Stand: 13.02.2018 11:00 Uhr

Wenn die Männerwelt zittert

Die Gabe
von Naomi Alderman, aus dem Amerikanischen von Sabine Thiele
Vorgestellt von Juliane Bergmann
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Naomi Alderman ist in London aufgewachsen und studierte in Oxford. Sie stellt bei BBC Radio 4 "Science Stories" vor und ist Professorin für Kreatives Schreiben.

Die #MeToo-Debatte um sexuelle Belästigung von Frauen hat mit überraschender Wucht große gesellschaftliche Fragen aufgeworfen: Fragen nach Gleichberechtigung, Machtmissbrauch, Verantwortung. Die britische Autorin Naomi Alderman findet ihre ganz eigenen Antworten - in ihrem neuen Buch "Die Gabe". Sie dreht den Spieß um: Bei ihr sind Frauen gegenüber Männern plötzlich körperlich überlegen, sie haben - ja genau: "Die Gabe".

Frauen mit ungewöhnlichen Kräften

Eine Gegenwart, in der Frauen - überall auf der Welt - auf unterschiedlichste Art schlechter behandelt werden als Männer. Nicht ernst genommen, unterdrückt, gedemütigt, körperlich oder psychisch misshandelt. Man könnte sagen: unsere Jetztzeit. Hier verortet Naomi Alderman ihre düstere Dystopie. Der Tag Null, der alles verändert, oder auch "der Tag der Mädchen", wie er im Buch genannt wird. Eine der ersten ist die 14-jährige Roxy, die Tochter eines Drogenbosses, die von einer verfeindeten Gang angegriffen wird.

Wie nadelfeine Stiche aus Licht zieht es über ihr Rückgrat zu ihrem Schlüsselbein, von ihrer Kehle zu ihren Ellbogen, Handgelenken, Fingerspitzen. Ein Gefühl, als ob sie unter ihrer Haut glitzert. Sie macht sich bereit, ihn zu treten oder zu stoßen, doch eine innere Stimme sagt ihr überraschenderweise, sie solle sein Handgelenk packen. Sie gehorcht und befreit irgendetwas tief in ihrer Brust. Der Blitz ruht in ihrer Hand und sie befiehlt ihm einzuschlagen. Leseprobe

Ein Stromschlag, der verletzt oder sogar tötet. Weltweit können ihn Mädchen bewusst einsetzen und diese Fähigkeit an erwachsene Frauen weitergeben. "Die Gabe" macht sie plötzlich zum stärkeren Geschlecht. Handyvideos von solchen Angriffen gehen im Netz viral und sorgen für Panik. Hat man sich beim Lesen erst einmal an diese relativ schräge Grundidee - Frauen, die Blitze schießen - gewöhnt, ist das, was folgt, durchaus nachvollziehbar und verursacht immer wieder so ein Seufzen. Man denkt: "ja, typisch Mensch".

Experten stehen vor einem Rätsel

Experten und Verschwörungstheoretiker überschlagen sich: Eine Krankheit könnte dahinter stecken, eine Seuche, eine Mutation, Dämonen, ja gar ein Vorzeichen des Weltuntergangs. Natürlich - in der westlichen Welt setzt man aktionistisch auf Separation. Kommt einem irgendwie bekannt vor aus etlichen Kapiteln der Menschheitsgeschichte.

Am fünften Tag hatten sie die Mädchen von den Jungen getrennt, nachdem klar war, dass die Aggression von den Mädchen ausging. Eltern befahlen ihren Söhnen bereits, nicht allein aus dem Haus zu gehen. Jungen wurden mit speziellen Bussen in nur für sie bestimmte Schulen transportiert. Leseprobe

Frauen wehren sich - Männer verbünden sich

In Saudi-Arabien gehen Frauen gegen ihre Unterdrückung auf die Straße. Sie stürzen die Regierung. In Moldawien befreien sich Frauen aus jahrzehntelanger Sklaverei und Menschenhandel. Überall verbünden sich Männer vergeblich. Einige verkleiden sich als Frauen, um sich zu schützen. In Amerika gründet Roxy einen religiösen Orden mit Eve, die wie eine Prophetin gefeiert wird. Sie ist überzeugt: Gott ist weiblich.

Sie will, dass ihr eure Aufmerksamkeit auf das richtet, was ihr vergessen habt. Juden: Von Miriam könnt ihr etwas lernen, nicht von Moses. Muslime: Blickt auf Fatimah, nicht auf Mohammed. Buddhisten: Erinnert euch an Tara, die Mutter der Befreiung. Christen: Betet zu Maria für eurer Heil. Man hat euch beigebracht, dass ihr unrein seid, unheilig, schmutzig. Man hat euch gelehrt, alles an euch zu verabscheuen und lieber ein Mann sein zu wollen. Doch man hat euch Lügen erzählt. Gott ist in Form dieser neuen Gabe auf die Erde zurückgekehrt, um euch zu lehren. Leseprobe

Erzählung aus verschiedenen Perspektiven

Was ganz schön ist: Erzählt wird die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, der des weltreisenden Reporters, der sich zum Chronisten der Revolution macht, und eben auch der vieler weiblicher Figuren in Amerika, Großbritannien, Indien, Nigeria. Zu Beginn sympathisiert der Leser noch mit den Frauen, die sich wehren und befreien. Das gilt sicherlich nicht nur für weibliche Leser.

Aber bald schon dreht sich einfach das Machtgefälle. Ein bisschen zu sehr Hau-Drauf-Botschaft. Die Frauen nutzen ihre neu gewonnene Position aus, missbrauchen ihre Kraft, unterdrücken die Männer. Ein Krieg bricht aus.

Die Soldaten rücken langsam vor, sind bewaffnet mit Gummigeschossen und ausgestattet mit Schuhen mit dicken, isolierenden Sohlen. Sie wollen hier ein Zeichen setzen. Macht demonstrieren, um der Welt zu zeigen, wie eine gute ausgebildete Armee mit aufsässigen Frauen umgeht. Leseprobe

Wenig gelungene Zukunftsvision

Keine Frage: Inhaltlich passt "Die Gabe" wunderbar zum Diskurs dieser Tage. Gern wird ja behauptet, eine von Frauen dominierte Welt wäre friedlicher. Das Buch bezweifelt das vehement. Überlegenheit ist das eine, Verantwortungsbewusstsein das andere. Und doch: In der Umsetzung schwächelt der Roman.

"Die Gabe" bleibt absurd, da helfen auch die vielen Pseudo-Belege wie eingebaute Berichte von Wissenschaftlern und historische Zeichnungen nicht. Die Zukunftsvision nimmt keine richtige Gestalt an. Man merkt dem Stoff das Ausgedachtsein durchweg an. Erzwungen und nicht allzu sinnlich. Schade. Das Gedankenspiel von Naomi Alderman ist als Diskussionsimpuls gut, literarisch ist das Buch jedoch kein großer Wurf.

Die Gabe

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Heyne
Bestellnummer:
978-3-453-31911-0
Preis:
16,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.02.2018 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Naomi-Alderman-Die-Gabe-,diegabe110.html

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