Mithu Sanyal: "Identitti" © Hanser

Mithu Sanyals schräger Roman: "Identitti"

Stand: 26.02.2021 14:07 Uhr

Der Auslöser, dieses Buch zu schreiben, war die Debatte um Rachel Dolezal, jene amerikanische Professorin, die sich als Schwarze ausgab und 2015 von den Medien als "Weiße" geoutet wurde.

von Katja Weise

Die damals auch in Deutschland geführte Debatte habe sie als sehr unbefriedigend empfunden, sagt Mithu Sanyal: "Ich hatte das Gefühl, alle wichtigen Dinge sind gar nicht gefragt und ausgehandelt worden. Ich wollte unbedingt etwas dazu schreiben, etwas Literarisches, und hatte dann das Gefühl, prima, das ist so schön weit weg von mir, das ist nicht so nah an mir und meiner Biografie. Jetzt lese ich den Roman und denke mir: Ja, keine der Figuren "ist" ich, aber es ist natürlich ganz viel ganz nah reingeflossen."

Es geht um die Frage der Zugehörigkeit

Denn Nivedita, aus deren Perspektive Mithu Sanyal den Roman erzählt, ist zwar noch Studentin und rund 20 Jahre jünger als die Autorin, hat aber wie diese einen indischen Vater und eine polnische Mutter, zählt also zu den BiPoC, wie es im Roman stets politisch korrekt heißt, den Black Indigenous Person of Colour.

Doch was bedeutet das für die im Ruhrgebiet aufgewachsene Nivedita? Sie fühlt keine Zugehörigkeit. Wird sie gefragt, woher sie kommt, meint sie in wirklich jeder Situation, ihre Wurzeln erklären zu müssen, selbst wenn die Aussage: "aus der Küche" gereicht hätte.

Ihr Problem war, dass sie das Gefühl hatte, Identitäten seien etwas für andere Leute. Und sie hätte kein Anrecht darauf, weil sie zwischen alle Kategorien und durch alle Ritzen fiel. Sogar die meisten Theorien zu Rassismus bezogen sich nicht auf Menschen wie sie, sondern auf - eindeutigere Menschen. Leseprobe

Eine neue Professorin sorgt für Wirbel

Dann tritt Saraswati in ihr Leben, Professorin für Intercultural Studies/Postkoloniale Theorie an der Universität Düsseldorf und - Inderin. Sie wirft alle weißen Studentinnen und Studenten aus ihrem Kurs und postuliert: Wir können nur wertschätzend mit anderen Menschen of Colour umgehen, wenn wir lernen, uns selbst wertzuschätzen. Nicht nur für Nivedita ergibt alles auf einmal Sinn. Doch was für ein Schock, als schließlich herauskommt, dass Saraswati eigentlich weiß ist und Sarah Vera Thielmann heißt!  

"In einer Gesellschaft, in der es Rassismus gibt, hat sie die Abkürzung gewählt und gesagt: Ich gebe mein Weiß-Sein ab. Wenn sie das öffentlich gemacht hätte, wäre das eine andere Sache gewesen, dann hätte das zu einer Auseinandersetzung geführt, aber sie hat es eben nicht öffentlich gemacht, sondern ist als PoC aufgetreten", erklärt Sanyal.

Heftige Anfeindungen in den sozialen Medien

Die Uni wird Saraswati am Ende kündigen, in den sozialen Medien erhebt sich ein gewaltiger Shitstorm:

Fatma Aydemir@fatma­_morgana das mit PoC ist eine Selbstbezeichnung, das war eigtl anders gemeint #SarasWhitey// Dackelchen@FrolleinVerpissDich #Saraswatishame Das ist nicht Rassismus, das ist einfach nur widerlich Leseprobe

Viele der Menschen, die hier bloggen, kennt man: Fatma Aydemir, Meredith Haaf, Patrick Bahners, Ijoma Mangold. Mithu Sanyal hat sie um fiktive Tweets für ihren Roman gebeten, ihr sei es auch um Vielstimmigkeit gegangen.

"Ich hab dann Leute gefragt, wie würdet ihr denn reagieren, wenn ihr von so einem Fall hören würdet und dann hatte ich so ein paar Tweets geschenkt bekommen, also gespendet bekommen und dachte mir: Die sind ja absolut irre, weil jeder dieser Tweets auch stilistisch anders war, als ich sie geschrieben hätte und auch inhaltlich, dass sie immer noch alle einen leicht anderen Blickwinkel darauf hatten.

Ein witziges Buch zu einem brisanten Thema

Auch Nivedita hat übrigens einen Blog als "Identitti". Der gleichnamige Roman schüttelt das Lesepublikum heftig durch. Mitleidlos und humorvoll schickt Mithu Sanyal ihre Figuren vor allem in rhetorische, teils auch handgreifliche Gefechte; mittendrin die indische Göttin Kali, als eine Art Dea ex machina, die sich keiner Autorität beugt und ziemlich genau das Gegenteil dessen verkörpert, was Nivedita lange meint, sein zu sollen: ein braves, nickendes indisches Mädchen.

"Identitti" ist schräg, witzig, herausfordernd. Ein kluger, schillernder Beitrag zu einer ebenso nötigen wie wichtigen Debatte über Identität und Rassismus, die oftmals verbissen, hier hingegen auf erfrischende Weise und ohne Scheuklappen geführt wird.

Identitti

von Mithu Sanyal
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
ISBN 978-3-446-26921-7
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 01.03.2021 | 12:40 Uhr

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