Stand: 12.02.2020 11:17 Uhr  - NDR Kultur

Roman über die letzten Tage von Virginia Woolf

Ach, Virginia
von Michael Kumpfmüller
Vorgestellt von Lisa Kreißler

Das Lebensende von literarischen Genies scheint den Schriftsteller Michael Kumpfmüller anzuziehen. In seinem 2011 erschienenen Roman "Die Herrlichkeit des Lebens" erkundete er das letzte Lebensjahr von Franz Kafka. Der Roman wurde in 23 Sprachen übersetzt. Nun knüpft Michael Kumpfmüller an sein ganz persönliches Genre des Endzeit-Biopics an.

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Kumpfmüllers Buch über Virginia Woolf ist eine Mischung aus Roman und Biografie.

Sein gerade erschienener Roman "Ach, Virginia" erzählt die letzten Tage vor dem Selbstmord der legendären englischen Schriftstellerin Virginia Woolf. März 1941. Während die Deutschen Bomben über London abwerfen, wähnt sich Virginia Woolf am Ende eines ganz anderen Krieges. Der Abschiedsbrief an ihren Mann Leonard ist geschrieben und das Wasser im Fluss ist kalt.

Die Strömung reißt sie sofort weg nach rechts, aber sie geht nicht richtig unter; kurz geht sie unter, bevor sie neuerlich oben ist. Von Ertrinken keine Spur. Sie treibt da nur wie blöde auf dem gurgelnden, zischenden Wasser, mal mehr am einen, mal mehr am anderen Ufer, und irgendwann kriegt sie Boden unter den Füßen und gesteht sich ein, dass es so nicht geht. Sie rappelt sich hoch und ist am Leben. Leseprobe

Ein misslungener Freitod

Schon wird der titelgebende Seufzer laut: "Ach, Virgina!" Denn als sie durchnässt und gescheitert nach Hause zurückkehrt, ist er sofort zur Stelle, der gute Leonard. Weil es regnet, ahnt er nicht, wo seine Frau herkommt - oder er will es nicht wissen. Die dankenden Worte, die Virginia in ihrem Abschiedsbrief an ihn gerichtet hat, decken sich in keinster Weise mit dem Blick, den sie jetzt auf ihn hat. Wütend ist sie, auf seine ekelhafte Hoffnung, seine Mittelmäßigkeit, und überhaupt: dass er sie geheiratet hat.

Michael Kumpfmüllers fiktionale Virginia strotzt in ihren letzten Tagen zunächst vor Hochmut und Gehässigkeit. Äußerlich ist sie eine unmündige Kranke, die kaum aus dem Bett kommt. In ihr werden aber nicht nur die Dämonen lauter, sondern auch alles, was an ihr lebendig ist. Ihre Sinne sind scharf. Jeder Windhauch blättert einen anderen Teil von ihr auf, und da ihr neben Leonard nur das Hausmädchen begegnet, ist er die Leinwand, auf der ihr Abschied von der Welt austragen wird.

Sie findet, es hat etwas Heroisches, wie er Jahr für Jahr pflanzt und stutzt und sprüht und in die Bäume steigt, den Rasen mäht und die Wespen fängt, sie bewundert ihn fast dafür, seine Erfüllung, die er in der Beschäftigung mit den kleinen Dingen des Alltags hat, während sie zwar darüber schreibt, aber sich nur selten darüber freut. Leseprobe

Woolfs Romane und die Geschichte ihres Lebens in einer Erzählung

Ohne Anstrengung gelingt es Michael Kumpfmüller, Virginia Woolfs Romane und die Geschichte ihres von Unterdrückung und Befreiung durchzuckten Lebens in seine Erzählung miteinzubinden: "Mrs. Dalloway", "Orlando", die Liebesgeschichte mit Vita Sackville-West, ihr explosiver Ruhm, ihre Eitelkeit, all das schmilzt unter Kumpfmüllers Feder zusammen.

Immer wieder erinnert er den Leser an das Spekulative seines Projekts. Denn natürlich kann er nicht wissen, was Virginia Woolf wirklich empfand, wenn sie Stimmen hörte oder kurz vor dem Tod ihren Mann ansah. Trotzdem gewinnt seine Virginia eine eigene fiktionale Autorität. In einer Zeit, in der Sachbücher der Belletristik den Rang ablaufen, stellt eine Synthese aus Roman und Biografie sicherlich für nicht wenige Leser die ideale Form dar.

Die Schriftstellerin hat eine neue Landschaft aus Prosa erschaffen

Aber wird der Roman der Größe des Werks, in dessen Fahrwasser er sich begibt, auch gerecht? "I'm writing to a rhythm and not to a plot"/Ich schreibe nach einem Rhythmus und nicht nach einer Handlung - das war einer der wichtigsten Grundsätze in Virginia Woolfs Poetologie. Ihre Texte sollten sich aus einem Rhythmus heraus entwickeln, aus den zugeschütteten Stimmen der Figuren und nicht einfach der Handlung gehorchen. Mit ihrem Mut zur Anarchie hat sie eine ganz neue Landschaft aus Prosa erschaffen.

Sie möchte ungern selbst in diesen Feuern sein, aber den Tabula-rasa-Zustand findet sie interessant; absolut entsetzlich, aber interessant. Denn irgendwelche Menschen werden alles neu aufbauen, und was ist das für ein Versprechen, dass man alles neu aufbauen kann, neu denken, neu entwerfen, nicht nur die Häuser, Straßen, Städte, auch den Menschen selbst, Leseprobe

Michael Kumpfmüllers Hingabe an das Woolfsche Erzählwerk ist seinen leichtfüßigen Sätzen, die sich in Wellen auf einen zweiten Gang zum Fluss zubewegen, sehr deutlich eingeschrieben. Seine Sprache schmiegt sich an, an den pochenden Duktus des Genies. Doch fehlen am Ende die formalen Widersprüchlichkeiten und Brüche. Der Rhythmus ist da. Der Plot leider auch.

Ach, Virginia

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-04921-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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