Stand: 28.02.2018 10:00 Uhr

Massaker an koptischen Christen

Die 21
von Martin Mosebach
Vorgestellt von Bianca Schwarz
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Der katholische Autor beschreibt aus theologischer Sicht die Religionsgemeinschaft der Kopten.

2015 ging diese Meldung durch die Nachrichten: Der sogenannte IS hatte an einem Strand in Libyen 21 ägyptische Wanderarbeiter hingerichtet. Geköpft vor atemberaubend schöner Kulisse, ausgewählt, weil sie koptische Christen waren und ihr Tod ein Zeichen sein sollte an die "Welt des Kreuzes". Drei Jahre später veröffentlicht der Frankfurter Romancier Martin Mosebach sein Buch "Die 21", das von seinem Besuch bei den Familien der 21 ermordeten Kopten erzählt.

Grausame Hinrichtung durch den IS

Knapp 2.000 Kilometer liegen zwischen Samalout in Ägypten und Sirte in Libyen. Knapp 2.000 Kilometer, die ägyptische Wanderarbeiter gegangen sind, um ihre Familien finanziell zu unterstützen - und die sie am Ende in den Tod und die Heiligkeit führten. Alle 21 kamen aus dem gleichen Dörfchen in Ägypten, einer der Männer stammte ursprünglich aus Ghana.

In Libyen waren sie des Nachts von der Baustelle entführt worden, herausgelockt aus der sicheren Schlafstätte, weil in der Dunkelheit ihre Namen gerufen wurden. Sie folgten. Das Außergewöhnliche an ihrem Tod war die Art und Weise, wie der IS die Hinrichtung für seine Zwecke nutzte. Er veröffentlichte ein - das muss man so sagen - qualitativ sehr hochwertiges Video im Internet, es folgte einer durchdachten Choreographie und Inszenierung, zeichnete sich aus durch eine deutliche Bildsprache und transportierte eine klare Nachricht an die christliche Welt.

Standhaft im Glauben

21 schwarz vermummte IS-Kämpfer köpften 21 koptische Christen in der orangefarbenen Kleidung der Guantanamo-Häftlinge. Vor jeder einzelnen Hinrichtung wurden die 21 aufgefordert, ihrem Glauben abzuschwören - jeder einzelne lehnte das ab und wählte den Tod.

"Während die Vorbereitungen liefen für die Hinrichtung, für das Köpfen, das Kopf abschneiden, sah man sie in diesem Video im Gebet oder in vollkommener Ruhe. Und dann, als die Messer angesetzt wurden an die Hälse, da hörte man aus vielen Stimmen den leisen Ruf "Herr Jesus" auf koptisch. Das eben in Zusammenhang mit dieser unheimlichen und abstoßenden Perfektion des kleinen Videos führte mich dazu, mehr wissen zu wollen", berichtet der Autor.

Standhaft sein im Angesicht des Todes. Den bekennenden Katholiken Martin Mosebach beeindruckte diese Haltung so sehr, dass er nach Ägypten aufbrach: "Es ging mir um diese Familien, es ging mir um das Milieu, aus dem die Ermordeten kamen. Man beschäftigt sich viel mit den Mördern, aber ich wollte auch mehr über die wissen, die angesichts des Todes so gelassen ihren christlichen Glauben handhaben."

Reise zum Heimatort der Opfer

Im Buch beschreibt er, wie er das Dörfchen El-Or ausfindig macht, das auf den meisten Landkarten gar nicht eingezeichnet ist, wie - im Land angekommen - kaum jemand seine Mission versteht, wie er bei den Familien empfangen wird. Der Patriarch von Alexandrien hat alle 21 Männer heiliggesprochen, was bedeutet, dass man sie mit Heiligenschein darstellen und Kirchen nach ihnen benennen darf. In ihrem Heimatdorf El-Or wurde tatsächlich auf Staatskosten eine neue Kirche gebaut, als Wallfahrtsort gedacht.

Die Familien der 21 hätten Mosebach nicht mehr überraschen können, erzählt er: "Ich kam nicht in Trauerhäuser, ich kam nicht in die Häuser von verzweifelten Menschen. Ich kam zu Menschen, die unglaublich stolz waren auf ihre Brüder. Väter, Kinder, Söhne, die ihre nächsten Verwandten, die da geschlachtet worden waren, als Heilige verehrten. Die die Toten darstellten auf Fotokollagen mit Kronen auf dem Kopf als Könige im Himmel. Es wurde dieser Tod ganz in seiner religiösen Dimension gesehen und in nichts anderem. Das fand ich doch eine seelische Leistung, die mich außerordentlich überrascht hat. Den nächsten Verwandten der Getöteten hätte man zugestanden, wenn sie in ihrer Verletztheit Strafe und Rache gefordert hätten, und das gab es überhaupt nicht. Das war ein erstaunliches Erlebnis."

Mosebach folgt seinem inneren Bildungsauftrag

Aber Martin Mosebach folgt mit diesem Buch auch einem inneren Bildungsauftrag. Zu klar war ihm geworden, dass wir im Westen zu wenig wissen über die koptischen Christen. Er schildert zu Beginn, wie er kurz nach der Hinrichtung einem deutschen Kardinal begegnete.

Ich fragte ihn, warum die katholische Kirche das Glaubenszeugnis dieser Männer nicht feierlich herausstelle, wie es die alte Kirche immer mit den Märtyrern gehalten habe. "Aber es sind doch Kopten!" antwortete er. Ich nenne den Namen dieses Kirchenfürsten nicht, weil ich seine hilflosen Worte kaum als eine persönliche Äußerung verstehe. Leseprobe

Martin Mosebach ist ein intelligenter Beobachter. Er hat aufwendig recherchiert, schreibt eindringlich, betrachtet die Landschaft genau. Als katholischer Intellektueller beschreibt er auch aus theologischer Sicht diese Religionsgemeinschaft mit ältesten Wurzeln des Christentums. Seine Schilderungen und Erläuterungen dieser an sich fremden Kultur werden im Laufe der Lektüre zu einem Spiegel unserer eigenen Gesellschaft. Mit ungemeiner Sprachmacht setzt Martin Mosebach diesen 21 Männern ein Denkmal, das sie zu mehr macht als Opfer des IS.

Die 21

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04540-1
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 01.03.2018 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Martin-Mosebach-Die-21-,dieeinundzwanzig102.html

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