Stand: 25.08.2020 12:40 Uhr

"Oberkampf": Die Dämonen des Alltags in Paris

von Alexander Solloch

"Oberkampf" - ein Name, bei dem man vielleicht unwillkürlich zusammenzuckt, weil er so harsch klingt und barsch; oder einer, der Träume und Schwärmereien auslöst. Christophe-Philippe Oberkampf war im späten 18. Jahrhundert ein französischer Industrieller mit deutschen Wurzeln. Dass er aber heute noch in aller Munde ist, liegt an der Straße, die nach ihm benannt ist, die "Rue Oberkampf" im 11. Arrondissement von Paris, ganz nah am Marais, wo die Stadt am intensivsten und lebendigsten leuchtet. Hier spielt der neue Roman von Hilmar Klute, dem "Streiflicht"-Chef der "Süddeutschen Zeitung", der vor zwei Jahren, mit knapp über 50, sein literarisches Debüt vorlegte, "Was dann nachher so schön fliegt", und dafür von vielen sehr gerühmt wurde. Nun also sein neues Buch: "Oberkampf".

Cover des Buchs "Oberkampf" von Hilmar Klute © Galiani
Jonas Becker, Mitte vierzig, lässt sein Leben in Berlin hinter sich und beginnt neu in Paris.

Wenn all die Oberkämpfe im Kopf mit all den Unterkämpfen im Herzen ringen, dann muss Paris nicht der schlechteste Austragungsort für dieses Geschehen sein. Jonas Becker hat gerade seine Agentur in Berlin abgewickelt wie auch seine dortige Liebe. Mitte vierzig, Neuanfang - Paris.

Vor dem kleinen Bistro standen Tische und Stühle im Sonnenlicht, es saß noch niemand dort, alles war Vorbereitung auf den Tag, dem wie alle Tage in dieser Stadt etwas Feierliches mitgegeben werden sollte, ein feiner Milderungsschein mit gedeckten Tischen und frisch geschriebenen Speisekarten; in Paris wird die Welt nicht untergehen, dachte Jonas und musste über den Satz lachen, weil er wie eine Verheißung klang. Leseprobe

Ein Buch über einen Schriftsteller

Und auch, um sich vor falschem Gefühl zu schützen. Jonas ist ja kein Romantiker, nachgeplapperten Überschwang verachtet er mit empfindlichem Gespür für falsche Töne. Keine duselige Sehnsucht führt ihn nach Paris, wo er in der Rue Oberkampf Quartier nimmt, sondern der Wunsch, ein Buch zu schreiben über den österreichischen Schriftsteller Richard Stein, der seit Jahrzehnten hier lebt.

Attentat auf Charlie Hebdo

Ein Wunsch, der jetzt konkret werden soll. Aber in dem Moment, in dem Jonas in Paris eintrifft, kommt auch der Terror in die Stadt. 7. Januar 2015 - Attentat auf Charlie Hebdo. Jetzt sind alle "Charlie". Jonas nicht, er will nicht Teil einer Phrase sein.

Jonas spürte etwas Kaltes seine Brust heraufkriechen, ein Unbehagen vor der Menge und ihren Ritualen, die ihm eigenartigerweise nicht weniger barbarisch vorkamen als die Hass-Inszenierungen der Mörder. Eigentlich sollte man doch wütend sein, dachte Jonas. Wie konnte man anders empfinden als heillose Wut auf die drei Schweinehunde, die zwölf Franzosen mit ihren Kalaschnikows die Köpfe zerballert hatten. Aber diese Milde, diese zurückgenommene, als Ohnmacht inszenierte Fassungslosigkeit, war auch wieder so ein nationaler Snobismus. Gleich würden sie auch wieder singen, dachte Jonas. Leseprobe

Aber vereinnahmen lässt auch er sich, wehrlos, nahezu stumm: Richard Stein, der alte Schriftsteller in seiner winzigen Wohnung, macht Jonas zu seinem Eckermann, spinnt ihn ein in sein Netz aus endlosen Selbstbezüglichkeiten.

Figur erinnert an Schweizer Autor Paul Nizon

Stark erinnert diese fiktive Figur an den tatsächlich seit Jahrzehnten in Paris lebenden Schweizer Schriftsteller Paul Nizon, dem Hilmar Klute vor Jahren einmal eine hinreißende Reportage gewidmet hat. Aber dieser Typ ist keiner, den man sich mit einer Reportage abstreifen könnte.

Am Anfang ihrer Gespräche war Jonas abgestoßen von der Egomanie des Alten; aber im Lauf der Wochen und Monate begann er zu verstehen, dass sich Richard Stein mit seinen Büchern eine passable Festung gegen die Welt gebaut hatte. Die Selbstgewissheit war seine Überlebenstugend geworden. Der äußere Ruhm war ausgeblieben, aber die Ehrerbietung der Kollegen hielt sein Werk in den oberen Etagen der Literaturgeschichte. Richard Stein war berühmt, weil viele Leute so freundlich waren, etwas Freundliches über seine Bücher zu sagen, die kein Mensch las. Leseprobe

Über die Dämonen unseres Alltags

Die gespielte Leichtigkeit, die Savoir-vivre-Eleganz, die der alte Schriftsteller ebenso ausstellt wie die alte Stadt, kommen uns bald vor wie der verblassende Talmiglanz von Denkmälern, die auch nur Lügen sind. Aus Witz und Ekel komponiert Hilmar Klute, der scharfsinnige Beobachter intimster Innen- und öffentlichster Außenwelten, ein großes Kunstwerk über die Dämonen unseres Alltags: Beziehungsangst, Angst vorm Scheitern, die Gewalt einer Welt in Auflösung.

Karten für ein Konzert im Bataclan

Erst denkt man sich ja nichts dabei, als Christine, Jonas Beckers neue Pariser Freundin, Karten für ein Heavy-Metal-Konzert im November besorgt. Aber je energischer der Herbst einzieht mit kühlen Stürmen und heftigem Regen, desto unruhiger wird der Leser. Man darf doch im November 2015 nicht in ein Heavy-Metal-Konzert in Paris gehen - nicht ins Bataclan.

Oberkampf

von Hilmar Klute
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Galiani Berlin
Bestellnummer:
978-3-86971-215-4
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.08.2020 | 12:40 Uhr

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