Stand: 20.02.2019 18:00 Uhr

Reise ohne Ankunft

Die guten Tage
von Marko Dinić
Vorgestellt von Christiane Irrgang

Marko Dinić hat am 24. März 2009 mit dem Schreiben angefangen. Das ist keine überflüssige Information, denn es handelt sich dabei um den zehnten Jahrestag des (Beginns des) NATO-Bombardements auf Serbien 1999.

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Bereits 2016 las Dinić in Klagenfurt beim Bachmannpreis Auszüge aus einem Roman-Entwurf. Dieses Debüt liegt nun als fertiges Buch vor.

Seit dem Zusammenbruch der jugoslawischen Föderation und dem Kosovokonflikt sind viele hunderttausend Serben ins Exil gegangen. Der 31-jährige Marko Dinić ist einer von ihnen. Er wurde zwar in Wien geboren, wuchs aber in Belgrad auf und zog dann 2008 nach Österreich zurück. In Salzburg studierte er Germanistik und Jüdische Kulturgeschichte, gründete zusammen mit anderen jungen Literaten ein Kunstkollektiv und organisierte Performances. Erste literarische Arbeiten erschienen in Zeitschriften und Anthologien. In verschiedenen österreichischen und deutschen Orten war Marko Dinić Stadtschreiber, zuletzt im vergangenen Jahr in Halle. Sein Buch "Die guten Tage" enthält durchaus autobiografische Bezüge, ist aber doch alles andere als eine Autobiografie.

Ein Buch aus Hass, Wut und Sehnsucht

Dieses Buch ist eine Zumutung. Man liest kaum eine Seite ohne zusammenzuzucken: unter der Wucht von Hass, Wut und Sehnsucht. Ein Buch über das Fremdsein, auch im eigenen Leben, geschrieben mit unglaublicher Virtuosität und sprachlicher Brillanz.

Der Erzähler, ein junger Mann in den Zwanzigern, macht sich auf aus Wien in seine Heimatstadt Belgrad, die er zehn Jahre lang nicht mehr betreten hat. Erst der Tod seiner geliebten Großmutter zwingt ihn zur Auseinandersetzung: mit seiner Familie und seiner Vergangenheit, vor allem aber mit dem "eingekochten Angst-Ratlosigkeit-Sud", in dem die Menschen in Serbien nach dem Krieg dahin dümpeln. Im sogenannten "Gastarbeiter-Express" reist er nach Osten.

"Unter Mittfünfzigern, denen die Diaspora anzusehen war, die körperliche Arbeit und der Alkoholismus, eine Mischung, die nur im Ausland so hatte entstehen können. Der beißende Geruch von starkem Alkohol vermischte sich mit den Ausdünstungen ganzer Familienbanden, deren Kinder sich unter den ohrfeigenverbreitenden Händen der Väter die Hosen vollschissen. Ein Bus in der Einöde als Abziehbild des ehemaligen Jugoslawien." Leseprobe

So ist mit nur wenigen Strichen ein Szenario aus Gewalt, Angst und Hoffnungslosigkeit skizziert, das den gesamten Roman prägt.

Belgrad-Reise voller Geschichten

Eigentlich dauert die Fahrt bis Belgrad rund zehn Stunden, aber in diesem Roman scheint sie so endlos wie die ungarische Tiefebene. Tatsächlich spielt die Handlung nur an drei Tagen und wirklich viel passiert in dieser Zeit nicht. Trotzdem steckt das Buch voll von Geschichten und Rückblenden: auf eine triste Großstadtjugend zwischen desorientierten Eltern und sadistischen Lehrern, mit Alkohol, Tabak, Drogen und Kleinkriminalität als einzigen Auswegen aus der täglichen Langeweile.

Der Sitznachbar des Erzählers im Reisebus ist ein selbsternannter Chronist, eine Mischung aus Stammtischprediger, Prophet und Provokateur. Wie der Erzähler selbst gehört er zu einer traumatisierten Generation von heimatlosen Zynikern, die noch immer auf der Flucht sind und voller Sehnsucht nach den guten Tagen - aber welchen?

"Bis heute spüre ich, dass etwas in mir sich nicht lossagen konnte von diesem erbärmlichen Flecken Erde, Serbien, das so viele Idioten aus meiner neuen Umgebung als Land der unverbesserlichen Massenmörder und Muslimhasser abgespeichert hatten." Leseperobe

Der Erzähler ist mal Analytiker, mal trotziges Kind

Insider werden in diesem Roman viele Anspielungen und Bezüge zu Filmen und Musik erkennen. Den Song "Balkan, mein Balkan" von Johnny Štulić stimmt Marko Dinić bei Lesungen auch gern persönlich an.

"Die guten Tage" ist ein Buch voller Ambivalenz. Der Erzähler selbst tritt mal als reflektierter Analytiker und mal als trotziges Kind auf. Mit bemerkenswerter Kreativität, wenn es um die Beschreibung seines ganz persönlichen Monsters geht:

Mein Vater, der Trottel, der elende Kommunistensohn, dieser dumme Mensch, Drecksack, devote Hund, kadavergehorsame Wurm, Mistsau, falsche Kröte, das beamtische Stachelschweingesicht... Leseprobe

Auch dem Rest seiner "heuchlerischen Familiensippe" bringt er kaum mehr als Verachtung entgegen. Mit der Mutter telefoniert er regelmäßig, aber nur...

...um mich in meiner eigenen Geschichte zu suhlen, meinen Erinnerungen, von denen ich immer gedacht hatte, sie in den vier Wänden meines alten Lebens gelassen zu haben. Leseprobe

Ein ernüchternder Familienbesuch

Die Reise zur Beerdigung der Großmutter ist also mit Befürchtungen und Hoffnungen aufgeladen, doch die Konfrontation fällt ernüchternd aus:

"Der Parasit, der ich insgeheim sein wollte, war endgültig hinter dem Schleier verschwunden, den meine Verwandten über mich gelegt hatten. Ich hatte viel mehr Widerwillen erwartet, ein Teil von mir wollte die Eskalation, sie aber ignorierten mich so offensichtlich, dass es mich schmerzte." Leseprobe

Hoffnung gibt es nicht, bis zum letzten Satz. Noch eine Zumutung. Aber das einzig denkbare Ende. "Ich öffnete die Augen. War nirgends angekommen."

Die guten Tage

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Zsolnay
Bestellnummer:
978-3-552-05911-5
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.02.2019 | 12:40 Uhr

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