Stand: 09.04.2019 09:54 Uhr

Im Krieg vergewaltigt: Wie sich Traumata vererben

Wir Kinder der Gewalt
von Miriam Gebhardt
Vorgestellt von Katja Lüber

Die jüngere deutsche Vergangenheit ist ihr Thema: Die Historikerin Miriam Gebhardt hat Bücher veröffentlicht über die "Weiße Rose", die Geschichte der Erziehung und die Frauenbewegung. Mit dem Bestseller "Als die Soldaten kamen" rührte sie 2015 an ein Tabu. Sie schrieb über die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkrieges - nicht nur durch sowjetische, sondern auch durch alliierte Soldaten. Oft leiden die Opfer ein Leben lang darunter.

"Besatzungskinder" leiden unter dem Gefühl, unerwünscht zu sein

Jetzt legt sie nach: In ihrem neuen Buch "Wir Kinder der Gewalt" beschäftigt sie sich mit den sogenannten Besatzungskindern: denjenigen, die bei einer Vergewaltigung gezeugt wurden und mit ihren traumatisierten Müttern leben mussten. Auch noch nach über 70 Jahren quält sie die Frage, wer ihre Väter sind. Bis heute leiden sie unter dem Gefühl, unerwünscht gewesen zu sein.

Buchcover: Wir Kinder der Gewalt von Miriam Gebhardt. © DVA

Die Kinder von vergewaltigten Frauen

Kulturjournal -

Ende des Zweiten Weltkriegs haben Tausende Soldaten Frauen vergewaltigt. Wie sich die Traumata der Mütter auf ihre Kinder noch heute auswirken, beschreibt Miriam Gebhardt in "Wir Kinder der Gewalt".

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"Alle meine Interviewpartner haben während meines Interviews geweint", sagt Miriam Gebhardt. "Sie sind immer noch sehr traurig, vor allem über dieses fehlende warme Verhältnis zur Mutter. Das ist etwas, was offenbar sehr schwierig zu reparieren ist im Leben. Alle haben mir erzählt, dass sie Schwierigkeiten in Beziehungen, Sexualität, auch zum Kapitel Gewalt haben in ihrem Leben. Alle haben mehr oder weniger intensiv psychotherapeutische Hilfe gesucht, immer wieder im Leben."

Viele waren stigmatisiert, wurden von der Familie oder der Dorfgemeinschaft abgelehnt. Besonders schwer hatten es dunkelhäutige Kinder, die alltäglich mit dem Rassismus der Nachkriegsgesellschaft konfrontiert waren.

Traumata der Mütter wirken nach

Die Historikerin geht von knapp 900.000 Vergewaltigungsopfern aus. Die Zahl lässt sich nur hochrechnen. Eine Statistik gibt es nicht. Kritiker haben ihr deshalb "Fehlspekulation" vorgeworfen. Miriam Gebhardt aber bleibt dabei und schätzt, dass Zigtausende Kinder betroffen sind. Belastet sind sie nicht nur durch ihre eigenen Erfahrungen. Auch die Traumata ihrer Mütter wirken nach. Die Wissenschaft spricht von transgenerationaler Weitergabe. "Es gibt ja neue Forschungen, die bis in die feinstoffliche Ebene gehen und die sagen, so etwas kann sich am Cortisol-Spiegel oder an den Genen ablesen lassen, dass sich Traumata über Generationen hinweg vererben."

Folgen sind bis heute zu spüren

Das ist auch der Grund dafür, dass die Folgen bis in unsere Gegenwart zu spüren sind. Miriam Gebhardt geht sogar so weit, Ängste vor fremdländisch aussehenden Männern damit in Verbindung zu bringen: "Selbst Ereignisse wie die Silvesternacht in Köln, als viele Frauen von Migranten sexuell angegangen worden sind, die vielleicht auch wieder eine historische Erinnerung getriggert hat. Dass wieder eine sexuelle Bedrohungslage entsteht in dem Moment, wo fremde Männer im Land sind. Und das ist vielleicht auch ein Grund, warum in diesem Moment nach dieser Silvesternacht die Stimmung in Beziehung auf Migration in Deutschland so gekippt ist."

Eine steile These. Fest steht: Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist auch 74 Jahre nach Kriegsende noch lange nicht auserzählt.

Wir Kinder der Gewalt

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
DVA, April 2019
Bestellnummer:
978-3-421-04731-1
Preis:
24 Euro €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 08.04.2019 | 22:45 Uhr

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