Stand: 25.02.2020 13:03 Uhr  - NDR Kultur

"Fehlstart": Roman über junge Leute ohne Chancen

Fehlstart
von Marion Messina, aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Vorgestellt von Katja Weise

Es war ein furioser Auftakt: In Frankreich ist Marion Messina nach Erscheinen ihres Debütromans schon mit Michel Houellebecq verglichen worden. Jetzt ist das Buch der 1990 in Grenoble geborenen Autorin auch auf Deutsch erschienen: "Fehlstart".

Sie sind jung, sie haben das Leben noch vor sich - doch scheint das nicht viel für sie bereit zu halten. Alejandro ist 24 und aus Kolumbien zum Studium nach Grenoble gekommen, Aurélie stammt von dort.

Sie war eine saubere, gut erzogene junge Frau, die in einer Sozialwohnung in der Vorstadt Fontaine aufgewachsen war und das Viertel nie verlassen hatte. Sie besuchte ihn schon seit einigen Wochen, ausschließlich um mit ihm zu schlafen. Sie sprachen nur wenig und beide waren froh, nicht so tun zu müssen, als würden sie Konversation machen. Leseprobe

Schon auf den ersten Seiten fasziniert der nur vordergründig sachliche, pointierte Ton von Marion Messina. Es ist erschütternd, wie sie das trostlose Leben ihrer Protagonisten als ein durch die Gesellschaft determiniertes schildert.

Gesellschaft mit großen Klassenunterschieden

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Die Autorin erzählt von jungen Menschen, die in der Gesellschaft keine Chance haben.

Messina erzählt von einem Frankreich, in dem die Klassenunterschiede stärker denn je hervortreten, in dem die, die nicht zur Oberschicht gehören - wie Aurélie und der Einwanderer Alejandro - kaum Chancen haben aufzusteigen.

Aurélie hat als erste in ihrer Familie das Abitur gemacht und sich zum Jurastudium angemeldet. An der Universität trifft sie auf gelangweilte Dozenten, und die Mehrzahl der Kommilitonen sind "Bürgerkinder", mit "netten Gesichtern ohne Zukunftsangst". Aurélie bleibt eine Außenseiterin. Mittelmaß und Desinteresse stoßen sie ab.

Das Schul- und Hochschulsystem förderte den Aufstieg mäßig kompetenter Personen auf Kosten der Superkompetenten oder der Totalversager. Letztere, weil sie nichts zustande brachten, Erstere, weil sie eine Gefahr für das System und seine Konventionen darstellten. Der Mittelmäßige sollte über nützliche und praktische Kenntnisse verfügen, die nicht ausreichten, um seine eigene ideologische Basis zu hinterfragen. Leseprobe

Aus Verzweiflung geht Aurélie nach Paris

Einzig in den Stunden mit Alejandro findet Aurélie Halt - und irgendwann auch die Liebe. Doch er will sich nicht festlegen. Er verlässt Grenoble, sie stürzt ins Bodenlose, verliert jegliches Interesse am Studium und geht schließlich mit einem Koffer nach Paris, in der Hoffnung, dort neu anfangen zu können.

Doch sie findet nicht einmal eine Wohnung, zu teuer, haust in einer Jugendherberge und hält sich mit einem schlecht bezahlten Job bei einer Agentur für Empfangspersonal über Wasser.

Aurélie war sehr jung, sie hatte noch viele Jahre vor sich, und diese Aussicht begeisterte sie nicht. Sie hätte eine Wahrsagerin nicht nach einem Leben nach den Tod gefragt, sondern nach dem davor. Leseprobe

Ein vernichtendes Zeugnis für den Staat

Glück scheint nicht vorgesehen. Desinteresse, soziale Vorurteile, Mittelmäßigkeit und der fehlende Glaube an ein Ziel prägen die Gesellschaft. Die wird regiert von einer Elite, die offensichtlich in erster Linie am Erhalt ihrer Macht interessiert ist.

Wie Edouard Louis, zwei Jahre jünger noch als Messina, stellt die Autorin dem Staat ein vernichtendes Zeugnis aus. Konnte man Louis' autobiografische Romane teilweise als Erklärung für die Entstehung der Gelbwestenbewegung lesen, macht "Fehlstart" deutlich, von welcher Frustration Populisten unter den jungen Leuten und in den Städten profitieren könnten.

Manchmal gerät die Romanhandlung über die bittere, provozierende Analyse etwas in den Hintergrund, doch findet Marion Messina immer wieder zurück zu Aurélie und Alejandro. "Fehlstart" ist ein in seiner Hellsichtigkeit erstaunliches und herzzerreißendes Buch - an dessen Ende zumindest beim Leser aus der Frustration Wut erwächst.

Fehlstart

von
Seitenzahl:
168 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26375-8
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.02.2020 | 12:40 Uhr

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