Simone Buchholz: "River Clyde" © Suhrkamp

Neuer Roman von Simone Buchholz: "River Clyde"

Stand: 18.03.2021 12:37 Uhr

Simone Buchholz' Krimiheldin Chastity Riley, die sonst als Staatsanwältin auf Hamburg-St. Pauli ermittelt, begegnet in ihrem neuesten Fall in Schottland den Geistern ihrer Vergangenheit.

von Andrea Gerk

Die Bücher von Simone Buchholz finden sich regelmäßig auf den Bestsellerlisten und wurden schon mit vielen Preisen ausgezeichnet. "River Clyde" heißt ihr neuester Roman.

Am Hamburger Hafen brennt ein ganzer Altbau-Straßenzug, fast 30 Todesopfer fordert die Brutalo-Variante heutiger Immobilienspekulation. Trotzdem weigern sich Kommissar Stepanovic und seine Kollegen, zu ermitteln. Seit ihr Kollege Faller tot ist, geht nichts mehr. Ein Teil des Teams tröstet sich in einer grotesken Selbsthilfegruppe und Chastity Riley flüchtet nach Glasgow - in eine Stadt, die so schön dunkelgrau ist wie ein verregneter Tag auf St. Pauli.

In Schottland erfährt Riley von ihrer Familiengeschichte

Die Staatsanwältin hat Post von einem Anwalt bekommen. Es geht um ihren Ururgroßvater und die Geister ihrer eigenen Vergangenheit. Die begegnen ihr auch bald mit Whiskyglas am Kamin sitzend. Aber das ist noch längst nicht alles, es gibt auch einen sprechenden Hirsch und überhaupt scheint die Welt in "River Clyde" nach anderen Gesetzen zu funktionieren.

"Mir war von Anfang an klar, dass es nicht mehr um 'investigating cases', sondern um 'investigating souls' gehen würde", erzählt Buchholz. "Mir war auch klar, dass die Polizei sich weigern wird, zu ermitteln, weil die ja noch so in Fetzen hängt von dem, was in 'Hotel Cartagena' passiert ist. Ich wusste auch, dass es Gespenster geben würde, aber ich wusste nicht, wie sehr der magische Realismus Einzug halten würde, bis dann diese Pandemie dazwischenkam. Und irgendwie sind mir die Realitäten zerfallen, ist mir die Wirklichkeit unter den Fingern verrutscht."

Magische Wirklichkeit und seltsame Vorkommnisse

In Glasgow trifft die verstörte Chastity Riley bei viel Bier und Whisky buchstäblich sich selbst. Denn der Künstler Tom zeigt ihr in einem Pub ein Foto, auf dem sie im Gesicht ihrer toten Tante ihr eigenes erkennt. Damit taucht Riley tief ein in die traurige Geschichte ihrer Vorfahren und ihre schon immer fragile innere Verfassung gerät erst einmal noch mehr aus dem Lot.

Atmosphärisch dicht und sehr poetisch erzählt Simone Buchholz von Toten, die nochmal lebendig werden und von Lebenden, die sich wie tot fühlen. Wenn in dieser Szenerie ein Fluss zum fühlenden Wesen wird oder Tiere sprechen, ist das ein stimmiger Ausdruck für den tiefen Riss, der durch die Gefühlswelt ihrer Hauptfigur geht.

Eine neue Seite der Staatsanwältin zeigt sich

"Der Riss geht diesmal durch Riley selbst", erklärt die Autorin. "Die hat es ja komplett zerlegt im letzten Buch und jetzt ist sie ganz durchlässig geworden für Natur, wilde Tiere, sprechende Tiere, Gespenster und andere Dimensionen. Mein Gefühl beim Schreiben war aber, dass ihr das vielleicht hilft, ein paar Dinge zu begreifen und dass das auch Teil dieses Heilungsprozesses ist, durch den sie da geschickt wird."

So wie am Ende des letzten Bandes die Welt nicht mehr dieselbe war, ist es diesmal Chastity Riley selbst, die sich verwandelt und der etwas möglich erscheint, das sie stets vermeiden musste - sich niederzulassen und jemandem nah zu sein.

Abschied von der Hauptfigur

Insofern ist "River Clyde" auch eine Art Trauer- und Trostbuch, in dem es um Abschiede und Anfänge geht. Für die Hauptfigur, aber auch für ihre Erfinderin: "Ich kann jetzt gar nicht sagen, ob sie wiederkommt oder für immer weg ist. Aber ich glaube, wir brauchten beide einmal eine Pause voneinander. Ich freue mich jetzt drauf, etwas Neues zu schreiben und hoffe, dass es ihr weiter gut geht - und dann schauen wir mal", so Buchholz.

River Clyde

von Simone Buchholz
Seitenzahl:
230 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-47129-6
Preis:
15,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.03.2021 | 12:40 Uhr

Simone Buchholz: "River Clyde" © Suhrkamp
5 Min

Simone Buchholz: "River Clyde"

Im neuen Buch von Simone Buchholz reist Staatsanwältin Chastity Riley für eine Familienangelegenheit nach Schottland. 5 Min

Simone Buchholz neuer Krimi "River Clyde".
3 Min

Simone Buchholz veröffentlicht letzten Band der Krimi-Reihe

Die Krimipreis-Trägerin beendet mit dem zehnten Band die "Chas Riley"-Reihe. Sie arbeitet bereits an einer neuen Idee. 3 Min

Mehr Kultur

Die Direktorin des Hamburger Völkerkundemueseums, Barbara Plankensteiner. © Museum für Völkerkunde Hamburg Foto: Paul Schimweg

Provenienzforschung: "Es gibt einen Wandel in der Haltung"

Barbara Plankensteiner, Direktorin des MARKK, spricht über den aktuellen Stand der Provenienzforschung in Deutschland. mehr