Plenarsaal im Deutschen Bundestag © dpa Foto: Kira Hofmann

Braucht der Bundestag eine Parlamentspoetin? Pro und Contra

Stand: 12.01.2022 16:00 Uhr

Braucht der Bundestag eine Parlamentspoetin oder einen -poeten? Die Idee wird unter anderem in Kanada gelebt. Hier wurde sie von den Autor*innen Simone Buchholz, Mithu Sanyal und Dimitry Kapitelmann ins Gespräch gebracht.

von Alexander Solloch / Joachim Dicks

Im Bundestag selbst ruft der Vorschlag verschiedenste Reaktionen hervor. Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt von den Grünen ist begeistert von der Idee: Poesie könne dabei helfen, einen neuen diskursiven Raum zwischen Parlament und lebendiger Sprache zu öffnen. Ihr liberaler Kollege Wolfang Kubicki hält dagegen: "Künstler sollen eigentlich Stachel im Fleisch der Herrschenden sein, nicht deren Angestellte."

In der Debatte um die Parlamentspoetin stellen Joachim Dicks und Alexander Solloch aus der NDR Kultur Literaturredaktion ihre Argumente vor - pro und contra.

Contra: Das Parlament braucht nicht besungen zu werden

Das Wetter schlecht, die Renten karg,
Drum stimme, lieber Bundestag,
Dafür, die Welt mal zu verbessern,
Zum Beispiel mit mehr Wein aus Fässern!

NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch meint, dass wir keine Parlamentspoetin brauchen, die Kultur aber mehr Gehör finden sollte.

Ach nein, lieber nicht. Das Parlament braucht nicht zu singen und nicht besungen zu werden; es wäre schon maßlos viel gewonnen, wenn der Bundestag aufrichtig stritte, leidenschaftlich, überzeugungswillig und überzeugungsfähig.

Was hätten die, die sich für Parlamentspoesie aussprechen, gern zum Ausdruck gebracht? "Wir sind relevant, wir werden gehört und deshalb haben wir auch eine Verantwortung", so steht es im Aufruf von Mithu Sanyal, Simone Buchholz und Dmitrij Kapitelman. Wenn davon nur irgendetwas wahr wäre - Relevanz, Gehör, Verantwortung -, dann bräuchten wir erst recht keinen Parlamentspoeten, keine Parlamentspoetin als Schaufensterpuppe.

Wie es in diesem Land tatsächlich um die Poesie steht, haben die vergangenen zwei Jahre aufs Bitterste gezeigt: In der Not wird die Kultur als einigermaßen überflüssiger Freizeitquatsch aber mal ganz schnell dichtgemacht. Warum etwa die vielen kleinen kreativen und sowieso superhygienischen Buchläden lange Zeit ganz schließen mussten und jetzt wieder mit strengen Beschränkungen im Handel mit Literatur gebremst werden - warum das so sein muss und ob es nicht vielleicht doch anders sein könnte, darüber wünschte man sich mal eine zünftige Debatte im Bundestag. In ihr ließe sich die Relevanz der Dichtung weitaus überzeugender darlegen als mit reiner Symbolpoesiepolitik.

Die Bundesrepublik leistet sich übrigens bereits einen festangestellten Poeten, er heißt Bundespräsident (Gendern hier nicht erforderlich, es ist immer ein Mann). Von ihm werden sonntags und an Weihnachten schon genügend Gedanken fürs Poesiealbum abgesondert. Das ist in der Regel zwar eher schlichte Literatur, aber in der Dichtung stellt das Misslungene ja sowieso eine klare Zweidrittelmehrheit: Parlamentspoetisch? Nee, Leute, das geht nisch!

Alexander Solloch, NDR Kultur Literaturredaktion

Pro: Idee ist nicht neu, aber immer noch gut

Joachim Dicks © NDR Foto: Christian Spielmann
Poesie steckt sowieso im politischen Diskurs, meint Literatur-Redakteur Joachim Dicks. Eine Parlamentspoetin? Ja, bitte.

"Es schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort. Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort." Ich träumte heute Nacht, der Deutsche Bundestag eröffnete den parlamentarischen Betrieb, mit dieser "Wünschelrute" von Joseph Eichendorff, und prompt reckte und streckte ich mich beim Erwachen voller Lebensfreude und hatte gute Laune.

Die Idee ist nicht neu, aber immer noch gut. Der Schriftsteller und früherer Leiter des Hanser-Verlags Michael Krüger hat immer mal wieder angeregt, den Tag im deutschen Parlament mit dem Vortrag eines Gedichts beginnen zu lassen. Warum? Weil das, womit wir den Tag beginnen, uns für die Aufgaben öffnen soll, die auf uns warten. Die Nachrichten aus aller Welt, die morgens meistens so sind wie am Abend zuvor, schaffen das nicht. Poesie erinnert uns daran, dass alles, was wir denken, fühlen und wahrnehmen auch ganz anders sein kann. Dass wir jederzeit die Perspektive ändern können und - dass nichts so bleibt, wie es war und nichts ist, wie es scheint.

Politik versucht im besten Fall mit den Mitteln des Verstandes Lösungen für Probleme auszuhandeln. Das erwarten die meisten von uns auch von Politikerinnen und Politikern. Aber der Verstand kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir mehr sind als reine Vernunftwesen. Der Verstand orientiert sich an der binären Logik von richtig und falsch, von gesund und krank, von gut und böse oder - demokratisch abgemildert – von besser und schlechter.

Für den Austausch der Argumente brauchen wir eine möglichst klare, verständliche Sprache. Aber die Sprache ist meistens nicht so. In jedem Fall ist sie auch Klang, Musik und Rhythmus, also Poesie. Sie tangiert immer auch die Sphäre des Jenseits von binären Codes, von Algorithmen und Logik. Politik und jeder rationale Diskurs ist somit ohne Poesie gar nicht möglich. Wir haben es im Alltag nur vergessen. Eine parlamentarische Poetin könnte uns dabei helfen, wieder ins Bewusstsein zu bringen, wie poetisch wir in Wirklichkeit sind.

Sie - oder er - bräuchte dabei nicht jeden Tag ein Gedicht aus eigener Feder zu tagespolitischen Ereignissen beisteuern; das könnte tatsächlich kitschig und peinlich werden. Aber den Horizont weiten, in dem uns mal wieder Goethes "Zauberlehrling" im Parlament vorgetragen wird oder Brechts "Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens", das könnte zur Beruhigung in diesen unruhigen Zeiten beitragen.

Innehalten: Auch das lehrt die Poesie. Aber Vorsicht! Gedichte beruhigen nicht nur; sie erzeugen auch Irritation. Wer von der Lyrik nur Klarheit und politische Korrektheit erwartet, würde sich bald wundern. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier und auch ihre Wählerschaft hätten auch viel Unsicherheit und Ungewissheit, Wagemut und Eigensinn auszuhalten. So ist es, das Leben. Die Poesie kann ein Lied davon singen. Jeden Tag.

Joachim Dicks, NDR Kultur Literaturredaktion

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

 

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