Stand: 30.03.2020 10:25 Uhr

Wenn die Sekte eine Familie zerstört

von Annemarie Stoltenberg

In seinem letzten Roman "Die Herzen der Männer" hatte der amerikanische Autor Nickolas Butler es geschafft, das Wesen und die Befindlichkeit von drei Männergenerationen in faszinierender Weise zu beschreiben. Er lebt mit seinen beiden Kindern im ländlichen Wisconsin - und genau dort spielt auch sein neuer Roman "Ein wenig Glaube", mit dem er ein bedrückendes Thema der amerikanischen Gesellschaft aufnimmt.

Nickolas Butler: "Ein wenig Glaube" © Tropen Verlag / Klett-Cotta
Lyle und Peg freuen sich über ihren Enkel, mit dem die erwachsene Tochter bei ihnen wieder einzieht.

Im Mittelpunkt des Romans "Ein wenig Glaube" von Nickolas Butler stehen Lyle und Peg Hovde, die gerade anfangen, ein überwältigendes Großelternglück zu genießen. Ihre alleinerziehende Adoptivtochter Shiloh ist - nach einer schweren Zeit - mit ihrem Kind nach Hause zurückgekehrt und die beiden sind ganz verliebt in den fünfjährigen Isaac.

Angespanntes Verhältnis zur Adoptivtochter

Sie würden sich sämtliche Beine für ihn ausreißen und alles für sein Glück tun. Weil das Verhältnis zu Shiloh fragil und angespannt ist, versuchen sie ihr Kümmern um den Enkel mit Respekt vor der Mutter des Kindes zu gestalten.

Lyle achtete sorgfältig darauf, dass er dabei nicht eines der Bande durchschnitt, mit denen Shiloh sich und ihr Kind so geschickt und gewissenhaft verknüpft hatte. Je mehr Jahre ins Land gingen, desto mehr stellte Lyle fest, dass er sich am wohlsten fühlte, wenn er seine Ruhe hatte, wenn er in der Nähe der Menschen sein konnte, die er liebte, und keine Probleme lösen oder Fragen beantworten musste. Eigentlich wollte er am liebsten nur noch ein paar wesentliche Dinge lernen, nämlich, wie er es schaffen könnte, leichter zu leben, intensiver zu lieben und besser zu essen.    Leseprobe

Lyle und seine Frau hatten ihr eigenes Kind nach wenigen Monaten verloren. Jahre später erfuhren sie, dass ein 15-jähriges Mädchen auf der Toilette einer Schnellimbiss-Filiale ein Kind zur Welt gebracht hatte. Sie fuhren hin, verliebten sich in das Baby und nahmen es auf. Sie versuchten, alles richtig zu machen.

Die Sektenmitgliedschaft führt zu Konflikten

Aber Shiloh entwickelte sich zu einem seltsamen, abweisenden, aggressiven Mädchen. Sie verließ dann das Haus ihrer Adoptiveltern und schloss sich einer Sekte an. Auch ihre leibliche Mutter war Mitglied einer Sekte gewesen. Sie ist noch nicht lange zurück bei Lyle und Peg, als die ersten Konflikte aufflackern.

Lyle zwingt sich, jeden Streit zu vermeiden. Er sucht, als seine Adoptivtochter sich mehr und mehr einer Sekte anschließt, Rat bei einem Theologen.

Ich weiß nicht, was ich dir raten soll, Lyle. Diese Art von Kirchen… Das bedeutet dann alles für die jeweilige Person. Es ist wie ein schwarzes Loch oder so etwas in der Art. Man wird da mit Gewalt hineingezogen und es ist außerordentlich schwierig, sich daraus wieder zu befreien, sich wieder hinauszukämpfen. Leseprobe

Das kranke Kind wird nicht ärztlich behandelt

Shiloh wird die Lebensgefährtin des Pastors dieser dubiosen Sekte, der sie sich angeschlossen hat. Die beiden wollen ein Wochenende als verliebtes Paar allein genießen und Isaac darf zu den Großeltern.

Das Kind leidet ganz offensichtlich an Diabetes. Sie bringen ihren Enkel ins Krankenhaus, wo Isaac ins Koma fällt. Als Shiloh zurückkehrt, ist sie vor allem außer sich vor Wut, weil die Großeltern das Kind ins Krankenhaus gebracht haben. In einer Anmerkung zum Buch sagt Nickolas Butler:

Man geht davon aus, dass in den USA jedes Jahr Hunderte, wenn nicht gar Tausende Kinder an eigentlich vermeidbaren gesundheitlichen Problemen sterben, während ihre Eltern oder Erziehungsberechtigten um ihre Gesundung beten, statt sich medizinischer oder wissenschaftlich fundierter Methoden zu bedienen. Leseprobe

Über diesen unfassbaren religiösen Fundamentalismus in einer aufgeklärten, modernen Gesellschaft geht es in Butlers Roman. Berührend erzählt er aus der Perspektive der Großeltern, die keine Chance haben, da helfend einzugreifen.

Offenbar könnten mehr öffentliche Aufmerksamkeit und Bewusstsein helfen. Aber davon einmal abgesehen ist "Ein wenig Glaube" auch so ein hervorragender, sehr gut zu lesender Familienroman. 

Ein wenig Glaube

von Nickolas Butler, aus dem Englischen von Dorothee Merkel
Seitenzahl:
382 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klett Cotta
Bestellnummer:
978-3-608-96434-9
Preis:
17,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.03.2020 | 12:40 Uhr

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