Stand: 06.10.2019 12:40 Uhr

Überbordender Roman von Mircea Cartarescu

Solenoid
von Mircea Cartarescu, aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Vorgestellt von Cornelia Zetzsche
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Mircea Cartarescu wird von manchen rumänischer Proust oder auch James Joyce aus Bukarest genannt.

Mircea Cartarescu, 1956 in Bukarest geboren, ist der derzeit bekannteste, vielfach gefeierte und mit europäischen Preisen überhäufte rumänische Schriftsteller. Jetzt ist ein neues 900-Seiten-Werk mit dem geheimnisvollen Titel "Solenoid" in deutscher Übersetzung erschienen.

Ich dachte an Träume, an Besucher, an diesen ganzen Wahnsinn, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Vorerst muss ich zurückkehren zur Schule, in der ich, sieh an, schon seit mehr als drei Jahren arbeite. "Ich werde nicht mein ganzes Leben Lehrer sein", sagte ich mir … Aber sieh, es ist kein Wunder geschehen, und alles deutet darauf hin, dass es genauso weitergeht. Leseprobe

Ein Leben als Außenseiter

Ein namenloser Ich-Erzähler schreibt im Schatten seines Autors und buchstabiert sein Leben: Als kränkelndes Arbeiterkind, in Kliniken malträtiert und geängstigt; als junger Dichter verlacht für sein erstes Gedicht; als Lehrer gestrandet in der Allgemeinschule Nr. 86, in der armseligen Peripherie von Bukarest.

Als Außenseiter lebt er allein, heimgesucht von Albträumen in einem seltsamen schiffsartigen Haus, imaginiert Milliarden möglicher Ichs; liest und schreibt sich mit seinem Tagebuch aus dem "bedrückenden Gefängnis" des Alltags in eine irreale Realität.

Ich las viel Dichtung, die ich auch lauthals auf der Straße rezitierte, so dass die Leute mitfühlend den Kopf umwandten. Leseprobe

Der Autor ist fasziniert von Worten

Ein manischer Schreiber, ein obsessiver Leser von klein auf - wie sein Autor Mircea Cartarescu: "Ich hatte keine Intellektuellen in meiner Familie, ich bin der erste. Meine Eltern waren Arbeiter, meine Großeltern Bauern, es geschah einfach. Ich hatte keine Bücher zu Hause, ich baute mir mein eigenes Bücherregal, meine erste Bibliothek. Es war einfach in mir. Wörter faszinierten mich schon in frühester Kindheit."

"Ich lebe zwischen zwei Glasplatten", klagt der junge Lehrer, ein einsamer Zwilling, mit 24 Jahren 48 Kilo leicht. Er irrt durch die grünen Flure der schmuddeligen Schule in der Diktatur Ceausescus, durchs grün-olive Licht der alten Fabrik, den schwarzgrünen Schlamm des trostlosen Viertels, das medizinhistorische Museum, durch die Hyperarchitektur seiner Organe, die Katakomben des Geistes und gespenstischen Träume.

Er porträtiert unvergessliche Figuren wie den Zwillingsbruder, der früh starb; Schulkinder wie Sklaven, das Panoptikum der Kollegen, den Werklehrer und Zigeuner, so heißt es, der sich mit der Zange seinen Goldzahn ausreißt, um den vermeintlich gestohlenen Goldring zu ersetzen. Der Erzähler beobachtet das Ballett seiner Hände, er halluziniert und levitiert und schwebt über dem Bett, dank eines Solenoiden, einer Magnetspule mit magischer Wirkung im Haus.

Die Handlung spielt in Bukarest

Der Schauplatz Bukarest ist das strahlende Zentrum, die elende Existenz am Rande, das Panoramafenster seiner Jugend aus früheren Romanen.

Eher noch war ganz Bukarest die traurigste Stadt auf dem Erdenrund, schon von allem Anfang an als Ruine geplant gewesen, als saturnisches Zeugnis einer Zeit, die ihre eigenen Kinder zerfleischt. Leseprobe

"Ich empfinde für Bukarest, meine Stadt, eine vielschichtige Hassliebe. Ich habe sie sogar immer als eine Art Alter Ego empfunden, ein Ort, der meinem Geist, meinem Gehirn gleicht, aber zugleich wehre ich mich gegen die dunklen Seiten der Stadt. Es ist eine paradoxe Stadt, einzigartig in der Welt mit ihrer fantastischen Mischung aus Orient und westlichen Teilen, aus Alt und Neu, Katakomben und Glas-Stahl-Bauten", erzählt der Autor.

Erlösung gibt es nicht, das Leben ist ein "anhaltender Schrei aus Höllenschlünden". Immerhin wird das einsame Haus am Ende mit Frau und Kind zum Heim.

Ein Roman wie ein Gedicht

Mircea Cartarescu wurde nicht grundlos als rumänischer Proust, als James Joyce aus Bukarest gefeiert. "Solenoid" ist überbordend mit seinem Farbrausch der Grün- und Opaktöne, der Fülle schillernder Orte, Figuren, Episoden und Fantasmagorien; ein Roman wie in Trance, autobiografisch grundiert, zwischen Gewalt und Traum, Ekel und Poesie, Wahrnehmung und Illusion.

"Bis heute habe ich nicht das Gefühl, Romane oder Geschichten zu schreiben", erklärt Cartarescu. "Ich habe mein Schreiben immer als poetisches Schreiben gesehen. Ich bin Dichter - in allem, was ich schreibe, in allem wie ich lebe. Ich sehe die Dinge als Poet. Auch die Romane sind lange Gedichte, und ich schreibe sie, wie man Gedichte schreibt, es ist eine Frage andauernder Inspiration. Ich schreibe nur, wenn ich das Gefühl habe, mit meinem Schreiben kann etwas Wichtiges gesagt werden."

Solenoid

von
Seitenzahl:
912 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Paul Zsolnay Verlag bei Hanser Literaturverlage
Bestellnummer:
978-3-552-05948-1
Preis:
36,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.10.2019 | 12:40 Uhr

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