt kommt es darauf an, der Antwort einen Sinn zu geben. Wenn man nicht sterben will - dann doch am besten deshalb, weil man sich selbst ganz gut findet.

Taubenleben

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Blumenbar / Aufbau Verlag
Bestellnummer:
978-3-351-05063-4
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

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