Monika Melchert: "Im Schutz von Adler und Schlange" © Quintus Verlag

Monika Melchert: "Im Schutz von Adler und Schlange"

Stand: 29.12.2020 10:18 Uhr

Im Jubiläumsjahr erschienen mehrere Bücher, neben einem Anna-Seghers-Handbuch beschäftigt sich Monika Melchert speziell mit der Exilzeit Anna Seghers' in Mexiko.

von Mattias Schümann

Elf Meter lang ist der Flur in Anna Seghers' ehemaliger Wohnung in Berlin-Adlershof. Die Wände dieses Flurs hängen voller Bilder. Sie erinnern an die Zeit des Exils in Mexiko: "Reproduktionen von Diego Riveiras Wandbildern, von seinen Fresken. Und dann hat sie natürlich Erinnerungsstücke mitgebracht, diese Keramiken, "das wirkliche Blau", solche Sachen sind in der Wohnung heute noch zu sehen", erzählt die Autorin.

Über Anna Seghers' Zeit in Mexiko

Monika Melchert, Literaturwissenschaftlerin, Lektorin und Buchautorin, kennt sich aus in der Wohnung von Anna Seghers. Seit den 1980er-Jahren ist die Wohnung ein Museum und Monika Melchert führte unzählige Besucherinnen und Besucher durch die Räume. Drei Bücher hat Monika Melchert bereits über Anna Seghers geschrieben, das jüngste, "Im Schutz von Adler und Schlange", beschäftigt sich mit der Zeit von 1941 bis 1947, als Anna Seghers alias Netty Radványi mit ihrem Mann Laszlo und den Kindern Ruth und Peter in Mexiko in gänzlich fremder Umgebung lebte.

Anna Seghers hat sich das Land über seine Menschen erschlossen. Sie schließt Freundschaften. Die Lebhaftigkeit und Unbeschwertheit der mexikanischen Frauen nimmt sie von Anfang an für sie ein. Eine der liebsten Freundinnen wird ihr Clara Porset, die aus Kuba stammend, mit dem bekannten Maler Xavier Guerreiro verheiratet ist.
Schnell entdecken sie eine besondere Zuneigung zueinander, die schöne Kubanerin und, nach einem Wort von Xavier Guerrero, die schöne Chinesin Anna. Leseprobe

Seghers erlebt in Mexiko Höhen und Tiefen

In Mexiko erlebt Anna Seghers eine beschwingte, eine sehr intensive Zeit, in der es der Autorin sehr gut, dann aber auch wieder extrem schlecht geht. Gerade Höhen und Tiefen machen für Monika Melchert den Reiz dieser Jahre aus. Sie sagt: "Das war die Zeit, in der Anna Seghers den größten schriftstellerischen Erfolg hatte und beinah gleichzeitig ihren tiefsten persönlichen Schmerz erlebt. Diesen fast tödlichen Unfall und dann die Nachricht von der Deportation ihrer Mutter in ein deutsches Konzentrationslager, das alles in kürzester Zeit musste sie verarbeiten. In dieser Zeit entstehen einige ihrer wichtigsten und schönsten Prosawerke."

Der 1942 in den USA erschienene Roman "Das siebte Kreuz" macht die Autorin berühmt und wohlhabend. Als sie aber an einem regnerischen Abend im Frühsommer 1943 von einem LKW angefahren wird und ins Koma fällt, verliert sie ihre Erinnerung und muss mühsam wieder lernen zu sprechen.

Die Kinder sind zutiefst betroffen, als sie ihre Mutter zum ersten Mal im Krankenhaus besuchen dürfen. Man hat ihr das lange Haar abgeschnitten, um die Kopfverletzungen untersuchen und behandeln zu können. Der Sohn erinnert sich noch später daran, wie die Mutter sich unter Schmerzen stöhnt und sich hin und her wälzt. Doch das Wunder geschieht, Anna Seghers findet ihr Bewusstsein wieder, beginnt zu sprechen, murmelt zunächst nur einige Worte vor sich hin, darunter ist ihr Mädchenname Netty. Leseprobe

Bei einem Unfall wird die Schriftstellerin schwer verletzt

Das Kind Netty tritt in dem Text auf, den Anna Seghers während ihrer Genesung schreibt: "Der Ausflug der toten Mädchen". Ungewöhnlich autobiografisch, ungewöhnlich in der Form. Die Erzählerin ist in Mexiko unterwegs, tritt durch einen Torbogen und befindet sich plötzlich - in Deutschland.

"Das könnte man sich als einen surrealistischen Film vorstellen, und das ist natürlich ein ästhetischer Reflex auf diese total andere Wirklichkeit, in der sie lebt. Und dass dann der Unfall noch dazu kommt, dieses Gefühl, fast tot gewesen zu sein und auch die Erinnerungen verloren zu haben, das verstärkt das noch", erklärt die Autorin.

In diesem Text kehrt sie zurück ins Rheinland, nach Mainz, wo sie 1900 als Netty Reiling, als Kind jüdischer Eltern zur Welt kam. Dort sollte nun auch der 120. Geburtstag der Autorin gefeiert werden. Die Landeszentrale für politische Bildung widmete ihr eine Broschüre, das Staatstheater Mainz wollte Seghers' Roman "Transit" auf die Bühne bringen, die Premiere musste verschoben werden. Zu den Feierlichkeiten gehörte auch eine Lesung mit Monika Melchert. Die fand als Online-Veranstaltung in der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz in Berlin statt.

Rückkehr in Seghers' Geburtsort Mainz

Anna Seghers' Heimatregion tat sich lange schwer mit der Autorin, zu dominant war ihr politisches Wirken als Dichterin in der DDR gewesen. Monika Melchert rückt die Schriftstellerin in den Vordergrund, Intrigen und Machtkämpfe in Mexiko kommen bei ihr nur am Rande vor.

Melchert sagt: "Anna Seghers, das ist meine These, die ich auch immer vertreten würde, Anna Seghers ist keine politische Funktionärin. Sie hat sich weder so verstanden, noch hat sie eine Funktionärsrolle eingenommen. Sondern sie versteht sich in erster Linie als Schriftstellerin und sagt auch immer: 'Meine Kraft, die ich jetzt noch habe, die brauche ich zum Schreiben.' Und deshalb zieht sie sich sehr weit zurück.

Monika Melchert beschreibt Anna Seghers als integre, starke Frau, die hart arbeitet, oben auf dem Dach ihres Hauses in Mexiko-Stadt. Anna Seghers schreibt viel in Mexiko, aber kaum über die fremde Umgebung. Erst als sie 1947 zurückkehrt nach Deutschland, erscheinen Mexiko und die Karibik in ihren Texten, da werden die Erinnerungen immer farbiger, sinnlicher, sehnsüchtiger. Etwas fehle ihr im geteilten Berlin, schreibt sie einmal in einem Brief: der mexikanische Sektor.

Im Schutz von Adler und Schlange

von Monika Melchert
Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Quintus
Bestellnummer:
978-3-947215-84-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 30.12.2020 | 12:40 Uhr

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